{"id":265,"date":"2008-06-17T20:48:30","date_gmt":"2008-06-17T19:48:30","guid":{"rendered":"http:\/\/12decode.de\/zonenklaus\/wordpress\/?p=265"},"modified":"2024-06-19T08:44:37","modified_gmt":"2024-06-19T07:44:37","slug":"tach-der-doitschen-einheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/zonenklaus.de\/wordpress\/?p=265","title":{"rendered":"TACH DER DOITSCHEN EINHEIT"},"content":{"rendered":"<p>Heute j\u00e4hrt sich zum 55sten mal jener merkw\u00fcrdige Tag, der den meisten Deutschen sowieso immer kalt an ihrem verl\u00e4ngerten R\u00fccken vorbei ging.<br \/>\nDen Wessi interessierte nur die bezahlte freie Zeit, mit der sich oft ein verl\u00e4ngertes Wochenende rausschinden lie\u00df.<br \/>\nOssis bemerkten in der Regel nur etwas, wenn sie als Angeh\u00f6rige der Organe ihren <em>verantwortlichen Dienst<\/em> schoben, bei der Truppe galt dann auch erh\u00f6hte <em>Alarmbereitschaft<\/em> und dies drei Tage lang.<br \/>\nViele meiner Westberliner Bekannten machten an diesem Tag <em>r\u00fcber<\/em> zum Schoppen oder gingen dort in die relativ leeren Museen.<br \/>\nDamals legten Bonner Politiker schon morgens ihre Betroffenheitslarven an, flogen in die <em>ehemalige Reichshauptstadt<\/em>, defilierten um die Mittagszeit zu irgendeinem Hinkelstein, fummelten an den Schleifen gestapelter Kr\u00e4nze herum, murmelten anschlie\u00dfend einige nichtssagende Worte und d\u00fcsten zur\u00fcck.<br \/>\nIn den tiefsten Kalten Kriegszeiten gingen den Angeh\u00f6rigen des <em>sowjetzonalen Ulbricht-Regimes<\/em> und deren Nachfolger, diese Zeremonie m\u00e4chtig auf ihre N\u00fcsse. Was dann jeder Transitreisende sofort zu sp\u00fcren bekam, mit allen seinen entz\u00fcckenden Schikanen, die jeden Ritt durch den Korridor so angenehm machten.<br \/>\nGut, das ist alles Schnee von gestern, aber die Larven sind identisch geblieben\u2026<br \/>\nDabei bedeutet Traditionspflege &#8211; Die Flamme erhalten und nicht die Asche anbeten\u2026<!--more--><br \/>\nIn diesem Zusammenhang erinnere ich an einen 17. Juno, wie er mir in Erinnerung geblieben ist. (1982 niedergeschrieben)<\/p>\n<p>Am Freitag, den 17. Juni 1966 in Warnem\u00fcnde, flimmerte auf dem Warnow-Werftgel\u00e4nde, den ehemaligen <a href=\"https:\/\/www.ndr.de\/geschichte\/koepfe\/Ernst-Heinkel-Flugzeugbauer-und-Profiteur-des-NS-Regimes,heinkel101.html\">Heinkel-Flugzeugwerken<\/a>, alles vor Hitze.<br \/>\nAn jenem Tag sollte ein 10 000 Tonner f\u00fcr die Sowjetunion zu Wasser gelassen werden.<br \/>\nWie w\u00e4hrend eines Stapellaufes \u00fcblich, durften alle produktionsm\u00e4\u00dfig abk\u00f6mmlichen Leutchen, daran Teil nehmen. Au\u00dfer den <a href=\"https:\/\/www.mdr.de\/geschichte\/ddr\/politik-gesellschaft\/asozialenparagraph-arbeitslos-opposition-arbeitslager-zwangsadoption-100.html\">Zweineunundvierzigern<\/a> vom werfteigenen Arbeitslager, die mussten zu Hause bleiben.<br \/>\nAus irgendwelchen Gr\u00fcnden herrschte auf der Helling merkw\u00fcrdige Betriebsamkeit. Zeitlich war alles schon aus dem Ruder gelaufen, als dann auch noch die anwesenden Ehreng\u00e4ste von der Trib\u00fcne am Bug des Schiffes stiegen, wurde es spannend.<br \/>\n&#8220;Logisch, bei der Hitze gehen die Stare erst mal was Saufen!