{"id":4530,"date":"2009-10-27T23:36:27","date_gmt":"2009-10-27T22:36:27","guid":{"rendered":"http:\/\/12decode.de\/zonenklaus\/wordpress\/?p=4530"},"modified":"2009-10-28T01:56:37","modified_gmt":"2009-10-28T00:56:37","slug":"ende-1989-irgendwo-in-der-zone","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/zonenklaus.de\/wordpress\/?p=4530","title":{"rendered":"Ende 1989, irgendwo in der Zone"},"content":{"rendered":"<p>Ich habe immer alles getan, was mir Papa und Mama gesagt haben. Dispil, Displizin ist alles! Schlie\u00dflich ist Papa deshalb  etwas geworden.<br \/>\nDurch die Gnade der sp\u00e4ten Nachgeburt brachte er es in jungen Jahren bereits zum Jungscharf\u00fchrer. Wenn der Russe nicht gekommen w\u00e4re, so manches h\u00e4tte ihm offen gestanden. So kam damals nur die Entnazifizierung, &#8220;unter Gewaltanwendung&#8221;, wie er mir erz\u00e4hlte. Allerdings kenne ich es von Mama anders. Er lag als einziger weinend im Panzergraben, die feigen Kameraden vom Volkssturm verpissten sich, als pl\u00f6tzlich ein Iwan vor ihm stand. Der schrie ihn an: &#8220;Kind! Dawai damoi!&#8221; und trat ihn f\u00fcrchterlich in seinen Arsch.<br \/>\nDieses einschneidende Erlebnis war der Anlass, sich auf einer &#8220;Kn\u00fcppelakademie&#8221; zum Neulehrer f\u00fcr Russisch und Staatsb\u00fcrgerkunde ausbilden zu lassen und bedauerte es immer, dass nicht wie zu Opas Zeiten, eine niedrige Parteibuchnummer beim Aufstieg gro\u00df in&#8217;s Gewicht fiel. Mein Alter war ein &#8220;beliebter&#8221; Lehrer. Ich bekam es schon in fr\u00fchester Kindheit von anderen G\u00f6ren zu sp\u00fcren. Er entwickelte sich zu einer allseitigen sozialistischen Pers\u00f6nlichkeit, kam sehr lebensfroh daher. Bei mir handelt es sich um einen Nachk\u00f6mmling aus dritter Ehe.<br \/>\nPapa war auch politisch sehr aktiv, seine vielen Orden und Auszeichnungen haben mich immer beeindruckt. Allerdings ging der  Genosse am liebsten mit Freunden zu Versammlungen, wo die B\u00fccher von MARXENGELSLENIN Henkel besa\u00dfen. Wenn er dann abends nach Hause kam, war das manchmal mit viel Krach verbunden. Oft ging Mama an den n\u00e4chsten Tage nicht aus dem Haus, da ihre Augenr\u00e4nder bl\u00e4ulich schillerten, wie sowjetischer Stahl. Ihre Ausrede, dass unser T\u00fcren sehr hoch angebrachten Klinken besa\u00dfen, nahm ihr schon lange keiner mehr ab.<!--more--><a href=\"http:\/\/12decode.de\/zonenklaus\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2009\/10\/tod-m-walkie2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-4538\" src=\"http:\/\/12decode.de\/zonenklaus\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2009\/10\/tod-m-walkie2-152x300.jpg\" alt=\"\" width=\"152\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/zonenklaus.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2009\/10\/tod-m-walkie2-152x300.jpg 152w, https:\/\/zonenklaus.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2009\/10\/tod-m-walkie2.jpg 462w\" sizes=\"auto, (max-width: 152px) 100vw, 152px\" \/><\/a> Papas Art st\u00e4hlte mich, deshalb begann ich auch alles mitzumachen, bekam allerdings daf\u00fcr keine Auszeichnungen. Konnte aber die fett gedruckten Zeilen aus dem Stab\u00fc-Buch besser und schneller aufsagen als ein Gedicht von Goethe oder Schiller. Von ihm kam dann \u00f6fters, \u201eals Offizier bei der NVA brauchst du dies sp\u00e4ter sowieso nicht.