{"id":460,"date":"2008-08-16T13:02:18","date_gmt":"2008-08-16T12:02:18","guid":{"rendered":"http:\/\/12decode.de\/zonenklaus\/wordpress\/?p=460"},"modified":"2011-10-31T09:07:35","modified_gmt":"2011-10-31T08:07:35","slug":"eine-scheiswette","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/zonenklaus.de\/wordpress\/?p=460","title":{"rendered":"EINE SCHEISSWETTE &#8211; Sommer &#8217;77"},"content":{"rendered":"<p class=\"MsoNormal\" style=\"margin-right: -0.05pt;\">Betagte Berliner kann man in der ganzen Welt daran erkennen, dass sie bei irgendwelchen Motorenger\u00e4usche \u00fcber sich, ruck\u00adartig nach oben schauen, weil schlagartig Kindheitserinnerungen aufblitzen &#8211; die an abgeworfene Kaugummis der Rosinen\u00adbomber. Dieses Ph\u00e4nomen ging in Fachkreisen, als das so genannte Blockade-Syndrom ein. Der j\u00fcngere, oder Neuberliner, ist \u00fcberall an seinem gesenkten Haupt und einem merkw\u00fcrdig t\u00e4nzelnden Schritt als solcher auszumachen. Nicht etwa, weil er depressiver daherkommt als andere Zeitgenossen, nein, wei\u00df Gott nicht. Schuld daran, ist einzig die \u00fcberall auf den Fu\u00dfwegen, in unterschiedlichster Konsistenz anzutreffende Hundeschei\u00dfe seiner Heimatstadt. Manchmal d\u00fcnn, daf\u00fcr nicht so hoch, aber sehr breit, in kleinen oder m\u00e4chtigen Haufen. Vereinzelt allerdings in derlei Ausma\u00dfen, dass ich schon manchmal die Vermutung hegte, dort habe sich gerade ein Dino vollst\u00e4ndig entleert. H\u00fcbsch anzusehen sind die platt gefahrenen H\u00e4ufchen mit den unterschiedlichsten Mustern von Fahrradreifen oder Schuhprofilen. Es gelang mir im alten Jahrtausend, vor meiner Stammkneipe, als gerade die Kas\u00adtanien bl\u00fchten, ein besonders sch\u00f6n aussehendes Exemplar vor die Linse zu bekommen. Auch so ein Dinoschiss, kunstvoll platziert, wie frisch gepresst aus dem Sahnebeutel eines Konditormeisters, besetzt mit rotwei\u00dfen Bl\u00fctenkelchen, sah der Haufen aus wie die Krone einer Sachertorte. &#8211; Erinnern m\u00f6chte ich hier noch an einen k\u00fcnstlerisch veranlagten Typ. In den achtziger Jahren markierte er auf dem sehr breiten Gehsteig vor dem Schloss Charlottenburg Hundeschei\u00dfhaufen. Im jungfr\u00e4ulichen Schnee umrahmte der Popartist mit roter Far\u00adbe aus einer Spraydose ringf\u00f6rmig die Verewigungen der lieben Vierbeiner und setzte, wie es sonst nur Bergsteiger zu tun pflegten, auf den Top kleine F\u00e4hnchen, die an sich der Gourmet nur zweckentfremdet in K\u00e4seh\u00e4ppchen gepiekst vorfindet. Keines seiner Objekte landete gefroren in einer Galerie. Im Gegenteil, da es sich bei der Farbe um Kunstharzlack handelte, gab es wegen Umweltverschmutzung ein paar Hundert Mark Strafe&#8230; Hier h\u00f6re ich auf, sonst sagen mir psychologisch vorbelastete Leute noch T\u00f6len\u00adschei\u00dfhaufenfetischismus nach, allerdings komme ich letztendlich in der folgen\u00adden Schilderung nicht an diesem Schei\u00dfthema vorbei. Bevor diese uns\u00e4glich bigotte Troika von H\u00e4uptling Silberlocke*<em>(Richard von Weizs\u00e4cker, Regierender B\u00fcrgermeister)<\/em>, Lummi*<em>(Heinrich Lummer, Innensenator) <\/em>und Renata Granata*<em>(Hanna Renata Laurien, Schulsenatorin)<\/em>, Anfang der Achtziger, in Berlin das Sagen bekam, gab es so etwas wie eine ung\u00adeschriebene Legalisierung von Shit. Bei einer Razzia mit einer Menge f\u00fcr den Ei\u00adgenbedarf hochgezogen, wurde das Zeug zwar beschlagnahmt, und es gab in der Regel ein geringes Bu\u00dfgeld, sonst passierte aber nichts weiter. In der warmen Jahreszeit begab sich unser Rudel deshalb \u00f6fter in Lorettas Garten, an der Lietzenburger und dort zogen wir dann Shutgunm\u00e4\u00dfig unsere Pfeifchen und H\u00f6rnchen durch. Eines Tages ging dort alles auf Kosten von Rocky, einem Photographen aus San Francisco, der monatelang Berlinerisches f\u00fcr