{"id":39298,"date":"2022-11-07T21:09:27","date_gmt":"2022-11-07T20:09:27","guid":{"rendered":"https:\/\/zonenklaus.de\/wordpress\/?p=39298"},"modified":"2022-11-11T22:29:57","modified_gmt":"2022-11-11T21:29:57","slug":"zu-meiner-leseneugier-wurde-ich-vom-grossvater-betreut-der-mir-nie-etwas-aus-seiner-grossen-bibliothek-versagte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/zonenklaus.de\/wordpress\/?p=39298","title":{"rendered":"(Lit.I.) Meine B\u00fccherneugier wurde vom Gro\u00dfvater entfacht und betreut, er versagte mir auch nie etwas aus seiner gro\u00dfen Bibliothek!"},"content":{"rendered":"<p>Nur einmal sch\u00fcttelte er mit dem Kopf, als ich in B\u00fcchern die <em>gotische Frakturschrift<\/em> erlernen wollte, nahm dazu Karl May, da er drei oder vier B\u00e4nde in jener Schrift besa\u00df. Die wenigen B\u00fccher in lateinischen Lettern hatte ich mir ja bereits eingezogen. Schn\u00fcffelte damals parallel bereits in Schriften von <a href=\"https:\/\/zonenklaus.de\/wordpress\/?p=794\">Gerst\u00e4cker<\/a>, Jack London, Cooper, Bret Harte <span style=\"font-size: xx-small;\">(den kennt sowieso keine Sau mehr)\u00a0 <\/span>usw. herum&#8230;<br \/>\nHatte mir dann ausgerechnet Tolstois: \u201e<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Auferstehung_(Tolstoi)\">Die Auferstehung<\/a>\u201c, gegriffen, sein l\u00e4ngstes Werk. Es dauerte fast ein viertel Jahr, bis ich es durch hatte. Musste nebenher<a href=\"https:\/\/www.flickr.com\/photos\/zonenklaus\/52487249634\/in\/datetaken\/\"> immer wieder Opas Hilfe in Anspruch nehmen<\/a>, der sich ewig auf meine vielen Fragen entsprechend einlie\u00df und zu Erkl\u00e4rungen weitere Literatur heranzog&#8230;<br \/>\nZwei Jahre sp\u00e4ter, ich hatte mit ihm ein kleines Baumhaus, am unteren Hang, an einem alten Kirschstamm gebaut. Der Einstieg, in ungef\u00e4hr drei Meter H\u00f6he, war so eng gestaltet, dass kein Erwachsener mich dort st\u00f6ren konnte. Au\u00dferdem wurde das knotiger Tau immer hochgezogen&#8230;<br \/>\nDarin las ich dann als Sechstkl\u00e4ssler bereits, ganz heimlich NS-Literatur. Die Gro\u00dfvater besa\u00df, weil er sie zeitweise zu Vortr\u00e4gen ben\u00f6tigte, er durfte sie allerding aber auch niemanden zug\u00e4nglich machen!<br \/>\nVon ihm kam auch die Einsch\u00e4tzung, Hitlers <em>gef\u00e4hrliches Kampf-M\u00e4rchenbuch<\/em> w\u00e4re einmalig im deutschen Raum, das meist produzierteste Machwerk gewesen, was allerdings auch am wenigsten gelesen wurde&#8230;<br \/>\nUnsinniger weise wurde es, aus ideologischen Erw\u00e4gungen heraus, seinen <em>freudigen Mitl\u00e4ufern<\/em> immer wieder brav an deren <em>Volksdeutsche Herzen<\/em> gelegt. Das eigentlich fragw\u00fcrdigste Produkt sei aber Rosenbergs: \u201eDer Mythus des 20.Jahrhunderts\u201c, gewesen. Welches ich mir anschlie\u00dfend auch prompt einzog&#8230;<br \/>\nMit jene beiden Schwarten, hatte ich mir als Kind, die erste schwere Heimsuchung auferlegt. Denn erstens durfte es die <em>hochgradig stalinistische Mutter meiner Schwester<\/em> nie erfahren und anderseits, konnte ich es keinem Schwanz erz\u00e4hlen!<!--more--><br \/>\nSo begann meine lebenslange Reise durch die unendlich gedruckte Welt, die im Herbst 1974, einen weiteren H\u00f6hepunkt erfuhr. Als ich mehrere Wochen im <em>ungarischen Staatsgef\u00e4ngnis logierte. <\/em>In den dortigen Tagen, ausgiebig sportliche T\u00e4tigkeiten fr\u00f6nte und jeden Tag zwei oder drei B\u00fccher, auf der Pritsche liegend, verschlingen konnte. Durch die Bank weg, sehr anspruchsvolle Literatur, meistens sogar aus dem Westen!<br \/>\nSp\u00e4ter, im Hotel \u201eRoter Ochse\u201c, sah es dann etwas anders aus!<br \/>\nTagelang wurde mir das <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Neues_Deutschland\"><em>ND<\/em><\/a>, die <b>SED<\/b>isten Parteipostille, offeriert. Da ich mich weigerte, sie an der Klappe in Empfang zunehmen, wurde die Zellent\u00fcr aufgeschlossen und dieser Schmachtfetzen an der Schwelle niedergelegt. Nach weiteren drei Wochen gab es dann die <i>Leseerlaubnis. <\/i>Der Ordner beinhaltete lediglich <i>dummrote Ostern<\/i>, sowie massenhaft ideologisch <i>gefickte Schmutz<\/i> und <i>Schundliteratur<\/i>.<br \/>\nAu\u00dfer zwei Werke, auf die ich wochenlang warten musste: <i><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/George_Eliot\">George Eliot<\/a>,<\/i> &#8220;<strong>Die M\u00fchle am Floss<\/strong>&#8220;<i> <\/i>und <a href=\"https:\/\/de.frwiki.wiki\/wiki\/William_Makepeace_Thackeray\"><i>William Makepeace Thackeray<\/i><\/a>, &#8220;<strong>Die Virginians<\/strong>&#8220;. Dem Himmel ward Dank geschuldet, dass ich beide Romane noch in U-Einzelhaft genie\u00dfen durfte! Kurz vor Weihnachten war mit der Leseruhe dann sense, nun zu dritt, war der eine Mitbewohner eine<a href=\"https:\/\/zonenklaus.de\/wordpress\/?p=14457\"> tierische Flachzange<\/a>.<br \/>\nDeshalb verlegte ich nebenher meine billigsten W\u00fcnsche &#8211; im Vollzug ebenso &#8211; auf Druckwerke von <em>Goethe<\/em> und <em>Schiller<\/em> aus den 50ger Jahren, die teilweise noch vom Schnitt verklebt waren&#8230;<br \/>\nKonnte ich in Budapest unermesslich viel schm\u00f6kern und Gedichte lernen, r\u00fcckte die Stasi immer nur ein Buch pro Woche heraus, au\u00dferdem war sportlicher Aktionismus verboten!<br \/>\n<a href=\"https:\/\/zonenklaus.de\/wordpress\/?p=39310\"><strong>( Lit. II. )<\/strong><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nur einmal sch\u00fcttelte er mit dem Kopf, als ich in B\u00fcchern die gotische Frakturschrift erlernen wollte, nahm dazu Karl May, da er drei oder vier B\u00e4nde in jener Schrift besa\u00df. 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