{"id":10645,"date":"2010-12-11T22:48:07","date_gmt":"2010-12-11T21:48:07","guid":{"rendered":"http:\/\/12decode.de\/zonenklaus\/wordpress\/?p=10645"},"modified":"2010-12-11T22:48:07","modified_gmt":"2010-12-11T21:48:07","slug":"dieses-geschreibsel-gehorte-eigentlich-zum-8-dezember","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/zonenklaus.de\/wordpress\/?p=10645","title":{"rendered":"Dieses Geschreibsel geh\u00f6rte eigentlich zum 8. Dezember"},"content":{"rendered":"<p>Der Winter 1967\/68 gestaltete sich reichlich herb, viel Schnee, Frost und Hochwasser in den kurzen Tauperioden.<br \/>\nDa man der ewigen Langeweile in der Kaserne sonst nicht entfliehen konnte, waren die wenigen Stunden\u00a0 au\u00dferhalb immer ein erhabenes Gef\u00fchl, weil nebenbei die Best\u00e4tigung einherging, dass man noch lebte und endlich mal wieder etwas sinnvolles tat. W\u00e4hrend solcher Eins\u00e4tze trampelten einem die beknackten Vorgesetzten auch nicht ewig auf den Eiern herum.<br \/>\nZweimal wurden wir bereits im Dezember zum Schneebeseitigen in Halle-Neustadt eingesetzt, bei nicht allzu starken K\u00e4ltegraden. Mehrheitlich lungerten die Uffze und Offiziere schwatzend an windgesch\u00fctzten Stellen in unserer N\u00e4he herum, lie\u00dfen uns aber in Ruhe. K\u00f6rperliche Bet\u00e4tigung schien absolut nicht ihr Ding zu sein.<br \/>\nVon der Bev\u00f6lkerung gab es andauernd leckere Fressereien, Kaffee, Tee mit Rum &#8211; manchmal befand sich mehr hei\u00dfer Alkohol in den Tassen als Partikel des Aufgussgetr\u00e4nkes.<br \/>\nGleich zu Beginn des neuen Jahres wurde Hochwasseralarm f\u00fcr die mittleren und s\u00fcdlichen Bezirke der DDR ausgel\u00f6st. Unsere Kompanie wurde f\u00fcr den Ernstfall zur Sicherung des Selketales im Harz vorbereitet.<br \/>\nEinige Tage marschierten wir jeden Morgen durch den Stadtteil &#8220;Silberh\u00f6he&#8221; zur Wei\u00dfen Elster, um in deren Sumpfgebiet Faschinierungsarbeiten zu \u00fcben. Was letztendlich hie\u00df, Sands\u00e4cke f\u00fcllen, stapeln, auskippen. Neuerlich f\u00fcllen und abermals irgendwo \u00fcbereinander schichten. Langsam nahm alles Ausma\u00dfe von Schikanen an.<br \/>\nNicht nur, dass wir tags\u00fcber in Schlamm und Feuchtigkeit herum wateten, in der Kaserne erwarteten uns noch zus\u00e4tzlich diverse \u00dcbungsalarme. Um dem Ganzen noch die restliche W\u00fcrze zu geben, mit Verladung der gesamten Kompaniemunition, sowie Notverpflegung und dem ganzen Sani-Ger\u00f6del.<br \/>\nEs war zum Kotzen, denn \u00fcber Nacht wurden die Klamotten nicht mehr trocken, um Energie zu sparen, wurde au\u00dferdem mit verminderter Heizleistung gefahren.<!--more--><br \/>\nF\u00fcr mich standen allerdings immer ein drittes oder viertes Paar trockener Stiefel im Keller herum, beim Kompaniekammerbullen. Jenes Privileg wurde mir zuteil durch Poldi, einem Schulkameraden aus Stolberger Heimtagen. Diese Botten stammten aus tschechischer Produktion, sehr weiches Leder, eingegossen in \u00e4u\u00dferst elastische Kautschuksohlen mit tiefen Profilen. Im Spind konnte ich jene Teile nicht aufbewahren, sie waren total mit Vaseline versiegelt und lie\u00dfen sich darum nicht auf Hochglanz wienern. Deutsche Soldatenstiefel haben jeder Zeit zu gl\u00e4nzen, deswegen ist Wasserundurchl\u00e4ssigkeit vollkommen nebens\u00e4chlich.