einen Bildband schoss. Ausger\u00fcstet mit Cash seines Verlages hielt er uns an besagtem Tag mit Zech und Kiff frei. Auf dem R\u00fcckweg in Richtung Zillemarkt gab Achim am Ku-damm, Ecke Bleib\u00adtreustrasse noch eine Geschichte zum Besten, die wir beide etliche Wochen vorher, an jener Stelle erlebten. Gegen\u00fcber von &#8220;Sedlatzeck&#8221; befand sich damals eine Restaurant, wo Sommers, auch Rattantische und Gest\u00fchl drau\u00ad\u00dfen standen. Noch auf dem Mittel\u00adstreifen vom gr\u00f6\u00dften Touri-Boulevard erblickten wir mehrere schnieke Typen, die dort vor einem Tisch standen, auf einen Sitzenden laut auf Italienisch einschrieen und wie wild gestikulierten. Kurz vor der Kneipe pl\u00f6tzlich sehr lautes R\u00f6cheln, und alle der eben noch dort anwesenden spritzten, bis auf einen, nach verschiedenen Richtungen auseinander. Dann sahen wir genau vor uns die Bescherung. Da lag ein ziemlich Dicker, ganz in wei\u00df geklei\u00addet, relativ bequem auf einem dieser Rattansessel und rutsche zuckend langsam zu Boden. Stoned, war er schon ein sehr merkw\u00fcrdiger Anblick und anfangs sogar noch lustig. Die weit ge\u00f6ffneten Au\u00adgen, aus einem Mundwinkel sickerte ein rotes Rinnsal, seine H\u00e4nde auf dem fetten Bauch gefaltet und zwischen den Daumen ein Messergriff. Die Klinge stak bis zum Anschlag in der Wampe, alles umrahmt von einem sich schnell vergr\u00f6\u00dfernden Blutfleck. Noch w\u00e4hrend des Gedankens, dass dieses Rot in dem grellen Licht auf den wei\u00dfen Klamotten scharf aussah, kam es mir gleichzeitig: Der Typ wird kre\u00adpieren, so wie das Blut aus seinem Wanst quillt. Zu Helfen ist dem nicht mehr! Aus meinen Betrachtungen rissen mich mehrere Leute, die kreischend die Stra\u00dfenseite wechselten, dann kam, nach einem nochmaligen Zucken des ganzen K\u00f6rpers die Entspannung. Seine starren, glasigen Augen erinnerten an die einer Kuh. Ich war nah daran zu kotzen, als von Achim kam, &#8220;Alter, wenn du jetzt das Gleiche denken solltest wie ich, dann lass uns ruckartig hier abhauen, denn der ist sicher von keinem Taschen\u00addieb perforiert worden!&#8221; Also, Kopf runter und weg. Ein paar hundert Meter weiter h\u00f6rten wir hinter uns schon &#8220;Lal\u00fc, lala&#8221;. Der Nachmittag schien gelaufen, eben noch vom Lacht\u00fcrken gepeinigt, nun dieses Erlebnis. &#8221; Mann, Leute, m\u00fcsst ihr jetzt diesen Schei\u00df ablassen!&#8221; &#8220;Ihr seid perverse S\u00e4cke!&#8221; &#8220;Shut up boys! Der schaffen sollte, zu die Kneipe auf seine H\u00e4nden davonlaufen, well, der kann den ganzen Abend von meine Geld tanken!&#8221; Dies hie\u00df, eine Distanz von rund 200 Metern \u00fcberwinden, von der Ecke Hurf\u00fcrstendamm bis zum Zillemarkt. Au\u00dfer Rocky, der seine Kamera z\u00fcckte, versuchten jetzt alle erst mal an der Hausmauer in die Lotrechte zu kommen. Von uns f\u00fcnf Leuten schaffte niemand auch nur ann\u00e4hernd mehrere Meter, obwohl jeder behauptete, schon mal weiter gelaufen zu sein. Allerdings war man da j\u00fcnger und nicht bekifft. Ich muss sagen, allein das Erlebnis, kopf\u00fcber an der Wand zu verharren und aus dieser Perspektive die Vor\u00fcbereilenden zu beobachten, hatte auch was f\u00fcr sich. Bald ging nichts mehr, schlie\u00dflich ben\u00f6tigte jeder seine H\u00e4nde, um sich wegen der heillosen Lacherei den Bauch zu halten. Schlie\u00dflich schlug der Photograf eine erleichterte Variante vor. Zwei sollten die Arme seitlich ausstrecken und ihre H\u00e4nde jeweils auf die Schulter des anderen legen, so dass eine Br\u00fccke entstand, der L\u00e4ufer dabei seine Beine an diesen Anschlag leh\u00adnen. Bobby war der einzige, der dies noch versuchte, schaffte es aber nur bis kurz vor die Mommsenstra\u00dfe. Dann kam von Rocky die allerletzte Chance, um ihm ein paar Bier abzuzwacken. Das letzte St\u00fcck musste jemand per Schubkarre zur\u00fccklegen. Achim war bereit, es mit mir zu versuchen. Er krallte seine H\u00e4nde seitlich in mei\u00adne Hosenbeine der Jeans und ab gings. Ich tapste los, dabei allerdings mei\u00adnen Kopf nach hinten gerichtet. Schier in dem Augenblick, als wir den richtigen Rhythmus fanden, glitschte ich mit der rechten Hand aus. &#8220;Halt Mann! S c h e i \u00df e! Schaut euch den Mist an!