{"id":45885,"date":"2026-10-24T21:40:24","date_gmt":"2026-10-24T20:40:24","guid":{"rendered":"https:\/\/zonenklaus.de\/wordpress\/?p=45885"},"modified":"2026-10-25T01:59:45","modified_gmt":"2026-10-25T00:59:45","slug":"ergaenzung-zum-gestrigen-schrieb","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/zonenklaus.de\/wordpress\/?p=45885","title":{"rendered":"Erg\u00e4nzung zum gestrigen Schrieb"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: center;\" align=\"LEFT\">\u25bc<\/p>\n<p>Von der Stunde meiner Verhaftung am Draht nach Jugoslawien, bis zum letzten Tag im Staats\u00adge\u00adf\u00e4ngnis von Budapest, habe ich meine gesamte Knastzeit, was <a href=\"https:\/\/www.flickr.com\/photos\/zonenklaus\/52939649735\/in\/photolist-2oE6xtD\">ungarische Aktivit\u00e4ten<\/a> betrafen, nur in angenehmer Erinnerung.<br \/>\nGutes Essen, t\u00e4glich 15 Zigaretten auf Staatskosten, jeden zweiten Tag bis zu sechs neue B\u00fccher, fast alle aus den H\u00e4usern <em>Rowohlt<\/em> und <em>Fischer<\/em>. W\u00e4hrend dieser Wo\u00adchen verzichtete ich fast v\u00f6llig auf t\u00e4gliche Freistunden. Zwischendurch war es mir ver\u00adg\u00f6nnt einen Vorgeschmack zu erheischen, auf das, was mich sp\u00e4ter in der Zone erwarten w\u00fcrde. Als ich mir, w\u00e4hrend eines &#8220;<em>Gespr\u00e4ches<\/em>&#8220;, mehrere Minuten das sinnlose Gekreische eines Stasioffiziers an\u00adh\u00f6ren musste. \u201eDu selten dummes Schwein Simmering! Wolltest m\u00e4chtig schlau sein! Hast den Termin dei\u00adner Flucht so gelegt, da du der Meinung warst, zum 25sten Jahrestages unserer Republik gibt es einen Amnestie und du bist dann unter den ersten, die wir an schlie\u00dfend nach dem Westen auswei\u00adsen, ha, ha, ha! Nichts ist mit Amnestie!\u201c<br \/>\nWas meine terminlich Planung betraf, da hatte die\u00adse Flachzange sogar Recht. Nach den vergangenen, wundersch\u00f6nen Sommermonaten, die ich ge\u00admeinsam mit Leuten, fast nur in den Urw\u00e4ldern der<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Bieszczady\"><em> Bieszczady <\/em><\/a>, an der Ukrainischen Grenze ver\u00adbrachte, war dem nahtlosen \u00dcbergang in den Westen eigentlich nichts gegen zusetzen. Nun hie\u00df es hoffen, dass dieser <em>dummrote Schmierpiss<\/em> vor mir bluffte, was die Amnestie betraf.<br \/>\n\u201eWas hast du den Ungarn alles f\u00fcr eine Schei\u00dfe erz\u00e4hlt, dass mir dein Vernehmer sagte, er k\u00f6nne verstehen, dass du aus unserem Staat weg wolltest.Warum musstest du denen auch auf die Nase binden, dass deine Gro\u00dfeltern <i>Verfolgte des Naziregimes<\/i> sind und deine Mutter Funktion\u00e4rin. Blah, blah, blah.<\/p>\n<p align=\"CENTER\"><!--more--><\/p>\n<p align=\"LEFT\"><span style=\"font-size: medium;\">Nach dreieinhalb t\u00e4giger Wanderung in str\u00f6menden Regen, immer nachts bis zur morgendlichen D\u00e4mmerung, dabei andauernd durch quer gespannten Draht in den Weinbergen behindert, nahmen mich die Ungarn in einem Buchenwald, wenige Meter vor Jugoslawien hopp, w\u00e4hrend eines wunder\u00adsch\u00f6\u00adnen Sonnenaufganges. Total verdreckt, mein Jeansanzug hing in Fetzen am Leib, durchgefroren, ausgehungert und mit Brand wie eine Bergziege.