<br \/>\nFrische Kampfanz\u00fcge gab f\u00fcr auserkorene Leute auch, allerdings war meine Gr\u00f6\u00dfe nicht immer vorr\u00e4tig. Dieses Manko erledigte sich fast von selber, im entsprechenden Augenblick gab es immer einen gro\u00dfen Riss in den Klamotten, Ersatz kam prompt aus der Bereitschaftseffektenkammer.<br \/>\nIn meinen 18 Monaten habe ich nicht ein einziges Mal so ein Teil gewaschen, au\u00dferdem ewig frische Klamotten getragen. Ganz zu schweigen von der Zeit, die ich durch Beziehungen und meine Aktionen gespart habe. Anfangs taten mir jene Soldaten noch leid, die nicht in der Lage waren, auch nur ein bisschen herum zu tricksen&#8230;<br \/>\nMit einem Ausflug in den Harz wurde es dann doch nichts, da pl\u00f6tzlich wieder Frost einsetzte.<br \/>\nAn einem Freitagabend kam f\u00fcr zwei Z\u00fcge der Befehl zum Aufsitzen, ohne den \u00fcblichen Firlefanz. Auf der Strecke nach K\u00f6then musste ein Zug aus dem Schnee gebuddelt werden.<br \/>\nDie ganze Angelegenheit konnte lustig werden. In der Annahme, dass der Tag gelaufen war, hatten Fassi (auch ein Klassenkamerad aus Harzer Tagen) und ich auf der Kraftfahrerbude schon m\u00e4chtig gebechert und jetzt dies! Mengenm\u00e4\u00dfig gar nicht so viel, vielleicht anderthalb Zahnputzbecher &#8211; aber der Inhalt tat das Seine. F\u00fcr besondere Anl\u00e4sse bunkerten Poldi und der stellvertretende Waffenscheich je eine Feldfl\u00e4schchen f\u00fcr mich. Der Cocktail bestand aus einem dreiviertel Liter Kirschlik\u00f6r und einem halben Liter 96%igen Sprit.<br \/>\nFassi traute sich nat\u00fcrlich nicht, \u00fcber seine innere Beschaffenheit Auskunft zu geben. Besoffen ging er auf den Bock. Mir wurde ganz anders. Seine Brinolfahne versuchte er mit Pfeffis und Kettenrauchen zu verbergen.<br \/>\nHinter Halle begann heftiges Schneetreiben, dass es den Scheibenwischern Schwierigkeiten bereitete, klare Sicht zu schaffen. Ich, der sonst immer gleich unter einer Bank lag und grunzte, war hellwach und beobachtete den Fahrer durch die r\u00fcckw\u00e4rtige Scheibe.<br \/>\nZugf\u00fchrer Giesekalle bekam wieder Schwierigkeiten mit dem Kartenlesen. Wir konnten ja nichts verstehen, aber merkten, wie er und Gruppenf\u00fchrer Kro\u00df gestikulierend mit einer Taschenlampe \u00fcber einer Karte gebeugt dasa\u00dfen, sich ansonsten auf den Kraftfahrer zu verlassen schienen.<br \/>\nFassi kutschierte sehr bed\u00e4chtig, riss aber pl\u00f6tzlich das Steuer so hart herum, dass alle dachten der LO kippt um. Ging ging am Stra\u00dfenrand in die Eisen, sprang aus der Karre und kotzte. Ich hinten runter, er nuschelte etwas, \u201eeigentlich war ich kurz eingepennt&#8230; mit Rechts ranfahren&#8230; Notl\u00f6sung&#8230; Kapos nicht mitbekamen&#8230;\u201c<br \/>\nDa wir die Kolonne schon lange verloren hatten, lehnte der Kutscher eine Weiterfahrt bei diesem Schneetreiben kategorisch ab. Rangierte lediglich die Kiste weiter an den Rand und erschien auf der Ladefl\u00e4che.