{"id":31978,"date":"2018-10-13T14:03:03","date_gmt":"2018-10-13T13:03:03","guid":{"rendered":"http:\/\/zonenklaus.de\/wordpress\/?p=31978"},"modified":"2022-01-21T15:57:51","modified_gmt":"2022-01-21T14:57:51","slug":"ii-nzz-12-okt-wir-sind-zum-vertrauen-verurteilt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/zonenklaus.de\/wordpress\/?p=31978","title":{"rendered":"(II) &#8211; NZZ, 12.Okt. &#8211; Wir sind zum Vertrauen verurteilt"},"content":{"rendered":"<p><em>Drei Menschen erz\u00e4hlen, <a href=\"https:\/\/www.nzz.ch\/vertrauen\/wenn-vertrauen-missbraucht-wird-drei-geschichten-ld.1426559\">wie ihr Vertrauen missbraucht wurde<\/a>: von der Partnerin, der Mutter, dem Chef<\/em><\/p>\n<p><strong> &#8211; <\/strong>Die Anfrage erreichte mich rein zuf\u00e4llig, aus Gr\u00fcnden, die ich nie aufkl\u00e4ren konnte. Er lag die ganze Zeit in einem K\u00fchlhaus, deshalb die versp\u00e4tete Meldung an das Sterberegister in Sangersdorf. In jener Amtstube erinnerte sich eine Beamtin an die Wochen vorher beantragte Auskunft, deshalb konnte man mich \u00fcberhaupt finden.<br \/>\nDas war vielleicht ein Saftladen in Erfurt, hatte mehrfach versucht, den verantwortlichen Typen zu erreichen. Lie\u00df schlie\u00dflich ausrichten, an einem bestimmten Tag dort aufzukreuzen und jemand sollte es ihm stecken.<br \/>\nWir waren in der N\u00e4he von Weimar auf einem Bauerngeh\u00f6ft abgestiegen, die Landschaft ganz toll, auch die umgebaute Scheune, aber&#8230;<br \/>\nDas geschmackvoll eingerichtete Zimmer m\u00fcffelte abartig nach frischer Auslegeware, im Bad hingen mehrere <em>Stinketannenb\u00e4umchen<\/em> und p\u00fcnktlich zur Morgend\u00e4mmerung begannen, hunderte kleine Schwalbenmonster, etwa ein Meter \u00fcber dem Fenster, mit infernalischem Geschrei. Auf der gesamten L\u00e4nge des Hauses, von vielleicht 25 Metern, hing eine Nest neben dem anderen&#8230;<br \/>\nZumindest gab es ein gigantisches Fr\u00fchst\u00fcck!<br \/>\nObwohl sehr geladen, ging es mit dem Nachlasspfleger sofort in die Wohnung des verblichenen, anderthalb Zimmer, alles sehr sauber und gepflegt.<br \/>\nAnfangs kam ich mir vor, wie ein Leichenfledderer, nur gut, dass meine Freundin keine Skrupel hatte. Sie fand auf Anhieb die wichtigsten Sachen, geordnet in zwei gro\u00dfen Schubladen, dort machte ich eine Entdeckung, die mich kreischend auflachen lie\u00df und alles ward gut.<br \/>\nFand seine Geburtsurkunde auf einer Familienbibel liegend vor, unter diesem Folianten wiederum, lag zusammengefaltet die Sondernummer der SED-Bezirkszeitung, FREIHEIT, zum Todestag von <span lang=\"ru-RU\"><i>\u0418\u043e\u0441\u0438\u0444 \u0412\u0438\u0441\u0441\u0430\u0440\u0438\u043e\u043d\u043e\u0432\u0438\u0447<\/i> \u0421\u0442\u0430\u043b\u0438\u043d, vom M\u00e4rz 1953!