24. Mai 2008

AMERIKAFIBEL FÜR ERWACHSENE DEUTSCHE

Abgelegt unter: BÜCHER — ede @ 12:14

- SACHBUCH -

Margret Boveri, AMERIKAFIBEL FÜR ERWACHSENE DEUTSCHE, Minerva-Verlag, 1946

Ich bin im Besitz einer Originalausgabe, bevor dieses Buch damals verboten wurde. Es wird heute wieder verlegt. Mir ist aber nicht bekannt, ob in der Neuauflage zensiert wurde.

Zum Thema ein Kommentar aus dem Tagesspiegel, anschließend mein Senf dazu.

*

TAGESSPIEGEL, 6. July 2005, Roland Berbig

An ihrem Grab wollte sie keine Rede, nur Musik, am liebsten Schubert. Pfarrer Heinrich Albertz, vormals Westberliner Innensenator, hätte seinem Gemeindemitglied, der Journalistin Margret Boveri, gerne Abschiedsworte gesprochen. Das hatte sie sich verbeten. Wenige Worte des Geleits, zwei Psalmtexte, und damit genug.
Wer sich heute, dreißig Jahre später, ein Bild von dieser kleinen, resoluten und welterfahrenen Frau verschaffen will, geht auf Entdeckungsreise. Fotos von Margret Boveri, die am 14. August 1900 im unterfränkischen Würzburg geboren wurde, zeigen eine selbstbewusste Person: auf einem Kamel vor ägyptischen Pyramiden posierend, am Schreibtisch residierend oder werkelnd im Steingarten ihres Hauses. Den Bildern ist kaum anzusehen, dass diese Frau für die politischen und kulturellen Wandlungen ihrer Zeit ein Sensorium besaß wie wenige. Ihr Vater Theodor Boveri, den sie liebte, und ihre Mutter, eine US-Amerikanerin, die sie nicht liebte, waren bedeutende Zoologen. Nach kurzem Probelauf in dieselbe Richtung riss Boveri das berufliche Ruder herum, studierte Germanistik, Anglistik und Geschichte und promovierte an der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität über Sir Edward Grey, den britischen Außenminister im Ersten Weltkrieg. Sie legte ein gewaltiges außenpolitisches Archiv an, bereiste die Kontinente, und füllte die Spalten renommierter Zeitungen und Zeitschriften.
Was auf den ersten Blick wie die Musterkarriere einer jungen Frau aussieht, bedarf auf den zweiten der Rechtfertigung. Denn Boveris Aufstieg vollzog sich im nationalsozialistischen Triumphjahr 1933, während der Gleichschaltung der Presse und der hemmungslosen Lösung der „jüdischen Frage”. Boveri blieb in Deutschland – bis zu ihrem Tod wurde sie deshalb angefeindet. „Sie haben durch Verbleiben in Deutschland und durch Berichte für Deutschland”, wird ihr Uwe Johnson Anfang der Siebzigerjahre unwidersprochen vorhalten, „sich sowohl für Rassenschande-Urteile wie die Intervention in Spanien erklärt in Form einer Stellungnahme.” Die anfängliche Philosemitin, die mit Martin Buber korrespondierte und einen Artikel mit dem Titel „Selbstgespräch über die Juden” verfasste, fühlte sich irgendwann sogar „reif für die Partei”, der sie aber nie beitrat. Selbst eine kurze Verhaftung 1935 mit einer Einvernahme im Gestapo-Hauptquartier irritierte sie nicht.
Mit dem „Berliner Tageblatt” unter dem von ihr verehrten Paul Scheffer fand Boveri 1934 einen Ort, der ihr die gewünschte Arbeitsmöglichkeit bot. Wer die materialreiche Biografie von Heike B. Görtemaker liest, der bekommt eine Ahnung, was eine derart nüchterne, aufgeklärte, von liberalen Verhältnissen geprägte Persönlichkeit am Berliner Presse betrieb jener Jahre faszinierte: Man sah das Räderwerk der Macht rotieren, erkannte dessen Wirkung und nährte doch die Illusion, es gebe Nischen für geistige Schmuggelware zwischen den Zeilen.
Wie viel Welt Boveri auch sah zwischen Griechenland, Italien, dem Orient und aus dem Waggonfenster der Transsibirischen Eisenbahn, sie blieb an den Fäden nationalsozialistischer Machtausübung hängen. Wer will, kann ihr daraus einen Strick drehen.