<br \/>\nWas da alles zusammenkam. Vorgesetzte die wie \u00fcblich keine Karte lesen konnten, der Fahrer sturzbesoffen, Schneetreiben mit Sichtweiten von noch nicht mal zwanzig Metern und neben uns Wessis in dicken Kisten, die im Blindflug bei mindestens 70 km\/h und mehr, \u00fcber die Piste in Richtung Berlin rauchten.<br \/>\nAuf einmal fiel mir ein, was wollten wir denn \u00fcberhaupt auf der Autobahn?<br \/>\nNienberg musste doch zwischen Halle und dem Autobahnanschluss liegen. Nach Fassis Aussage standen wir in Richtung Berlin, aber an K\u00f6ckern noch nicht vorbei.<br \/>\nDas Schneetreiben lie\u00df etwas nach und der Fahrer erhielt den Befehl zum Wenden. \u00dcber den Mittelstreifen ging es ab in Richtung S\u00fcden. Nach halbst\u00fcndiger Fahrt fuhr er wieder rechts ran, vor einem Schild in Richtung Leipzig.<br \/>\nJetzt hatte der Fahrer die Schnauze gestrichen voll. Ansonsten ein ganz ruhiger Typ, schiss er beide Vorgesetzten zusammen, dass es nur so rappelte und erklomm zum wiederholten Mal die Ladefl\u00e4che.<br \/>\nAuf einmal schaute Giesekalle zu uns rauf.<br \/>\n&#8220;Ichens habe mal eine Frage an siezens. Dastens is n\u00e4mlich so, kennt sich einer von die Genossen hier aus?&#8221;<br \/>\nWir schauten uns gegenseitig an.<br \/>\n&#8220;Nee, das nicht, aber ich kann Karten lesen, zeig mal her.&#8221;<br \/>\nDa gab es eigentlich gar nichts zu lesen, durfte vorn neben dem Zugf\u00fchrer hocken und gab nun Anweisungen.<br \/>\nNochmalige R\u00fcckfahrt, diesmal von einer knappen Stunde. Endlich landeten wir in der N\u00e4he von Nienberg, wurden vom Ortssheriff eingewiesen und erfuhren, dass es darum ging, D-131 aus dem Schnee zu befreien.<br \/>\nDas gab vielleicht eine Bescherung!<br \/>\nAuf jener eingleisigen Strecke lagen die Schienen drei und vier Metern unterhalb des Niveaus der umliegenden Felder<br \/>\nEin Schneepflug, besser gesagt die Lokomotive mit Schiebeschild, war auf dem zusammengepressten Schnee aufgefahren, lag schr\u00e4g, ungef\u00e4hr anderthalb Meter hoch auf einem Eisblock in der wei\u00dfen Pracht. Unsere Aufgabe bestand darin, den nachfolgenden, eingewehten Zug freizuschaufeln, damit man ihn nach hinten wegziehen konnte. Um anschlie\u00dfend mit einem Kran die festgefahrene Lokomotive, die langsam umzukippen drohte, wieder auf die Schienen zu setzen.<br \/>\nEine schwerlich zu bew\u00e4ltigende Sisyphusarbeit, obwohl fast zweihundert Leute dort schufteten, weil s\u00e4mtliche frei geschaufelten Stellen mit affenartiger Geschwindigkeit erneut verwehten. \u00dcber einen Kilometer betrug die zu bearbeitende Strecke, dann lief der Bahndamm wieder \u00fcber den Feldern.