{"id":14555,"date":"2011-10-14T14:45:01","date_gmt":"2011-10-14T13:45:01","guid":{"rendered":"http:\/\/12decode.de\/zonenklaus\/wordpress\/?p=14555"},"modified":"2024-12-19T16:54:31","modified_gmt":"2024-12-19T15:54:31","slug":"%e2%80%9esozialistischer-realismus%e2%80%9c-kommentiert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/zonenklaus.de\/wordpress\/?p=14555","title":{"rendered":"\u201eSozialistischer Realismus\u201c &#8211; kommentiert"},"content":{"rendered":"<p><strong>G<\/strong>estern suchte ich etwas aus meinem Archiv und fand es nat\u00fcrlich nicht, denn auch der analoge M\u00fcll w\u00e4chst mir seit Jahren bereits \u00fcber den Kopf. F\u00fcr meine Wenigkeit sind Container und Sperrm\u00fcllhaufen richtige Wundert\u00fcten. Manch einer verdiente mit seinen Fundst\u00fccken schon richtig Kohle, bei mir landet sie in irgendwelchen Regalen, eigentlich ist dieses Zeug dann auch wieder weg.<br \/>\nMeine Gattin nennt diese Sammelleidenschaft einfach nur Messie-Syndrom. Was eigentlich nicht stimmt, obwohl nebenher eine gepflegte Unordnung entsteht \u2013 aber (fast) nur in meinem Bereich.<br \/>\nWas im Keller passiert interessiert sie nicht, wobei zur letzten Wohnung noch zwei Keller geh\u00f6ren, in denen sich immer noch ein Haufen Fundst\u00fccke befinden.<br \/>\nWas ich nun gestern suchte, blieb verschollen, aber einige, lang vermisste Collagen tauchten wundersamerweise wieder auf, aber auch nur ein Bruchteil davon.<br \/>\nZu den A3 gro\u00dfen \u201eGunstwerken\u201c noch einige S\u00e4tze.<br \/>\n<strong>&#8211; M<\/strong>uss aber vorher noch etwas zu bedenken geben!<br \/>\nAuch in dieser Republik wird teilweise Alltagskunst fabriziert, die keinen Deut besser ist, als der Schei\u00df, den sie in der Zone \u201eSozialistischen Realismus\u201c nannten!<\/p>\n<p><strong>A<\/strong>nfang der 90-er fuhren Decker, Knofo und ich im Sp\u00e4thippielook nach <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=-DzsN5EJrE0\">W\u00fcnsdorf <\/a>und wollten der ehemaligen Anlage des OKWs, sp\u00e4terer Sitz des <a href=\"http:\/\/www.epochtimes.de\/194895_was-bleibt.html\">Oberkommandos<\/a> der Gruppe der Sowjetischen Streitkr\u00e4fte in Deutschland, eine Besuch abstatten und dort photographieren.<br \/>\nAn der Wache bestanden wir darauf, den Kommandanten zusprechen. Was so eigentlich nicht ging. Auf Grund des Einwandes, dass wir hier ausharren wollten, bis wir eine Besichtigung vornehmen durften, geleitete uns ein Major in das Besucherzimmer.<br \/>\nNach ca. 45 Minuten erschienen zwei Offiziere und ein Zivilist &#8211; sicher der V-Nuller (Verbindungsoffizier zur Staatsicherheit).<br \/>\nDie Russen nat\u00fcrlich ratlos, da sie nicht verstehen konnten, dass wir rein privat die Anlage betreten wollten, schlie\u00dflich wurde nach einem l\u00e4ngeren Telefongespr\u00e4ch die F\u00fchrung begonnen, zuvor aber unsere Daten genauestens notiert.<br \/>\nVor der Schule hatte sogar ein gemischter Kinderchor Aufstellung genommen, der mehrstimmig russische Volkslieder tr\u00e4llerte.<br \/>\nWas nicht nur mich sehr wunderte, alles war blitzblank und ein Haufen junger Soldaten pinselten ganz akkurat s\u00e4mtliche Bordsteine.