<br \/>\nW\u00e4hrend dieser Zeit ern\u00e4hrte ich mich nur von \u00c4pfel, Weintrauben, Maisk\u00f6rner und manchmal Pilzen. Dabei lagen in meiner amerikanischen Falschirmpacktasche noch meh\u00adrere Dosen mit Fleisch. Welche aber nicht so einfach zu \u00f6ffnen waren, weil ich meinte schon sehr nah an der Grenze zu sein und mich deshalb meines Messers entledigt hatte. Da es bekanntlich einen weiteren Totensonntag wert war. Die Paragraphen gaben es her, damit einen versuchten bewaffneten Grenzdurchbruch zu konstruieren, was mit zus\u00e4tzlichen 12 Monaten belohnt werden konnte.<br \/>\nKlopfte aber zwi\u00adschendurch manchmal eine Dose zwischen Steinen auf&#8230;<br \/>\nAus irgendwelchen Gr\u00fcnden schmeckte das r\u00f6tliche Wasser am Boden arg salzig, den Durst versuchte ich einzud\u00e4mmen, durch ablecken des Regenwassers von Weinbl\u00e4ttern.<br \/>\nZu meiner Wut nach der Festnahme, durch einen sehr gut dressierte Sch\u00e4ferhund, der pl\u00f6tzlich an einer Laufleine aus einem Loch im H\u00fcgel angeprescht kam. Der blieb nahe vor mir sitzen, immer wenn ich die H\u00e4nde etwas absenkte begann er z\u00e4hnefletschend zu knurren.<br \/>\nZu dem Spielchen gesellte sich sogar etwas wie Erleich\u00adterung, dass erst mal alles zu Ende war. Best\u00e4rkt wurde ich darin, als mich auf dem St\u00fctzpunkt eine gr\u00f6\u00dfere Gruppe junger Grenzsoldaten mit Handschlag begr\u00fc\u00dften.<br \/>\nDann erschien ein kleinerer moppeliger Major, der br\u00fcllte etwas in Ungarisch zu seinen Knechten, die sofort etwas auseinander stoben und be\u00adgann mich auf Russisch anzuschreien. Als ich darauf nicht reagierte, wieder etwas in seiner Spra\u00adche. Worauf mich Soldaten ins Geb\u00e4ude zerrten und mir verst\u00e4ndlich machten, meine Klamotten auszuziehen. Ein Unteroffizier schmiss mir mehrere Handt\u00fccher, Unterw\u00e4sche, Drillichzeug und Holzpantinen vor die F\u00fc\u00dfe, zum sofortigen Anziehen. Jemand mit Lametta kon\u00adtrollierte w\u00e4hrend\u00addessen halbherzig meine Sachen, welche Soldaten anschlie\u00dfend auf die Heizung legten. Beim wieder aufgetauchten Major, sah ich mich gen\u00f6tigt, ihm verst\u00e4ndlich zu machen, dass ich zwar rus\u00adsisch verstehen w\u00fcrde. Aber nicht bereit w\u00e4re, ihm auch nur eine Antwort, in dieser Sprache zu geben, er solle es in Deutsch oder Englisch probieren! Allerdings reagierte ich doch auf seine letzte, russisch vorgebrachte Frage, ob ich rauchen m\u00f6chte.<br \/>\nEs folgte wieder etwas sehr putziges.<br \/>\nGenosse Major blubberte etwas zu seinen Untergebenen und jeder der anwesenden Raucher hielt mir ruck\u00adartig seine Zigarettenschachtel unter die Nase und nestelte irgendwie nach Feuer, dabei lachten alle schallend. Nun suchte ich mir die st\u00e4rkste Sorte aus und inhalierte sofort, nebenbei sammelte je\u00admand eine ganze Hand voll Glimmstengel und stopfte sie in meine Brusttasche. Nach wenigen Z\u00fcgen ging ich kotz\u00fcbel zu Boden. In der Situation kam auf Englisch die Frage, ob ich hungrig sei. Mit Trotz behaftet kam nur: \u201eNO!\u201c<br \/>\nNun f\u00fchrte mich der junge Dolmetscher in das Zimmer vom Major, der hinter seinem Schreibtisch fast verschwand, schob mir einen Sessel hin und bat mich Platz zu nehmen.