Edgar Hilsenrath – Der Nazi & der Frisör

Gestern rief mich eine Bekannte an, die zufällig registrierte, dass irgendwer im Papiercontainer mal wieder Bücher versenkt hatte. Sofort auf den Drahtesel drauf und dort hin, u.a. fand ich den Hilsenrath. Kam mir sehr gelegen, denn letztens wollte ihn jemand ausleihen und musste feststellen, er war entfleucht.
Im Zusammenhang mit E.H. fällt mir noch etwas ein.
Wenige Lesungen sind mir haften geblieben, die gar keine waren – so z. B. eine der ersten Veranstaltungen im damals neu eröffneten „Einstein“, Stanisław Lem – im „Deutschlandhaus“, etwas später Schleef – irgendwo Hilsenrath (Camerstrasse?), dann lange nichts besonderes, bis fast hin zum neuen Jahrtausend – Kelly James dann noch in den 90ern…
Wer in den siebziger/achtziger Jahren alles Lesungen im kleineren Rahmen veranstaltete!
Öfters gings sogar nach Spandau!
Mit dem Mauerfall flachte es in Westberlin mächtig ab, leicht abgewandelt gings es dann aber niveauvoller in Ostberlin weiter.
Im Moment denke ich nur an den Buchladen am „Bayerischen Platz“, der war immer nach einer kurzen Radtour zu erreichen. Schon merkwürdig mit was sie an solchen Abenden manchmal aufwarteten, später ging mir das dortige Publikum irgendwann auf den Keks.
Gut, mittlerweile zähle ich auch zu den kulturell beflissenen Mumien der Nickelbrillenfraktion mit fleischfarbener Badekappe. Wenn sich aber ältliche, gutmenschelnde, pädagogisch vorbelastete Mädels in Rudeln breitmachen, die alle untereinander bekannt sind und auch kurz vor der Urne immer noch krampfhaft versuchen, sich in anschließenden Diskussionen „einzubringen“ (Es ist mir ein Bedürfnis, in jenem Zusammenhang eine Schublade zu öffnen und etwas aus meinem Erfahrungsschatz kundzutun – gerade kleinwüchsige TAZ-Leser haben es besonders drauf – diese Nasen kultivieren solches Gehabe bis zum Exzess.) auf eine Art, dass unsereins annehmen muss, sie haben scheinbar ihr ganzes Leben in einem träumerischen Wolkenkuckucksheim verbracht, nee.
Mir kam es manchmal noch schlimmer hoch, wenn ich deren Probleme vor solchen Veranstaltungen und in den Pausen auch noch mitbekam, da konnte man annehmen, bei denen handelt es sich um Angehörige von irgendwelchen Therapiegruppen auf dem Kulturstrich…
In der Zwischenzeit tauche ich auch nicht mehr zu beliebigen Ausstellungseröffnungen auf. Abgesehen vom nervigen Gesülze anlässlich solcher Events, mit dem „ganz wichtige“ Heinze langweilen, geht es dann untereinander sofort mit kulturbeflissenem Cocktail Smalltalk weiter, wobei nach entsprechenden Stichworten sofort diverse Krankheitsbilder durchgehechelt werden, zwischendurch kommen dann auch noch Kommunikationsprothesen zum Einsatz…

Versuche den Rest mal kurz zu machen.
Als Achim und ich damals im „Einstein“ registrierten, was dort für ein Publikum hockte, gestylte neureiche Kunstschickeria, drehten wir sofort bei. Pickten dann aber vor dem Haus noch ein Hörnchen ein, als plötzlich Stani auftauchte, der von uns gleich in ein Gespräch verwickelt wurde und ob es nicht möglich wäre, statt einer Lesung lieber über die anstehende Problematik nebst deren Darstellung zu diskutieren, denn das Buch könnten wir schließlich kaufen und selber lesen, grinsend ging er nach oben.
Lem stellte im Raum wirklich die Frage – lesen oder diskutieren? – im Folgenden mischten eine Hand voll Ex-Ossis den Laden auf. Da ich in solchen Situationen meinen Sabbel nicht halten kann, erhielt eine Tussi, „ich habe schließlich für eine Lesung den Eintritt entrichtet und möchte seine Stimme hören!“, die entsprechende Antwort von mir. Mein Vorschlag lautete, falls sie an Legasthenie leiden würde, sie das Buch kaufen ja könnte und es sich von der Oma vorlesen lassen sollte…
Im unmutigen Gebrubbel einiger Leute kam noch meine Frage in die Runde, wer überhaupt von Lem schon etwas gelesen hatte, es war kein Wessi drunter.
Kurz darauf brach das Eis und der Autor freute sich wie ein Honigkuchenpferd, anschließend gingen wir gemeinsam noch zum „Spatz“…
Die Lesung von Schleef begann ätzend, anscheinend saß ihm an jenem Abend ein Furz quer, außerdem schien Einar mit wesentlich mehr Zuhörern gerechnet zuhaben und bestand darauf selber zu lesen.
Hinzu kam, wer mit den Gegebenheiten seiner unmittelbaren Umgebung in Sangerhausen nicht vertraut schien, der konnte mit „Gertrud“ überhaupt nix anfangen. Während seines Vortrages schob er permanent recht unverständliche Erklärungen ein, stotterte währenddessen endlos und wurde immer ungehaltener.
Als anschließend Jürgen Fuchs begann ihm auf den Senkel zugehen, war alles zu spät.
In solchen Augenblicken kam hinzu, dass Einar oft versuchte sein sprachliches Handicap brüllen in den Griff zu bekommen, verkörperte dann den unberechenbaren Gefühlschaoten der ab diesem Zeitpunkt vollkommen respektlos mit einer verbalen Keule auf alles in seiner Umgebung eindrosch…
Ganz plötzlich lehnte er sich dann gestikulierend zurück oder verschränkte seine Arme und leuchtete lächelnd das Rund ab. Aber wehe dem, jemand nahm diese Kunstpause zum Anlass und versuchte etwas zu entgegnen, sofort war Schleef wieder auf 180 – wenn dann noch Alkohol im Spiel war…
Richtig interessant wurde es erst in der folgenden Stunden, als eine total übermackerte Runde im „Café Stresemann“ landete, bis man uns hinauskehrte…
Scheiße, ich bekomme nicht mehr zusammen wer alles mit in die Kneipe ging, auf alle Fälle Gerulf Pannach, Fuchs und noch einige aus Scheelfs ehemaligen Ost-Berliner Dunstkreis…
Zu Edgar Hilsenrath muss man nichts weiter ablassen, vieles an dieser großen Persönlichkeit ist einfach unbeschreiblich…
Kelly James ist eine ungewöhnliche Frau, das anschließende Frage&Antwortspiel nach ihrem Auftritt hätte sie schon wieder als Buch herausgeben können. Leider versagte ausgerechnet an jenem Abend mein analoges Aufnahmegerät…

3 Gedanken zu „Edgar Hilsenrath – Der Nazi & der Frisör

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