<br \/>\nZwei Stunden ging es kreuz und quer durch dieses riesige Kasernenareal. W\u00e4hren der ganzen Zeit richtete der Zivilist kein einziges Wort an seine merkw\u00fcrdigen Besucher, verabschiedete uns aber am Tor in fast akzentfreiem Deutsch.<br \/>\nAbends las ich im Tagesspitzel, dass sich f\u00fcr den kommenden Tag Verteidigungsminister Stoltenberg in W\u00fcnsdorf angesagt hatte.<br \/>\nWar zum Piepen, die haben uns bestimmt als getarnte Vorhut von irgendeinem bundesgermanischen Geheimdienst gehalten.<br \/>\nAb dem Tag begab ich mich \u00f6fters in jene Gefilde, so auch in Bernau, durch einen zerschnittenen Maschendrahtzaun, in der Annahme dort sei keiner mehr auf dem Gel\u00e4nde.<br \/>\nWunderte mich aber dann doch, in einer etwas gr\u00f6\u00dferen Halle noch intakte LKWs vorzufinden, nebst einer beleuchteten Ecke, die als Unterrichtsraum f\u00fcr Fahrsch\u00fcler angelegt war. Schaffte ein Haufen Beutest\u00fccke zum Auto, darunter drei K\u00e4sten von ungef\u00e4hr 60X30X10 Zentimetern, in denen sich zusammengerollt, eine bedruckte Wachstuchunterlage mit innerst\u00e4dtischen Stra\u00dfenverl\u00e4ufen, Verkehrszeichen und Plastikautos befanden. Kam zur\u00fcck, rollte einen Haufen Propagandamaterial zusammen und verschwand wieder.<br \/>\nBeim wiederholten betreten des Raumes, stand mir pl\u00f6tzlich ein blutjunger <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Soldatensprache\">Rotarsch<\/a> gegen\u00fcber, der unter seinem K\u00e4ppi noch eine fleischfarbene Badekappe trug. Leicht verdutzt begr\u00fc\u00dften wir uns, dazu reichte mein Russisch und er begann zu strahlen wie ein Honigkuchenpferd.<br \/>\nDem folgte ein kleiner Rundgang im unmittelbaren Bereich.<br \/>\nAbschlie\u00dfen gab mir der Soldat zu verstehen, dass ich mal kurz auf ihn warten solle. Ob der dir jetzt doch noch ein Kuckucksei legen will?<br \/>\nHakte diesen Gedankengang aber sofort wieder ab, der Junge besa\u00df so eine erfrischende offene Art, dass es nicht sein konnte.<br \/>\nNach wenigen Minuten tauchte er wieder auf und dr\u00fcckte mir vier Posters (A3) in die Hand.<br \/>\nIm Gegenzug faltete ich einen <a href=\"https:\/\/leute.tagesspiegel.de\/spandau\/kiezkamera\/2020\/01\/07\/107035\/\">Spandaudollar<\/a> zusammen, f\u00e4cherte ihn leicht auf und drapierte ihn, \u00e4hnlich eines Kavaliertaschentuches hinter seinem gr\u00f6\u00dften Abzeichen.<br \/>\nW\u00e4hrend ich meine Plakate zusammenrollte, faltete er and\u00e4chtig den kleinen Schein auseinander, es h\u00e4tte nicht viel gefehlt und bei ihm w\u00e4hren Tr\u00e4nen gekullert&#8230;<br \/>\nAus meiner Truppenzeit (1967\/68) war mir noch in Erinnerung, dass diese uniformierten Jungkommunisten wie Viecher gehalten wurden&#8230;<br \/>\n<a title=\"01-Lenin-Bananen von zonenklaus bei Flickr\" href=\"http:\/\/www.flickr.com\/photos\/zonenklaus\/6243086840\/\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft\" src=\"http:\/\/farm7.static.flickr.com\/6153\/6243086840_2950e1f85c_m.jpg\" alt=\"01-Lenin-Bananen\" width=\"178\" height=\"240\" \/><\/a><strong>&#8211; A<\/strong>lle anderen Posters stammen aus Containern des \u201eMilit\u00e4rverlages\u201c, Storkowerstrasse in Ostberlin.