Für die „Frankfurter Zeitung” war sie seit 1938 tätig. Im Herbst 1940 ging sie als Korrespondentin nach New York, wo sie zu Beginn des Zweiten Weltkriegs interniert wurde: Wenn jemand aus amerikanischer Sicht Misstrauen verdiente, dann Boveri. 1942 kehrte sie per Schiff nach Europa zurück, war in Portugal und Spanien tätig, um im März 1944 wieder nach Berlin zu ziehen. Dort fand sie in dem hohen Beamten Adam von Trott zu Solz einen Gesprächspartner über ein Deutschland nach Hitler. Dass er im deutschen Widerstand war, ahnte sie wohl, erfahren hat sie es wahrscheinlich erst später.
In der Reichshauptstadt tobte die letzte Pressesäuberung der Nazis – und wieder versuchte Boveri, von allen Übeln das Geringste zu wählen. Sie schrieb für „Das Reich” (über Amerika!), ein Blatt, mit dem Goebbels noch einmal die in Deutschland gebliebenen Intellektuellen binden wollte. Ihre Rundbriefe über Berlin 1945 wird Boveri 1968 veröffentlichen – zögernd, weil sie mit den Berichten über die russischen Vergewaltigungen nicht den Entspannungsprozess gefährden will: „Tage des Überlebens” beschert ihr etliche Preise.
Nach dem Kriegsende, das sie als Niederlage begriff, begann die zweite Karriere Margret Boveris. Ihre Amerika-Fibel für erwachsene Deutsche, 1946 veröffentlicht und von den US-amerikanischen Behörden verboten, entwarf ein nüchternes Bild von der Besatzungsmacht. Der Text polarisierte. Sein spiritus rector: Ernst Jünger. Die Fibel, schrieb Boveri an den zeitweilig maßlos Bewunderten, wäre „nicht in dieser Form geschrieben worden, wenn Ihre Bücher mir nicht ein neues Sehen beigebracht hätten.” Wie Jünger wollte sie sich keiner neuen Macht andienen und sah in der rückhaltlosen Westbindung, für die Konrad Adenauer stand, ein Verhängnis. Mit gleicher Entschiedenheit verurteilte sie die politische Entwicklung im Osten. Als sich ihre kritische Haltung gegenüber Adenauer und Bonn herumsprach, lockte Pankow mit Einladungen – verlockend war ihr das nie. Sie träumte vielmehr von einer deutschen Wiedervereinigung unter neutraler Flagge. Als sie 1951 einen Artikel an die „FAZ” schickte, in dem sie für die Deutschen diesseits und jenseits des Eisernen Vorhangs eine politikfreie Zone forderte, ein Niemandsland der Gemeinsamkeit, war man dort schlicht entsetzt.
Die Gesellschaft, in die sie durch diese Haltung geriet, war Boveri nie ganz geheuer. Mit Recht spricht ihr Biograf Görtemaker daher vom Rückzug ins Feuilleton. Boveri ging an ihre große Arbeit über den Verrat im 20. Jahrhundert, die zwischen 1956 und 1960 in vier Teilen herauskam. Dem Verdienst dieses Kompendiums, über weite Strecken glänzend geschrieben, stehen gewichtige Einwände gegenüber: Man warf ihr vor, sie habe einen Mann wie den hingerichteten Helmuth Graf von Moltke zum „Verräter” gestempelt, aber den größten ausgelassen – Hitler.
Die Kritik des jungen Jürgen Habermas, Boveri binde die Repräsentanten der „militanten Gegenaufklärung” (die Widerständler des 20. Juli eingeschlossen) an die konservative Revolution und ignoriere die Gewissenshaltung, traf den neuralgischen Punkt des Buchs.
Unterdessen hatte Boveri sich ihren Platz in der bundesrepublikanischen Presselandschaft erobert. Man wollte sie erneut ins Ausland schicken. Sie jedoch unternahm 1965 mit ihrem provokanten Buch „Wir lügen alle. Eine Hauptstadtzeitung unter Hitler” den heiklen Versuch, die journalistische Ära vor 1945 vom Vorwurf nationalsozialistischer Gleichschaltung zu befreien. Auf Boveris letztes Lebensjahrzehnt fällt wiederum helles Licht. Mit der Gestalt John F. Kennedys wandelte sich ihr Amerika-Bild, Brandts Ostpolitik war ihr Bestätigung, und in der Begegnung mit Uwe Johnson entdeckte sie sich selbst noch einmal neu. Die Fotografien jener Zeit zeigen eine schön gewordene alte Frau. Dem Schriftsteller vertraute sie ihre Lebensaufzeichnungen an, dem Ehepaar Johnson stand sie auch bei kritischen Fragen Rede und Antwort.
Johnsons Wort „Frau Boveri wusste zuviel” ist weise. Wie ein Leitspruch steht es über einem Leben, für das der einfache Nenner fehlt, auf den es zu bringen wäre.

