„Hüthchen“ – Am 26. Februar, vor hundert Jahren, schnupperte ein gewisser Oskar Huth erstmalig die berühmte Berliner Luft

Nach wenigen Monaten in Westberlin wurde der Kiez um den Savignyplatz meine bevorzugte Gegend zum allabendlichen Abhängen in verschiedensten Erscheinungsformen.
Zu meiner Zeit, Mitte der 1970er, galten zumindest meine vielen bevorzugten Kneipen dort, bis auf das Go in, noch als No-go-Area für Myriaden von Touries.
So wurden Schwaben, Bayern, Ruhrpöttler und andere Wessis lediglich geduldet, wenn es sich bei ihnen um Kunstschaffende irgendwelchiger Art, durchgeknallte Lebenskünstler und Zeitgenossen handelte, die keinen Trieb verspürten sich für Y-Tours schanghaien zulassen.
Mir fallen auf die Schnelle mehrere Kneipen ein, wo man zwingend unter sich bleiben wollte, darunter fielen Musikpinten, wie Banana, Steveclub und Folk-Pub. Nur zum Saufen und den obligatorischen Luftschlachten am Tresen, da trafen wir uns z. B. im Café Bleibtreu, dem Zilllemarkt (Der war jahrelang meine Stammkneipe, zudem ein alter Bekannter aus Potsdam dort die Tresenschlampe mimte. Nach altem Brauch wurde kurz nach der Geisterstunde alle unverkauften Fressalien auf den Tresen gestellt, wir schlugen uns dann immer noch die Plautze voll und anschließend erfolgte der Stellungswechsel in den Z-fisch.), der Dicken Wirtin und natürlich dem Zwiebelfisch. Wobei letztgenannte Hütte, die elitärste sämtlicher aufgezählter Stampen war, allerdings auch der originellste Laden, schon wegen der dort anzutreffenden Zecher. Einem repräsentativen Querschnitt, hauptsächlich der Berliner Szene, Boheme ebenso wie gepflegte und ungepflegte Zeitgenossen, Nachtschwärme, die anschließen nachhause stolperten, Wichtigtuer ebenso Blindfische, reale Künstler und solche die es irgendwann mal sein wollten…
In jenen Tagen lernte ich dort auch Hüthchen kennen. Faszinieren fand ich später die Tatsache, dass er mir in den unterschiedlichsten Kneipen immer wieder über den Weg stolperte. Allerdings in solchen Läden, wo man nicht permanent auf Stinos traf.
Einige hartgesottene Hüthchen-Enthusiasten*INNEN usw. trafen sich trotz Windchill-Effekt und gefühlten 8 Grad unter der Réaumur-Nullmarke am Grab vom Schefff.
Musste wiedermal feststellen, Allohol wärmt nicht! Dabei hatte ich mir einen hochprozentigen Verschnitt hergestellt – fifty/fifty – dafür Omas Apfelkuchen-Likör mit 95er polnischen Sprit verdünnt, ihn aber anschließend nicht getestet! Dieses Zeug konnte ich keinen anbieten, es schmeckte wie ein geschlafene Füße, auf die Schnelle wurde ich den Geschmack auch nicht mit einem Kaugummi wieder los…
Gott sei Dank hatte man in der Runde vorgesorgt mit Nordhäuser Doppelkorn aus meiner kalten Heimat, zwischendurch gab es noch einen feinen Anisbrand aus Kolumbien.
Will es kurz nun gestalten.
Im hinteren U-Bahnausgang, der einem Fuchsbau gleicht, hatte ich vorher noch ein Erlebnis der vierten Art. Kam die Treppen hoch und vernahm von einem Männchen und einem Weibchen tierisches Gebrüll auf Russisch. Leuten kamen mir vom Mittelgang entgegengerannt, der zur anderen Treppe auf der gleichen Eben führt. Dann konnte ich die beiden Gestalten sehen, vielleicht Anfang dreißig, wie der Typ den Kopf von der Frau mehrfach gegen die Wand knallte. Ihre dicke Strickmütze schien einiges abzuhalten, denn dabei hieb Madame mit ihrer Handtasche auf den Angreifer ein, nebenbei wurde getreten. Alles ging sehr schnell, dann saß ein Haken mit dem Knie. Er schrie anders auf, sie musste voll seine Nüsse getroffen haben, sich krümmend griffen beide Händen in die Gegend, seiner nun leicht deformierten edlen Teile, wobei die Frau ihm sofort entwischte.
Musste den ganzen Friedhof überqueren, durch Mithilfe eines Pärchens wurde das nicht gleich ersichtliche Grab gefunden, machte sofort einige Fotos. Muss ja sagen, dass ausgerechnet der Berliner Oberdorfschulze einige Strunken nebst entsprechender Schleife auf dem gammeligen Ehrengrab drapieren ließ, fand ich eine Sauerei…
Von Klaus M. – GALERIE TAUBE – konnte man einen sehr schön gestaltetes Nostalgie-Broschüre erstehen. Anschließend wurde ein Geburtstags-Festgesang auf den edlen dahingegangen Künstler aller Klassen intoniert, welcher beim zweiten Anlauf doch recht gut gelang.
Mystik des Zufalls wurde noch aus dem Faltblatt vorgelesen, anschließend etwas geschnackt, dann trennte sich Gemeinde. Einige traf ich hinterher in der Galerie wieder…
– FLICKR: „Hüthchen“ – Oskar Huth

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