<br \/>\n<\/span>Der Rest <span lang=\"de-DE\">Jahrgangsweise penibel geordnet in den F\u00e4chern, teilweise mit F\u00e4den zusammengebunden oder Schnippgummis drumherum. <\/span><br \/>\n<span lang=\"de-DE\">Einige Papiere fanden wir in einer DIN A4 Hartpapiert\u00fcte, Unterlagen aus seiner kurzen Westzeit&#8230;<\/span><br \/>\n<span lang=\"de-DE\">Nur der Inhalt beider Sch\u00fcbe interessierten mich, den Rest h\u00e4tten sie in die Tonne treten k\u00f6nnen.<\/span><br \/>\n<span lang=\"de-DE\">Anschlie\u00dfend gingen viele Monate ins Land, bis ich endlich den Erbschein besa\u00df, entgegen aller Warnungen von der <\/span><span lang=\"de-DE\"><i>Schefffin<\/i><\/span><span lang=\"de-DE\">. <\/span><br \/>\n<span lang=\"de-DE\">Abz\u00fcglich s\u00e4mtlicher Kosten, Miete, Zeitungsabonnements und sonst was, blieben 21 000 an Cash \u00fcbrig.<\/span><br \/>\n<span lang=\"de-DE\">Gl\u00fccklicherweise gab es ein frisch besetztes Haus, mit mehreren Punkies. Sie waren sofort Feuer und Flamme, wollten fast alles haben, als \u00e4u\u00dferst hilfreich stellten sich eine nagelneue riesige Glotze und ein<em> \u00d6ko-Lavamat<\/em> heraus. Emsig wie Bienen halfen sie mir an zwei Tagen beim Ausr\u00e4umen der Wohnung. <\/span><br \/>\n<span lang=\"de-DE\">Was gab es noch erw\u00e4hnenswertes f\u00fcr die jungen Leute? Ein Plastiksack, mit ehemals 500 Gummihirschen, jene Kondome besa\u00dfen solch eine Wandst\u00e4rke, dass es nur einem Typen gelang einen davon aufzupusten, einen Zehnlitereimer mit Vaseline, einen gro\u00dfen Sack mit 10 Kilo Talkum. Als absoluter Hammer stellte sich ein ziemlich gro\u00dfes Heizkissen heraus, ein M\u00e4del registrierte gleich, dass es sich dabei um ein neuwertiges beheizbares Vibratorkissen handelte&#8230; <\/span><!--more--><br \/>\n<span lang=\"de-DE\">Aus der Wohnung nahm ich lediglich einen Schaukelstuhl, einen Vijo-Rekorder, einige Stehr\u00fcmchen und nat\u00fcrlich zwei kleine Koffer nebst der Papiere mit, welche in der gleichen Nacht, in Berlin, sorgf\u00e4ltig gesichtet wurden. <\/span><br \/>\n<span lang=\"de-DE\">Wieder alles entsprechend verstaut, liegen die beiden Teile, seit 23 Jahren ohne weitere Betrachtung, sogar griffbereit herum, <\/span><br \/>\n<span lang=\"de-DE\">Bevor die R\u00e4umung begann, suchte ich noch unwahrscheinlich viele Bekannte vom Verstorbenen auf. Die Tips gab es von Nachbarn, dem Hausmeister, aus einem B\u00fcro der Volkssolidarit\u00e4t, wo er als Ehrenamtler werkelte und s\u00e4mtlichen Papierkram f\u00fcr andere Leute erledigte&#8230;<\/span><br \/>\n<span lang=\"de-DE\">Anhand der Ausk\u00fcnfte und den Puzzles an Papieren, wurden die vormaligen Infos von meinem Nachbarn und Arbeitskollege noch unendlich getoppt. <\/span><br \/>\nDer <i>Schl\u00e4ger, Streithammel und S\u00e4ufer<\/i> galt als sehr feinf\u00fchliger und respektvoller Mann, richtig Gentlemanlike, wie eine alte Dame, w\u00e4hrend des Mittagsmahls im<em> Seniorenklub der Volkssolidarit\u00e4t, <\/em>bemerkte.