<br \/>\nLangsam reichte es mir. Angepellt mit Unterw\u00e4sche, dar\u00fcber Hemd, Pullover,\u00a0 Drillichzeug, schlie\u00dflich der Kampfanzug und dar\u00fcber die verknotete Zeltbahn, das ganze Zeug schr\u00e4nkte meine Bewegungsfreiheit stark ein. Schwitzte permanent und bei der k\u00fcrzesten Arbeitsunterbrechung fror ich sofort.<br \/>\nEs sollte kontinuierlich gearbeitet werden. Wir gruben Stufen in den Schnee und schmissen die Brocken, die unten wie Torf abgestochen wurden, immer zum n\u00e4chst h\u00f6herstehenden. Langsam setzte ich mich, Arbeit vort\u00e4uschend, in Richtung Niemberg ab. In der Bahnhofsgasst\u00e4tte gab es kostenlosen Gl\u00fchwein, der einigen Staren bereits m\u00e4chtig zugesetzt hatte. Dieses Pack hockte warm in der Kneipe, schaukelte sich die Eier, soff und scheuchte die geschafften Soldaten wieder in Richtung Bahngleise.<br \/>\nNach einem kurzen, aber heftigen Spruch lie\u00dfen sie zumindest von mir ab. W\u00e4hrend meiner vierten oder f\u00fcnften Tasse erkundigte sich ein Reichsbahner, ob ich nicht Lust h\u00e4tte, mit ihm zu arbeiten. Er suchte zwei Leute, um Reisende mit hei\u00dfen Getr\u00e4nken zu versorgen. Nat\u00fcrlich stand ich augenblicklich auf der Matte. Mir schnallten jemand einen Thermosbeh\u00e4lter auf den R\u00fccken und gemeinsam machten wir uns in Richtung Zug auf.<br \/>\n&#8220;Immer sch\u00f6n langsam, Jungchen! Solange sie den Zug noch heizen k\u00f6nnen, geht alles seinen sozialistischen Gang. Hast doch sicher keine Lust auf raboti, raboti an der Schneefront?&#8221;<br \/>\nDer Alte fluchte wie ein Rohrspatz auf alle Organisatoren und dass irgendein Idiot auf die Idee gekommen war, hier zu pfl\u00fcgen, statt den Schnee zu fr\u00e4sen.<br \/>\nWar der Beh\u00e4lter leer, ging es zur\u00fcck in die Bahnhofskneipe.<br \/>\nKurze Pause.<br \/>\nIn der oberen Etage einige Runden Skat gekloppt und wieder zur\u00fcck, aber sehr gem\u00e4chlich. Da konnten Bedenken aufkommen, dass mir in Richtung Zug die Stiefel auf dem Weg anfroren.<br \/>\nEs war toll. Ich tat gegen\u00fcber den anderen eigentlich rein gar nichts mehr. Genoss drau\u00dfen sogar die polaren Verh\u00e4ltnisse, w\u00e4hrend ich innerlich gl\u00fchte.<br \/>\nFast alle Reisenden waren ausgesprochen freundlich, wenn nicht munterte wir sie auf. F\u00fcr viele schien es ein kurzes Abenteuer zu sein und kam mir vor wie jemand von der Heilsarmee.<br \/>\nSo verbrachte ich den Rest des Einsatzes sehr angenehm und war zum Schluss auch noch abgef\u00fcllt.<br \/>\nAlle Beteiligten konnten etwas l\u00e4nger pennen und erhielten anschlie\u00dfend Ausgang&#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Winter 1967\/68 gestaltete sich reichlich herb, viel Schnee, Frost und Hochwasser in den kurzen Tauperioden. Da man der ewigen Langeweile in der Kaserne sonst nicht entfliehen konnte, waren die wenigen Stunden\u00a0 au\u00dferhalb immer ein erhabenes Gef\u00fchl, weil nebenbei die Best\u00e4tigung einherging, dass man noch lebte und endlich mal wieder etwas sinnvolles tat. 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