<br \/>\n<a title=\"05-Heimat-ddr von zonenklaus bei Flickr\" href=\"http:\/\/www.flickr.com\/photos\/zonenklaus\/6243089536\/\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft\" src=\"http:\/\/farm7.static.flickr.com\/6039\/6243089536_9c5eccf371_m.jpg\" alt=\"05-Heimat-ddr\" width=\"240\" height=\"171\" \/><\/a><br \/>\n<strong>&#8211; M<\/strong>assenweise habe ich mit Freunden, Anfang der 90er auf Ost-Gebiet, die Reste 40 j\u00e4hriger Identifikation aus Containern gezogen und von M\u00fcllpl\u00e4tzen gesammelt. Dabei kam die Vermutung hoch, je &#8220;staatstragender&#8221; sich gewisse Institutionen fr\u00fcher gaben, desto mehr waren sie hinterher bestrebt, alles einer korrekten Vernichtung anheimfallen zu lassen.<br \/>\nEin Freund kam in Leipzig dazu, wie merkw\u00fcrdig dreinblickende Leute &#8211; sicher ehemalige Berufsjugendliche &#8211; Tausende Schallplatten vernichteten. Sie fuhren mit Messern und angespitzten Schraubendrehern \u00fcber Cover und Platte. Nach langer Diskussion konnte er ihnen vier LPs aus dem Kreuz leiern.<br \/>\nSehr r\u00fchrig verhielten sich auch die Genossen vom \u201eMilit\u00e4rverlag\u201c. Da hatten sie jahrelang versucht, mit ihren Publikationen die Hirne ganzer Generationen zu verkleistern und anschlie\u00dfend schien ihnen die Angelegenheit wohl peinlich zu sein.<br \/>\nZuerst versuchten sie uns, von den Containern zu verscheuchen. War schon witzig, wie wir die gro\u00dfen Macher auflaufen lie\u00dfen und sie sich, wie gepr\u00fcgelte Hunde verkr\u00fcmelten. Tage sp\u00e4ter starteten sie Gegenaktionen.<br \/>\nWir fanden die R\u00e4nder der gro\u00dfen Container mit stinkendem Fett bestrichen. Tags darauf hatten sie Alt\u00f6l zwischen die Materialien gesch\u00fcttet, dies ging ja noch. Sehr gelungen fanden wir dann die Idee, alles mit Kopierfl\u00fcssigkeit einzusauen.<br \/>\nDaf\u00fcr gaben wir ihnen einige hundert Bienchen<strong>*<\/strong>, denn dieses Tintenzeug haftete tagelang an den H\u00e4nden und aus den Klamotten ging es \u00fcberhaupt nicht mehr raus.<br \/>\nVielleicht wurden ja diese pfiffigen Burschen noch mit einem Blick zur Sonne<strong>*<\/strong> ausgezeichnet, wir h\u00e4tten es ihnen geg\u00f6nnt.<\/p>\n<p><strong>*<\/strong>Bienchen<em> &#8211; sie wurden auf K\u00e4rtchen gemalt, in den f\u00fcnfziger Jahren in den Grundschulen f\u00fcr hervorragende Ordnung, Flei\u00df und Betragen den Sch\u00fclern an der Klassenwandzeitung verliehen. W\u00e4hrend der w\u00f6chentlichen Pioniernachmittage die gehorteten Immen dann in andere Symbole umgem\u00fcnzt. Der beste Sch\u00fcler erhielt nach dem Oktober 1957 den Sputnik mit einem riesigen Sowjetstern verziert, der schlechteste bei einer Klassenlehrerin eine Schnecke, bei einem Lehrer das Schlusslicht vom G\u00fcterzug.<\/em><br \/>\n<strong>*<\/strong>Blick zur Sonne &#8211; ugs.\u00a0 <em>Darunter verstand man bei der Asche (Nationale Volksarmee) eine Belobigung vor versammelter Meute mit einem Handschlag, worauf der Delinquent auch noch peinlicher Weise sehr laut mit, <\/em>&#8220;Ich diene der Deutschen Demokratischen Republik!&#8221;<em> antworten musste.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gestern suchte ich etwas aus meinem Archiv und fand es nat\u00fcrlich nicht, denn auch der analoge M\u00fcll w\u00e4chst mir seit Jahren bereits \u00fcber den Kopf. F\u00fcr meine Wenigkeit sind Container und Sperrm\u00fcllhaufen richtige Wundert\u00fcten. 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