&#8221;<br \/>\nAllerdings bekam Papas Geradlinigkeit mal m\u00e4chtige Schrammen, als die Polizei ihn mit 2,6 Promille auf der Heimfahrt von seiner Freundin erwischte, damals noch im Trabbi. Mit so wenig Blut im Alkohol treibt sich schlie\u00dflich keine sozialistische Pers\u00f6nlichkeit zu nachtschlafender Zeit auf der Stra\u00dfe herum.<br \/>\nAber Papi drehte wieder alles zum Besten. Auf einer bestimmten Beh\u00f6rde gelobte er mit scheelem Blick auf Onkel WU Besserung und nahm seit dieser Zeit sein Lehrerkollektiv etwas genauer unter die Lupe. Gewisse Sachen die er f\u00fcr wichtig erachtete, wurden weitergeleitet. Mama erhielt dann zum Frauentag immer riesige Geschenke und freute sich, wie gut ihr lieber Gatte mit seinem bisschen Taschengeld wirtschaftete.<br \/>\nDann kam alles ganz anders.<br \/>\nPapa regte sich immer f\u00fcrchterlich auf, wenn er abends w\u00e4hrend der Tagesschau die Bilder aus Leipzig und Berlin sah. &#8220;Dieses langhaarige Gesockse, diese Asozialen, sollen doch erst mal richtig arbeiten gehen!&#8221; Mama gab ihm dabei immer recht.<br \/>\nAm folgenden Montag, nach der Mauer\u00f6ffnung, lie\u00df sich Papa wegen eines nerv\u00f6sen Magenleidens krankschreiben und wir fuhren in den Westen.<br \/>\nVati war toll. Hat er es doch fertig gebracht, mit irgendwelchen Papieren auf zuwarten, so dass wir achthundert Mark Begr\u00fc\u00dfungsgeld erhielten, ich mir endlich einen vern\u00fcnftigen Walkman kaufen konnte und deshalb nicht mehr meine Umgebung nervte mit dieser lauten &#8220;Affenmusik&#8221;, wie der Alte immer sagte.<br \/>\nSein Direktor war schon lange aus der Partei ausgetreten, da begann Mama ihn auch zu diesem Schritt zu dr\u00e4ngen, was er ein paar Wochen sp\u00e4ter auch tat. Von dem Tage an ging Paps zu jeder Demo, wo sie schrieen: &#8220;Wir sind ein Volk&#8221;. Dies hatte auch f\u00fcr uns etwas Gutes, er kam nicht mehr so oft besoffen nach Hause.Vollends drehte er durch, nachdem er den einzigen gro\u00dfen Kanzler dieser, unserer ganzen Republik live erlebte.<br \/>\nAber nichts ging ihm schnell genug. Mama musste die Koffer packen und Vater sperrte mich in die Besenkammer mit der Auflage, das Deutschlandlied auswendig zu lernen. Schlie\u00dflich kannte er meine Begabung, was das Lernen von Gedichten anging. Meinen Einwand, ich br\u00e4uchte mir doch nur eine Strophe einzutrichtern, lie\u00df er nicht gelten, &#8220;Schlie\u00dflich wei\u00df man ja nicht, was noch kommt!&#8221;.<br \/>\nSeit Tagen hocke ich nun schon in diesem Kabuff und drau\u00dfen r\u00fchrt sich nichts mehr.<br \/>\nIch glaube, meine Eltern sind ohne mich in den Westen gegangen. Nur gut, dass in dem Walker Westbatterien sind, diese longlife, sie wissen schon von welcher Firma, aber auch die halten nicht ewig.<br \/>\nEs ist zum Kotzen! Nun kann ich mittlerweile das Deutschlandlied sogar singen. Es wird mir aber nichts mehr n\u00fctzen, wenn mich hier mal jemand findet.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich habe immer alles getan, was mir Papa und Mama gesagt haben. Dispil, Displizin ist alles! Schlie\u00dflich ist Papa deshalb etwas geworden. 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