{"id":35164,"date":"2020-09-22T20:12:26","date_gmt":"2020-09-22T19:12:26","guid":{"rendered":"https:\/\/zonenklaus.de\/wordpress\/?p=35164"},"modified":"2024-02-02T12:43:05","modified_gmt":"2024-02-02T11:43:05","slug":"fortsetzung-vom-gestrigen-schrieb-nun-als-rohrknickerknecht-im-norden-berlins","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/zonenklaus.de\/wordpress\/?p=35164","title":{"rendered":"Fortsetzung vom gestrigen Schrieb &#8211; nun als Rohrknickerknecht im Norden Berlins"},"content":{"rendered":"<p>Bisweilen erlebt man Geschichten, die fast keiner glaubt. Habe leider den Kontakt zu meinem Spezi verloren, der alles bezeugen k\u00f6nnte&#8230;<br \/>\nIm anderen Fall geh\u00f6rte ich zum Lohngesindel einer Vierer-Kolonne. Ein Kumpel hatte mich, w\u00e4hrend der Semesterferien <strong>(<\/strong>1980 oder \u00b481<strong>)<\/strong>, in der Firma als Rohrknicker untergebracht. Sollte anfangs den Mietern erkl\u00e4ren, wo wir die Rohleitungen verlegten und gab die Anweisungen, was dann in Kellern und Wohnungen freiger\u00e4umt werden musste. Die ersten Tage war die sch\u00f6nste Zeit, danach wurde es allerdings vielseitiger, bohren, Gewinde schneiden, am Bock schwei\u00dfen, Heizk\u00f6rper anbringen, L\u00f6cher beseitigen usw.<br \/>\nEs handelte sich um ehemalige Zwei- und Mehrzimmerwohnungen, in Tegel, f\u00fcr oberer Chargen irgendeines Berliner Gro\u00dfbetriebes, glaube von <i>Borsig<\/i>.<br \/>\nZum Piepen, wie sich alles entwickelte.<br \/>\nIrgendwann handelte das Scheffchen noch einen guten Nachschlag aus, weil auf meinen Vorschlag hin, wir auch die kleinen Putzarbeiten gleich anschlie\u00dfend erledigten.<br \/>\nZu entsprechenden Bohrungen, hielt in der unteren Wohnung jemand einen Karton an die Decke, f\u00fcr vorgesehene Schwei\u00dfstellen wurden die W\u00e4nde mit Astbest(!)platten abgedeckt und Auslegwaren mit dicker Malerfolie abgeklebt.<br \/>\nBei manchen alten Witfrauen nahmen wir die Gardinen ab, nach deren Waschung wurden sie auch wieder angebracht.<br \/>\nWir heimsten sp\u00e4ter Unmassen an Trinkgeldern, Schnaps, Bier oder Speisen ein. Um die Ecke befand sich zudem eine sehr gute Fleischerei. Deshalb gab es zum h\u00e4ufigen Hackepeter, an den D-Tagen, mittags wochenlang Eisbein&#8230;<br \/>\nEine ganz wichtige Sache nebenbei, uns lie\u00dfen alle Betroffenen auf ihre Toiletten, was eigentlich nicht selbstverst\u00e4ndlich war!<br \/>\nAnfangs t\u00e4tigten meine Kollegen die Vorbereitungen, Materialbeschaffung u. \u00e4., wobei ich begann, entsprechend der Ank\u00fcndigungen, s\u00e4mtliche Mieter aufzusuchen. Kurzzeitig irritierte mein Outfit die Leute, zerschlissene Hosen, Nickelbrille, langer Bart und Haare, mit einer beginnenden fleischfarbenen Badekappe aber eine riesige Kladde in der Hand.<br \/>\nZuf\u00e4llig ergab sich gleich in der ersten Wohnung die entscheidende Gegebenheit, f\u00fcr die gesamte anschlie\u00dfende Zeit.<br \/>\nDas mitt70er Ehepaar war total neben der Rolle. Am vormitt\u00e4glichen Zeitfenster sollte ein neuer Elektroherd geliefert werde &#8211; ob sie den alten wohl abklemmen und gleich mitnehmen w\u00fcrden?<br \/>\nNach meinem paar min\u00fctigen Job, wobei ich den Leutchen lediglich zuh\u00f6rte, kam abschlie\u00dfend das Angebot, den Herd abzuklemmen, nebenher ihrer ungl\u00e4ubigen Vorbehalte, ob ich so etwas \u00fcberhaupt k\u00f6nne, dann die gutgemeinte Empfehlung, dem Lieferanten nebenher einen <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Bargeld_der_Deutschen_Mark#\/media\/Datei:10_DM_Serie3_Vorderseite.jpg\"><i>D\u00fcrer <\/i><\/a>in die Hand dr\u00fccken und zu verlangen, dass er das alte Teil mitnehmen soll.