<br \/>\nNiemals h\u00e4tte ihn jemand angetrunken gesehenen, dass er aus der Rolle fiel&#8230;<br \/>\nEinige sehr liebevoll geschrieben Karten an ihn gerichtet, zu den Feiertage und aus dem Urlaub, sind auch unter den Papieren&#8230;<br \/>\nDer <i>vollkommen unpolitische Mann<\/i>, sprang kurz nach dem Krieg sogar \u00fcber seinen<em> lauwarmen Schatten<\/em>, angelte sich die entsprechende Frau und fuhr auf ihrer Pisse Kahn. Gr\u00fcndete im Ort die FDJ und den FDGB, arbeite dort entsprechend mit. Was sich m\u00e4chtig lohnte, bekam er doch Anfang 1950, als Chef der Konsumgenossenschaft, der Kreise Eisleben, Hettstedt und SGH, etwas \u00fcber 900 Mark ausgezahlt.<br \/>\nAus seinem SV-Buch geht hervor, zeitweise verdiente er ein Schweinegeld, dann der Absturz, sp\u00e4ter wieder ganz oben, ein ewiges rauf und runter. Wenn ich mich richtig erinnere, ohne irgendwelche Fehltage dazwischen.<br \/>\nMerkw\u00fcrdig ist jene Geschichte, seine belegte Zeit im Westen, die im Arbeitsbuch nicht auftaucht. Die Mitgliedsbeitr\u00e4ge von Gewerkschaft und Partei sind l\u00fcckenlos geklebt, hinzu kommen zwei Urkunden zur vierzigj\u00e4hrigen Mitgliedschaft in beiden Vereinen&#8230;<br \/>\nMeine Freundin fand in einem Briefumschlag einen kleinen Zettel den sie vorlas, irgendwas in jene Richtung ward da notiert: <i>Was Klaus und Karin machen, wei\u00df ich nicht<\/i><br \/>\nDa waren von ihm doch mal Deprieinheiten zu bemerken&#8230;<br \/>\nBisschen merkw\u00fcrdig fand ich den Satz schon, aber mehr auch nicht.<br \/>\nMeine Verachtung stand \u00fcber seinen Worten!<br \/>\nWarum er zu den entsprechenden Zeiten zu faul zum W<i>ixen<\/i> war, wollte mir nie in die Birne.<br \/>\nEs war doch wirklich nicht n\u00f6tig, G\u00f6ren anzur\u00fchren, nur wegen der ideologischen Trittbrettfahrerei!<br \/>\nTr\u00f6stend fand ich nach stundenlanger Sondierung, die abschlie\u00dfenden Worte von Madame auch nicht gerade, <i>dein Vater muss ein ganz verr\u00fcckter Hund und Stehaufm\u00e4nnchen gewesen sein, wie er oftmals herum trickste und dies als Schwuler. Vielleicht h\u00e4ttest du doch fr\u00fcher mal Anstalten mach sollen, ihn aufzutreiben. <\/i><br \/>\n<i>Danke, der Gedanke kam mir auch schon<\/i>, allerdings in eine ganz andere Richtung, was ich aber nicht verlauten lie\u00df! Hatte er doch f\u00fcr seinen Lieblingsschmusi im Knast, kurz vor seinem Tod, die Summer ist mir momentan nicht ganz gel\u00e4ufig, von \u00fcber 20 oder 30 Mille abgedr\u00fcckt&#8230;<\/p>\n<p><strong>Fu\u00dfnote:<\/strong><a href=\"http:\/\/zonenklaus.de\/wordpress\/?p=29395\"> In dem Text kommt auch etwas von dem <em>liebreizenden<\/em> Muttertier vor!<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Drei Menschen erz\u00e4hlen, wie ihr Vertrauen missbraucht wurde: von der Partnerin, der Mutter, dem Chef &#8211; Die Anfrage erreichte mich rein zuf\u00e4llig, aus Gr\u00fcnden, die ich nie aufkl\u00e4ren konnte. Er lag die ganze Zeit in einem K\u00fchlhaus, deshalb die versp\u00e4tete Meldung an das Sterberegister in Sangersdorf. 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