&#8221; Ich voll mit der Flosse in einem sehr weichen Dinoschiss, wobei die zwischen den Gliedern durchgepresste Masse des Haufens, sich \u00fcber den Fin\u00adgern rasant wieder schloss. Achim versuchte als erster, nach meiner Hand zu schauen. Aber als ich sie in Richtung der Meute nach hinten hielt, lie\u00df er kreischend beide Hufen los und die Zehen knallten auf den Gehsteig, was mich sofort veranlasste vor Schmerzen langzulegen. Zu unserer Gruppe gesellten sich jede Menge Leute, die lachend saud\u00e4m\u00adliche Tipps gaben, wie diesem leicht cremig, infernalisch stinkenden D\u00fcnnschiss beizukommen sei. Dabei wurde mir mal wieder klar, welch Wunderwerk der Technik so eine Hand darstellte. Nachdem ich kniend, auf einer Strecke von vielleicht zwei Metern, mit den unm\u00f6glichsten Verrenkungen der einzelnen Finger an der Kannte des Bordsteins und der Borke vom n\u00e4chststehenden Baum die Grobreinigung erledigte. Meine Kumpels, alles Kameradenschweine, waren nicht bereit, mir ein St\u00fcck Serviette, welches sich ganz unten zerkn\u00fcllt in meiner rechten Arschtasche befand, rauszufischen. Im n\u00e4chsten Papierkorb fand ich einige Fet\u00adzen Papier f\u00fcr den n\u00e4chsten Reinigungsvorgang. Allerdings kam mir das Gef\u00fchl, je mehr ich rieb, umso standhafter hingen die feinen Reste in den Poren. Nun blieb nichts anderes \u00fcbrig, als die Hand weit von mir zu spreizen und sofort in der Kneipe die Toilette aufzusuchen. In der Pinte wusste bereits jeder, was mir widerfahren war. Nach einer flehendlichen Bitte erhielt ich vom Zapfer alle m\u00f6glichen Reini\u00adgungsmittel. Meine Pfote, anschlie\u00dfend zwar rein \u00e4u\u00dferlich sauber, stank nun noch schlimmer. Der Geruch, den es zu entfernen galt, schlug auch nach mehreren Waschversuchen immer wieder durch. Nun beschloss ich die Kantgaragen aufzusuchen, um mich nach etwas l\u00f6smittelhaltigem Zeug umzuschauen. Vor dem Tresen rief mir der Zapfer zu, &#8220;los Alter fang!&#8221;, im Flug kaschte ich ein T\u00fctchen, &#8220;Wenn das nicht hilft, diese kleinen rosa Lutschsteinchen vom Pissbecken, dann bekommst du den Gestank auch mit Benzin nicht weg!&#8221; Cognac gab mir noch ein K\u00fcchenmes\u00adser und den Ratschlag, damit im Waschbecken einen Stein zu zerschaben. Was ich auch tat und mit Erfolg gekr\u00f6nt wurde, zwar mit leichten Hudeleien verbunden, denn die H\u00e4nde und Unterarme begannen sich schmerzhaft zu r\u00f6ten, au\u00ad\u00dferdem stanken sie nun infernalisch nach Industrieparf\u00fcm. Deshalb konnte ich an diesem Abend auch nicht mehr rauchen. Am n\u00e4chsten Nachmittag musste ich zum alten Schlockermann. Der wollte sofort einen Allergietest veranstalten, wozu ich aber keine Lust versp\u00fcrte. Also erz\u00e4hlte ich dem Doc wahrheitsgem\u00e4\u00df den Hergang. Aus seinem Fundus erhielt ich eine Salbe und f\u00fcr mehrere Tage einen gelben Urlaubsschein. Versuche, mich auf den H\u00e4nden fortzubewegen, habe ich nat\u00fcrlich aufgegeben.<span style=\"font-size: 14pt;\"><br \/>\n<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Betagte Berliner kann man in der ganzen Welt daran erkennen, dass sie bei irgendwelchen Motorenger\u00e4usche \u00fcber sich, ruck\u00adartig nach oben schauen, weil schlagartig Kindheitserinnerungen aufblitzen &#8211; die an abgeworfene Kaugummis der Rosinen\u00adbomber. Dieses Ph\u00e4nomen ging in Fachkreisen, als das so genannte Blockade-Syndrom ein. 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