<br \/>\nKlemmte den Herd ab, stellte dabei fest, dass sogar 380 V auf der Anschlussdose waren, das Ding aber mit 220 V lief. Misstrauisch wie ich nun mal in solchen Situationen bin, entfernte ich das Kabel auch am Herd, da es m\u00f6glich schien, dass selbiges nicht zum Lieferumfang geh\u00f6rte.<br \/>\nAls ich gehen wollte, kam von der alten Dame die Frage, ob ich nicht alles in meine H\u00e4nde nehmen k\u00f6nnte, besonders die Geschichte mit dem Zehner, da es absolut nicht ihr Ding war.<br \/>\nGut, sie sollten Obacht geben, wo ich mich gerade im Block aufhielt!<br \/>\nAlles lief glatt, der Mann hatte sogar den Auftrag, das alte Teil mitzunehmen, dies steckte er mir augenzwinkernd, als er den Schein einsackte.<br \/>\nNun stand der neue Herd in der K\u00fcche, was nun?<br \/>\nBot die sofortigen Anschlussarbeiten an, nebst vorherigen Versuch, die Geschichte mit den 220 und dem Vorteil des Betriebes mit 380 Volt zu erkl\u00e4ren. Ratzfatz ging alles \u00fcber die B\u00fchne, strahlend schob mir der alter Herr noch einen <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Bargeld_der_Deutschen_Mark#\/media\/Datei:50_DM_Serie3_Rueckseite_aligned_cropped.jpg\"><i>L\u00fcbecker <\/i><\/a>in die Hemdtasche, <i>aber nichts ihren Kollegen erz\u00e4hlen<\/i>!<br \/>\nGott noch mal, wer mich in den folgenden Wochen, alles sehr freundlich gr\u00fc\u00dfte&#8230;<br \/>\nEinen Tag sp\u00e4ter wurde ich zum Fr\u00fchst\u00fcck eingeladen, wahrscheinlich wollten sie mir lediglich stecken, dass ich beim<i> Ortsbauernf\u00fchrer,<\/i> im Nachbareingang, bestimmt Schwierigkeiten bekommen w\u00fcrde. Um wen und was es da ging, da hielten sich beide bedeckt, daf\u00fcr bekam ich aber Unmengen von Ger\u00fcchten zuh\u00f6ren&#8230;<br \/>\nBegab mich anschlie\u00dfend sofort zu jener Wohnung, dort richtete mir eine Frau aus, dass sich ihr Mann noch fernm\u00fcndlich mit der Verwaltung in Verbindung setzen wollte, kein Problem, er m\u00f6chte sich dann im Bauwagen melden!<br \/>\nKurz vor Feierabend kam die Mieterin noch vorbei und erkundigte sich, ob es m\u00f6gliche sei, am kommenden Tag gegen 7 Uhr, gleich bei ihnen zu beginnen &#8211; Logo!<\/p>\n<p><!--more-->Man empfing mich sehr freundlich.<br \/>\nDer Mann eine noch drahtige Erscheinung, Mitte 60 vielleicht, um die eins achtzig gro\u00df, sie wenig kleiner aber schon leicht aus den Fugen gegangen. Madame dackelte in einem sehr geringen Abstand ewig ihrem M\u00e4nne hinterher und sagte die ganze Zeit nichts mehr.<br \/>\nParallel zur Willkommenhei\u00dfung kam noch: <i>Meine Frau hat sie mir beschrieben, als Student mit Nickelbrille<\/i>! <i>Deshalb mache ich sie noch darauf aufmerksam, dass ihnen unser Interieur bestimmt nicht zusagen wird&#8230;<\/i><br \/>\nEntgegnete daraufhin, dass mich die Innenausstattungen in den anderen Wohnungen auch nicht interessiert h\u00e4tten.<br \/>\n<i>Na ja&#8230;<\/i><br \/>\nAllerdings fiel mir bereits lange vorher etwas auf, was fast alle Wohnungen betrafen. Da es in der Ecke keine Kriegssch\u00e4den gab, fand ich viele Unterk\u00fcnfte noch mit M\u00f6beln ausgestattet, welche 50 Jahre und \u00e4lter waren. Die sich trotzdem in einem Zustand pr\u00e4sentierten, als ob sie letzte Woche gerade im M\u00f6belhaus erstanden wurden.