Ende 1989, irgendwo in der Zone

Ich habe immer alles getan, was mir Papa und Mama gesagt haben. Dispil, Displizin ist alles! Schließlich ist Papa deshalb etwas geworden.
Durch die Gnade der späten Nachgeburt brachte er es in jungen Jahren bereits zum Jungscharführer. Wenn der Russe nicht gekommen wäre, so manches hätte ihm offen gestanden. So kam damals nur die Entnazifizierung, „unter Gewaltanwendung“, wie er mir erzählte. Allerdings kenne ich es von Mama anders. Er lag als einziger weinend im Panzergraben, die feigen Kameraden vom Volkssturm verpissten sich, als plötzlich ein Iwan vor ihm stand. Der schrie ihn an: „Kind! Dawai damoi!“ und trat ihn fürchterlich in seinen Arsch.
Dieses einschneidende Erlebnis war der Anlass, sich auf einer „Knüppelakademie“ zum Neulehrer für Russisch und Staatsbürgerkunde ausbilden zu lassen und bedauerte es immer, dass nicht wie zu Opas Zeiten, eine niedrige Parteibuchnummer beim Aufstieg groß in’s Gewicht fiel. Mein Alter war ein „beliebter“ Lehrer. Ich bekam es schon in frühester Kindheit von anderen Gören zu spüren. Er entwickelte sich zu einer allseitigen sozialistischen Persönlichkeit, kam sehr lebensfroh daher. Bei mir handelt es sich um einen Nachkömmling aus dritter Ehe.
Papa war auch politisch sehr aktiv, seine vielen Orden und Auszeichnungen haben mich immer beeindruckt. Allerdings ging der Genosse am liebsten mit Freunden zu Versammlungen, wo die Bücher von MARXENGELSLENIN Henkel besaßen. Wenn er dann abends nach Hause kam, war das manchmal mit viel Krach verbunden. Oft ging Mama an den nächsten Tage nicht aus dem Haus, da ihre Augenränder bläulich schillerten, wie sowjetischer Stahl. Ihre Ausrede, dass unser Türen sehr hoch angebrachten Klinken besaßen, nahm ihr schon lange keiner mehr ab. Papas Art stählte mich, deshalb begann ich auch alles mitzumachen, bekam allerdings dafür keine Auszeichnungen. Konnte aber die fett gedruckten Zeilen aus dem Stabü-Buch besser und schneller aufsagen als ein Gedicht von Goethe oder Schiller. Von ihm kam dann öfters, „als Offizier bei der NVA brauchst du dies später sowieso nicht.“
Allerdings bekam Papas Geradlinigkeit mal mächtige Schrammen, als die Polizei ihn mit 2,6 Promille auf der Heimfahrt von seiner Freundin erwischte, damals noch im Trabbi. Mit so wenig Blut im Alkohol treibt sich schließlich keine sozialistische Persönlichkeit zu nachtschlafender Zeit auf der Straße herum.
Aber Papi drehte wieder alles zum Besten. Auf einer bestimmten Behörde gelobte er mit scheelem Blick auf Onkel WU Besserung und nahm seit dieser Zeit sein Lehrerkollektiv etwas genauer unter die Lupe. Gewisse Sachen die er für wichtig erachtete, wurden weitergeleitet. Mama erhielt dann zum Frauentag immer riesige Geschenke und freute sich, wie gut ihr lieber Gatte mit seinem bisschen Taschengeld wirtschaftete.
Dann kam alles ganz anders.
Papa regte sich immer fürchterlich auf, wenn er abends während der Tagesschau die Bilder aus Leipzig und Berlin sah. „Dieses langhaarige Gesockse, diese Asozialen, sollen doch erst mal richtig arbeiten gehen!“ Mama gab ihm dabei immer recht.
Am folgenden Montag, nach der Maueröffnung, ließ sich Papa wegen eines nervösen Magenleidens krankschreiben und wir fuhren in den Westen.
Vati war toll. Hat er es doch fertig gebracht, mit irgendwelchen Papieren auf zuwarten, so dass wir achthundert Mark Begrüßungsgeld erhielten, ich mir endlich einen vernünftigen Walkman kaufen konnte und deshalb nicht mehr meine Umgebung nervte mit dieser lauten „Affenmusik“, wie der Alte immer sagte.
Sein Direktor war schon lange aus der Partei ausgetreten, da begann Mama ihn auch zu diesem Schritt zu drängen, was er ein paar Wochen später auch tat. Von dem Tage an ging Paps zu jeder Demo, wo sie schrieen: „Wir sind ein Volk“. Dies hatte auch für uns etwas Gutes, er kam nicht mehr so oft besoffen nach Hause.Vollends drehte er durch, nachdem er den einzigen großen Kanzler dieser, unserer ganzen Republik live erlebte.
Aber nichts ging ihm schnell genug. Mama musste die Koffer packen und Vater sperrte mich in die Besenkammer mit der Auflage, das Deutschlandlied auswendig zu lernen. Schließlich kannte er meine Begabung, was das Lernen von Gedichten anging. Meinen Einwand, ich bräuchte mir doch nur eine Strophe einzutrichtern, ließ er nicht gelten, „Schließlich weiß man ja nicht, was noch kommt!“.
Seit Tagen hocke ich nun schon in diesem Kabuff und draußen rührt sich nichts mehr.
Ich glaube, meine Eltern sind ohne mich in den Westen gegangen. Nur gut, dass in dem Walker Westbatterien sind, diese longlife, sie wissen schon von welcher Firma, aber auch die halten nicht ewig.
Es ist zum Kotzen! Nun kann ich mittlerweile das Deutschlandlied sogar singen. Es wird mir aber nichts mehr nützen, wenn mich hier mal jemand findet.

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