- Neu erschienen sind: Margret Boveri: Tage des Überlebens. Berlin 1945. wjs Verlag, Berlin. 328 S., 22 €.
- Margret Boveri: Wüsten, Minarette und Moscheen. Im Auto durch den alten Orient. wjs Verlag, Berlin. 208 S., 19,90 €.
- Heike B. Görtemaker: Ein deutsches Leben. Die Geschichte der Margret Boveri. 1900-1975 C. H. Beck, München. 416 S., 26,90f.
- David Dambitsch: Eine Dame von Welt. Die politische Journalistin Margret Boveri (1900-1975). Air Play-Audio. (Hörbuch)

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Finde ich herb, dass Roland Berbig im TAGESSPIEGEL, vom 6. Juli 2005, anlässlich des 30sten Todestages von Margret Boveri gerade mal fünf Sätze in sein Notebook hackte, was für meine Begriffe ihr wichtigstes Buch angeht: die „AME­RIKA-FIBEL FÜR ERWACHSENE DEUTSCHE“.

Dieses Büchlein scheint wohl vielen peinlich zu sein, sonst würde es sicher mal wieder verlegt werden, wie andere politische Betrachtungen der Dame. Kollidiert es etwa mit der politischen Korrektheit verantwortlicher Gutmenschen, die Angst vor der antiamerikanischen Schublade haben. Denen es nicht in den Kram passt, dass christliche Eiferer und Kriminelle das Sagen hatten (auf vielen Ebenen heute noch haben), als vor ein paar hundert Jahren europäische Weißbrote den Kontinent besiedelten, und nebenher die dort Ansässigen Rothäute gnadenlos eliminierten, ich würde diesen Kollateralschaden Völkermord nennen. Nebenbei aber Unmengen von schwarzem Menschenmaterial aus Afrika importierten, es unter bestialischen Verhältnissen hielten, und deren Arbeitskraft bis zum Umfallen ausquetschten.

Dies alles geschah unter dem Feigenblatt einer sich im Selbstlauf für sie zu recht geschnittenen Demokratie, allerdings geht Frau B. auf beide vorher erwähnte Probleme nur in Nebensätzen ein.