<br \/>\nBeim <i>Ortsbauernf\u00fchrer<\/i>, nat\u00fcrlich identische Gegebenheiten, allerdings hochgradig kleinb\u00fcrgerlich \u00fcbertrieben. Unter allem Zeug, wo es machbar schiene, lagen geh\u00e4kelte Deckchen, ihr Telefon versteckte sich in einer <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Fernsprechtischapparat#\/media\/Datei:FeTab-611_textile-cover_IMG_20200524.jpg\">Brokatverkleidung&#8230;<\/a><br \/>\nVom kleinen Flur ging es rechter Hand in Bad und K\u00fcche, bereits dort strahlte alles in einer Ordnung, die weh tat.<br \/>\nGeradezu kam das Wohnzimmer, an der rechts befindlichen Fensterfont fielen von der Decke bis zum Boden sehr feine Stores, die \u00dcbergardinen bestanden aus einer schweren gr\u00fcnlichen Brokat-Textilie. Die lange Wand, links vom Fenster, f\u00fcllte eine klobige Eichenschrankwand aus, der Rest vom Zimmer wurde von wuchtigen Sitzgelegenheiten ausgef\u00fcllt.<br \/>\nRechts neben der Schlafzimmert\u00fcr befand sich eine Anrichte mit vielem Schnickschnack drauf, nat\u00fcrlich alles auf Deckchen und vor dem Fenster, an der K\u00fcchenwand, stand eine riesige Glotze.<br \/>\nDer mehrflammige, zu gro\u00df geratene Kronleuchter mit viel Kristallgebamsel, war eigentlich auch fehl am Platze.<br \/>\nAuf dem unf\u00f6rmigen Couchtisch lag in ganzer Gr\u00f6\u00dfe die <i>Nationalzeitung<\/i>, die so absolut nicht zum vorgefundenen Ordnungssinn passte. Wahrscheinlich nach dem Klingelton extra dort hingeworfen&#8230;<br \/>\nDen Typen interessierten nun lediglich irgendwelche versicherungstechnischen Detail zu den kommenden Arbeiten.<br \/>\nDann wurde ich ins Schlafzimmer gebeten, dessen Eingang befand sich gleich an der linken Wohnzimmerseite, wenn man den Raum betrat&#8230;<br \/>\nAn der gesamten Linksseite befand sich eine hohe wei\u00dfe Schrankwand, alle T\u00fcren verspiegelt.<br \/>\nIn dem Moment irritierte mich doch etwas sehr gewaltig. Vor mir die Ehebetten, gerahmt von zwei Nachtschr\u00e4nkchen, mein Blick wanderte nun mehrfach von der Spiegelung zur Wandseite \u00fcber dem Kopfende des Schlafm\u00f6bels. Drehte mich im Zeitlupentempo zum Wohnungsinhaber um und fragte,<i> muss ich ihn gr\u00fc\u00dfen<\/i>?<br \/>\nGrinsend wie der Edalfrosch entgegnete er: <i>Nat\u00fcrlich nicht<\/i>!<br \/>\nSeine Frau hinter ihm l\u00e4chelte daraufhin.<br \/>\nBis fast an die Zimmerdecke prangte ein \u00d6lschinken in einem reich verzierten g\u00fcldenen Rahmen, von vielleicht 1,20 mal 0,60 Metern, kann auch gr\u00f6\u00dfer gewesen sein. Drunter befand sich ein rustikales B\u00fccherbord, darauf mehrere ledergebundene Prachtausgaben, versehen mit Goldpr\u00e4geschrift.<br \/>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-35183\" src=\"https:\/\/zonenklaus.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/11203-1572b23ab8dc51_600x600-300x213.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"213\" srcset=\"https:\/\/zonenklaus.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/11203-1572b23ab8dc51_600x600-300x213.jpg 300w, https:\/\/zonenklaus.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/11203-1572b23ab8dc51_600x600-150x106.jpg 150w, https:\/\/zonenklaus.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/11203-1572b23ab8dc51_600x600.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/>In dem Augenblick fand ich meine Sprache wieder: <i>Wow! Sie haben ja da dort s\u00e4mtliche Highlights des III. Reiches stehen<\/i>!