<br \/>\nNochmals die gleiche Frage und von mir die gleiche Antwort, wobei der Soldat an schlie\u00ad\u00dfend den Raum verlie\u00df. Umgehend begann der Offizier ungarisch plappernd, am Schreibtisch zu nesteln. Baute vor sich eine Korbflasche, zwei Senfgl\u00e4ser, ein Holzbrett, mit Paprikaschoten, Sala\u00admi und Wei\u00dfbrot auf und fing an mit einem riesigen Hirschf\u00e4nger d\u00fcnne Scheiben von der Wurst zu sch\u00e4len, wobei er mich immer wieder gestenreich zum Essen aufforderte. Als dann auch noch der Geruch vom Wein durchs Zimmer strich, kam mir wegen meines Kohldampfes wieder arge \u00dcbelkeit hoch. Der Herr lie\u00df sich nicht beirren, schnitt dann und wann eine dickere Scheibe ab, spie\u00dfte sie auf und hielt sie in meine Richtung.<br \/>\nStolz ist manchmal schon mit einem Haufen Dumm\u00adheit verkn\u00fcpft.<br \/>\nAls seine Brotzeit fertig schien, schob er das Brett mit allen seinen K\u00f6stlichkeiten in meine Richtung, reichte mir sein Messer, erhob sich und wollte mit mir ansto\u00dfen. Das war schon ein Bild, in meiner Hand der Dolch und neben mir der lachende Uniformierte mit zwei Gl\u00e4sern, die letzte Kruste Trotz fiel ab. Er hatte mich entwaffnet. Fast kreischend nahm er meinen Toast auf Un\u00adgarisch zur Kenntnis. Als ich mein Glas auf einen Zug, wie Schnaps, runter kippte, war seins noch nicht mal an den Lippen. Verbl\u00fcfft schenkte er nach, es folgte das gleiche Spielchen. Nun wurde das Senfglas mit Wasser aus dem Siphon nachgef\u00fcllt, um\u00adgehend hielt ich mich am Essen schadlos, allerdings in diesen Mengen und der Geschwindigkeit hatte es Folgen. Mir kam in k\u00fcrzester Zeit zum dritten Mal das Kotzen an.<br \/>\nW\u00e4hrend ich in Richtung T\u00fcr torkelte, kebelte ich alles in einen \u00c4rmel, drau\u00dfen nahm mich ein Soldat in Empfang. Unterdessen ich mich in der Toilette weiter r\u00f6hrend erbrach, entwickelte sich drau\u00dfen totales Chaos, alles lachte wiehernd, dazwischen die Stimme vom Major.<br \/>\nNoch am Waschbecken damit besch\u00e4f\u00adtigt, mich und die Drillichjacke zu reinigen, ert\u00f6nte von der Toilettent\u00fcr ein Pfiff und ein neues Kleidungsst\u00fcck flog in meine Richtung, das nasse Teil sollte ich in eine Ecke schmei\u00dfen. Etwas Peinlichkeit kam anfangs schon auf, als ich mich durch das Spalier der lachen den Soldaten in Richtung des Zimmers bewegte, wobei mir der eine oder andere auf die Schulter klopfte.<br \/>\nDen Major fand ich mit gl\u00fchenden Kopf, strahlend in seinem Sessel vor und sofort n\u00f6tigte er mich nochmals mit der Mahlzeit zu beginnen, wobei er mir verst\u00e4ndlich machte, langsam zu speisen. Au\u00dferdem enthielt mein Glas jetzt mehr Wasser, denn Wein. Nach dem opulenten Mahl folgte ein wenige Minuten pl\u00e4tscherndes Verh\u00f6r, abschlie\u00dfend sollte ich mich entscheiden, ob ich die n\u00e4chsten Stunden Wartezeit mit Fernsehen oder Radioh\u00f6ren \u00fcberbr\u00fccken wollte, sie boten mir da <em>Radio Monte Carlo<\/em> an.<br \/>\nAuf meine Frage, ob nicht die M\u00f6glichkeit zum Pennen bestand, gingen sie be geistert ein.<br \/>\nDie nun folgende Knastzeit lie\u00df sich sehr lustig an, richtig schnallte ich alles erst am darauffolgenden Nachmittag, innerhalb eines l\u00e4ngeren Gespr\u00e4ches, was mir wieder als Verh\u00f6r angek\u00fcndigt wurde und die nette alte Deutschlehrerin vom dortigen Gymnasium dolmetschte&#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u25bc Von der Stunde meiner Verhaftung am Draht nach Jugoslawien, bis zum letzten Tag im Staats\u00adge\u00adf\u00e4ngnis von Budapest, habe ich meine gesamte Knastzeit, was ungarische Aktivit\u00e4ten betrafen, nur in angenehmer Erinnerung. 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