M.B. stellt es schon recht ansehnlich dar, was gewisse Angehörige der weißen US-amerikanischen Sippschaft ewig und immer dazu drängt, sich überall als Weltpolizisten zu profilieren. Wobei diese selbsternannten Demokratieverbreiter und Hüter allerdings sehr wenig Selbstbewusstsein zeigen, deshalb bei der Problemlösung auch wenig Sensibilität an den Tag legen.

Was die Amis immer noch nicht geschnallt haben, the times they are a-changin’, aber der Wandel betrifft in keiner Weise den homo sapiens. Denn der befindet sich immer noch auf der Stufe eines Jägers und Sammlers. Es haben sich in den vielen tausend Jahren lediglich die Ebenen verschoben auf denen er lustwandelt. Ein Muselmane, der beschließt mit Hilfe von Sprengstoff, freiwillig sein Leben zurückzugeben und andere Menschen unfreiwillig an seinem Vorhaben teilnehmen lässt, um anschließend auf Grund eines zugesicherten Freifahrtscheines ins Paradies, dort bei seinen vielen imaginären Jungfrauen anzudocken, ist keinen Deut besser oder schlechter als die damaligen und heutigen christlichen Eiferer in Gods own country.

Für mich gibt es nur einen kleinen Unterschied bei der Betrachtung ihrer Kosten/Nut­zenrech­nung, wenn beide Seiten versuchen ihre Weltanschauung anderen zu oktroyieren. Wobei ich zu dem Schluss gelange, diese Rechnung geht nicht zu Gunsten der Verfechter einer Demokratie christlichen Gebarens auf, wenn sie ewig mit Milliardenaufwand Militärmaschinerien in Gang setzen, um ihr ideologisches Potential in die entsprechenden Länder zu bomben. Da finde ich die Metapher aus Vietnamkriegszeiten nicht lustig, als das Pentagon den Auftrag erteilte, dieses südostasiatische Ländchen mit Hilfe der Luftwaffe wieder in die Steinzeit zu befördern… (Fußnoten: In einem zehn Jahre dauernden Krieg, wurden in Vietnam fast 3 Millionen Menschen gekillt, über die Hälfte davon Zivilisten, knapp 70 000 GI´s fielen in dieser Zeit auf dem Feld der Ehre…Oder siehe jene demokratische Aktion gewisser US-amerikanischer Kreise , die an einem nine-eleven in Chile begann und diesem Land viele Jahrzehnte unsägliches Leid bescherten.)

Da scheint es doch heute wesentlich effektiver, wenn ein junger Mensch für seinen Glauben eine „FREI­TOD ICH AG“ gründet. Jenes, von Sponsoren mit Semtex bestücktes Leibchen um­schnallt, oder frei nach einer Devise westlichdekadenter Ungläubiger, der da lautet: GEIZ IST GEIL, die preiswertere Dynamitvariante wählt, um sich dann mit einem freudigen Ausruf: „Allah o akbar“ auf den Lippen, in die Massen stürzt und dort große Mengen Asphaltgyros produziert.

Finde ich natürlich auch Scheiße, denn ich hasse jegliche Art von Missionierung. Allerdings als Zonengeschädigter, – “Die Idee vom Sozialismus war ja nicht verkehrt, leider haperte es geringfügig bei ihrer Umsetzung…” – kommt mir „Demokratie“ heute vor, wie ein eitriger Furunkel am Arsch reicher Industrienationen… Ede, July 05

1 Kommentar »

  1. Ist schon interessant, was die Journalistin sich da damals aus den Fingern gesogen hat. Gerade in Hinblick, was heutzutage geschriebselt wird … Jedenfalls von Ideologieferne eigentlich nur vorbildlich. Das mit der amerikanischen Mentalität wird mir auch klar, ob es nun die Waffennarren da drüben sind oder generell die sehr vereinfachte Weltsicht. Fielleicht am besten mal einfach absägen, die Lehne. Und fertig ist der vierbeinige Hocker!

    Kommentar von Micha — 26. Mai 2008 @ 21:23

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