<br \/>\n<i>So w\u00fcrde ich diese <\/i>Werke<i> aber nicht bezeichnen<\/i>!<br \/>\nNochmals:<i> Wow, sogar Rosenbergs \u201eMythus des 20. Jahrhunderts\u201c<\/i>!<br \/>\n<i>Kennen sie etwa dieses Buch<\/i>?<br \/>\n<i>Logo, habe ich bereits als 13j\u00e4hriger gelesen, genauso wie \u201eMein Kampf\u201c<\/i>!<br \/>\nAus dem protzigen Goldrahmen, blickte grimmig dreinschauenden <i>Adolf der G\u00fctige <\/i>herab. Auf der recht gut gelungene Darstellung, steckte der Daumen seiner linke Hand neben der G\u00fcrtelschnalle, hinter dem Koppel, die andere Hand entsprechend erhoben&#8230;<br \/>\nAuf dem Bord befand sich mittig ein gr\u00f6\u00dferer Ledergebundener Foliant, der alle anderen Machwerke \u00fcberragte &#8211; <i>Mein K<\/i>r<i>ampf<\/i>, rechts daneben, gleich der <i>Rosenberg<\/i>, dann beidseitig <i>Goebbels,<\/i> <i>G\u00f6ring <\/i>u.a. &#8211; um die zehn B\u00e4nde, alles sehr teure Exemplare&#8230;<br \/>\n<em>Wenn sie Interesse haben, k\u00f6nnte ich ihnen noch etwas zeigen!<\/em><br \/>\nOhne meine Antwort abzuwarten, huschte er an mir vorbei und \u00f6ffnete zwei mittlere Schrankt\u00fcren. Trat in erhebender Pose beiseite und beobachtete mich.<br \/>\nDa hingen mehrere, verschiedenfarbige M\u00e4ntel, Uniformen, Schlipse und Koppel. Auf dem Regalbrett dar\u00fcber, M\u00fctzen und Uniformhemden, alles mit einer Akkuratesse gestapelt, die mir unbegreiflich erschien. Stiefel sowie anderes Schuhwerk mit Spannern versehen, alles mit d\u00fcnner Malerfolie umwickelt. An der einen T\u00fcr hing ein gigantischer <i>Ehrendolch<\/i>&#8230;<br \/>\nAuf die Vorf\u00fchrung seiner Ordensspange wurde meinerseits aber verzichtet.<br \/>\nNach seiner Pr\u00e4sentation folgte noch eine Bitte, ich sollte ihm demn\u00e4chst unbedingt noch erz\u00e4hlen, wie es kam, dass ich in so jungen Jahren diese B\u00fccher gelesen hatte&#8230;<\/p>\n<p><strong>Epilog!<\/strong><br \/>\nNiemand wurde anschlie\u00dfend etwas von meinem Erlebnis erz\u00e4hlt.<br \/>\nAls endlich jene Wohnung anstand, \u00f6ffnete ich ich f\u00fcr<em> Walting<\/em> die Schlafzimmert\u00fcr, mit dem Spruch: <i>Hereinspaziert in das Panoptikum<\/i>! <i> <\/i><br \/>\nDa verschwand die Mieterin flugs.<br \/>\nNach kurzer Zeit der Verbl\u00fcffung, mutma\u00dfte mein Kollege: <i>Der Kerl ist pervers! Stelle mir gerade vor, der pimpert seine Alte von hinten. W\u00e4hrend sie sich auf dem Fu\u00dfteil abst\u00fctzt, wedeln dabei ihre Titten im Takt hin und her, zu seinem Orgasmus gr\u00fc\u00dft er dann mit erhobener Hand, den lange verblichenen F\u00fchrer in den Spiegeln&#8230;<\/i><\/p>\n<p><strong>Fussnote:<\/strong> W\u00e4hrend einer sp\u00e4teren vorsichtigen Offenbarung seinerseits, kam heraus, es handelte sich bei dem ewiggestrigen Volksgenossen nat\u00fcrlich nicht um einen ehemaligen <i>Ortsbauernf\u00fchrer<\/i> der noch immer seiner <em>Blut-und-Boden-Ideologie<\/em> anhing, sondern um einen <i>Berufsjugendlichen<\/i> aus dem Umfeld der <i>Reichsjugendf\u00fchrerschaft.<\/i>..<br \/>\nNach Abschluss s\u00e4mtlicher Arbeiten erschien der Mann pers\u00f6nlich an unserem Bauwagen und spendierte f\u00fcr die gute <em>deutsche<\/em> Arbeit 50 DM.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bisweilen erlebt man Geschichten, die fast keiner glaubt. 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