&#8221;<br \/>\nNun tauchten laufend neue Trupps auf, haupts\u00e4chlich Wei\u00dfkittel, um das Gleitmittel auf der ins Wasser f\u00fchrende Holzbahn f\u00fcr den Schlitten mit dem hoch aufgereckten Schiffsk\u00f6rper zu \u00fcberpr\u00fcfen.<br \/>\nDerweil lie\u00dfen wir uns in der N\u00e4he auf einen Teerdach in der Sonne brutzeln und beobachteten interessiert das Geschehen. \u00d6fters begab sich jemand nach unten, um neue Informationen zu erheischen.<br \/>\nExperten waren zu dem Schluss gelangt, den Stapellauf abzublasen, da sich die Schmierseife auf der Bahn hitzebedingt zu sehr verfl\u00fcssigt hatte. W\u00e4hrend die Lehrausbilder begannen ihre Sch\u00e4fchen einzusammeln, sahen wir etwas weiter weg gestikulierend Gr\u00fcppchen, gekleidet in wei\u00df, blau und dazwischen Jungs im modischen Schick aus Dederonzwirn*.<br \/>\nSchon auf halben Weg in die Lehrwerkstatt hie\u00df es, der Stapellauf findet doch statt, also retour.<br \/>\nNun kam jenes Ger\u00fccht auf, dass f\u00fcr den heutigen Tag Aktionen geplant seien.<br \/>\nKaum wieder auf dem Dach, begann die eigentliche Zeremonie.<br \/>\n\u201eBlah, blah.., <em>die unverbr\u00fcchliche Freundschaft beider V\u00f6lker<\/em>.., blah, blah.., <em>germano sowjetskaja druschba<\/em>.., <em>w\u00fcnschen allzeit eine Handbreit Wasser unter dem Kiel! Gute Fahrt<\/em>!\u201c<br \/>\nSplitternd krachte die Sektpulle an den Stahl.<br \/>\nDas Kommando: &#8220;Stopper los!&#8221; ging im Get\u00f6se der sowjetischen Hymne unter.<br \/>\n&#8211; Nichts, rein gar nichts, tat sich, das tonnenschwere Stahlskelett blieb stehen.<br \/>\nAuf einmal Totenstille als die Musiker der Roten Armee ihren Hit nicht gerade profim\u00e4\u00dfig beendeten.<br \/>\nSchlagartiges Gewusel setzte ein. \u00dcberall ert\u00f6nten Schreie, gleichzeitig zogen jede Menge Leute Kameras und schossen wie wild in der Gegend herum.<br \/>\nWieder traten die Lehrausbilder in Aktion, was uns nicht die Bohne interessierte, denn laut Statuten war ein Stapellauf erst beendet, wenn der Kahn auf dem Wasser d\u00fcmpelte. Wie im Kino spielten sich die wichtigen Dinge vor uns ab.<br \/>\nEs entstanden zwei Fraktionen, eine entschied sich f\u00fcr Hydraulikpressen, welche am Bug angesetzt werden sollten, um dem Dampfer ins rutschen zu bringen. Die anderen meinten, es w\u00e4re das Beste, das Teil gleich mit mehreren Schleppern in die Fahrrinne zuzerren.<br \/>\nPl\u00f6tzlich setzte sich das riesige Unget\u00fcm \u00e4chzend in Bewegung, aus hunderten Kehlen ert\u00f6nte ein freudiger Aufschrei, um im gleichen Augenblick zu verstummen, das Teil war wieder zum Stillstand gekommen.<br \/>\nJemand begann zu klatschen, in dieser Situation gab es nichts Frevelhafteres. Als daraufhin blitzschnell mehre Kameras zu klacken begannen, erfolgten \u00fcberall Beifallsbekundungen, egal wo man hinschaute.<br \/>\nAffenartig wurden am Bug zwei Hydraulikpressen in Stellung gebracht, mit deren Hilfe es gelang den Kahn unter gro\u00dfem Hallo in Bewegung zu setzen. Allerdings blieb der Schlitten auf den letzten Metern stehen. Dies bedeutete f\u00fcr den Dampfer nichts gutes, weil er mit seinem Arsch schon im Wasser schwamm und der Bug noch auf dem Land fest hing, sich dadurch einer l\u00e4nger dauernden Knicklastigkeit aussetzte, die dazu f\u00fchren konnte, den Schiffsrohbau einfach nur noch zu verschrotten\u2026<br \/>\nAnschlie\u00dfend wurde die gesamte Werft vom Betriebsschutz und den Vopos, abgeriegelt, weiterhin alle unmittelbar f\u00fcr den Stapellauf Verantwortlichen hopp genommen*. Logischerweise musste es sich bei dem verpatzten Akt um Sabotage handeln<strong>!<\/strong><br \/>\nDabei hatte lediglich einer der vier Hauptfeinde* am Aufbaus des Sozialismus, der Sommer, zugeschlagen.<br \/>\nUm im Gesch\u00e4ft zu bleiben, setzten die Freunde einen Termin, bis zu welchem Zeitpunkt der Kahn im Wasser liegen musste.<br \/>\nDie Frist wurde eingehalten.<br \/>\nDas Schiff wurde sp\u00e4ter mit gewaltigen Flaschenz\u00fcgen fit gemacht, wobei einige der Rollen auf dem Ponton lagen, welcher sich am Heck vert\u00e4ut befand und die anderen lag auf der Sandbank gegen\u00fcber der Helling in der Warnow.<br \/>\nOb es stimmt wei\u00df ich nicht, es wurde aber sp\u00e4ter gemunkelt, dass die Sowjets den 10 000-Tonner Kuba als Geschenk offerierten.<br \/>\n<strong><br \/>\n*D<\/strong>e<strong>D<\/strong>e<strong>R<\/strong>on &#8211; eine in der DDR <em>entwickelte<\/em> Kunstfaser &#8211; Nylon. Um dies weltmarktm\u00e4\u00dfig zu unterstreichen gab man jenem Zwirn den Namen <em>DDR<\/em> mit der Endung <em>on<\/em>. In der gesamten Zone liefen oft hauptamtliche Stasis in Zivil, <em>unauff\u00e4llig<\/em> in graublauen Klamotten aus jenem Zwirn herum.<br \/>\n<strong>*hopp geno<\/strong><strong>mmen<\/strong> &#8211; ugs. verhaftet &#8211; DDR-Beh\u00f6rdendeutsch: <em>den Organen zugef\u00fchrt<\/em><br \/>\n<strong>* vier Hauptfeinde des Sozialismus <\/strong>&#8211; ganz allter Zonenwitz \u2013 er meint den <em>Fr\u00fchling, Sommer, Herbst<\/em> und <em>Winter<\/em><br \/>\n<strong>*Tschuldigung,<\/strong> die Frage von Micha ist berechtig: Was ist ein <strong>Zweineunundvierziger<\/strong>?<br \/>\nEin Kunde der nach \u00a7 249 des StGB der DDR zur <em>Arbeitserziehung im Humanen Sozialistischen Stafvollzug<\/em> seine Zeit absa\u00df. <strong>(<\/strong>Siehe meine Wenigkeit an! Mir hatten sie ihn zus\u00e4tzlich auch noch aufgebrummt. Weil ich mich auf meinem etwas l\u00e4nger anhaltenden illegalen Fluchtversuch, durch mehrere sozialistische L\u00e4nder, <i>den Zugriffen der staatlichen Organe der DDR entzogen hatte&#8230;<\/i><strong>) <\/strong>Mindeststrafe: Zwei Totensonntage. Diese Arbeitslager waren in der ganzen Zone verteilt &#8211; gearbeitet wurde in den Jahren unter ganz ekelhaften Bedingungen.<br \/>\nIm Wessiland kamen die gleichen B\u00fcrokraten, die verantworlich zeichneten f\u00fcr \u00e4hnliche Lager im III. Reich, pl\u00f6tzlich auf die Idee mit den <em>Gastarbeitern<\/em>. In Wolfsburg findet man eine<em> Feigenblatt-Gedenkst\u00e4tte<\/em> zu dieser Problematik.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute j\u00e4hrt sich zum 55sten mal jener merkw\u00fcrdige Tag, der den meisten Deutschen sowieso immer kalt an ihrem verl\u00e4ngerten R\u00fccken vorbei ging. 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