{"id":493,"date":"2008-08-22T19:51:54","date_gmt":"2008-08-22T18:51:54","guid":{"rendered":"http:\/\/12decode.de\/zonenklaus\/wordpress\/?p=493"},"modified":"2024-10-31T23:55:29","modified_gmt":"2024-10-31T22:55:29","slug":"ein-zentner-knete","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/zonenklaus.de\/wordpress\/?p=493","title":{"rendered":"EIN ZENTNER KNETE &#8211; &#8217;78"},"content":{"rendered":"<p>Bummi kam aus einem Stall mit DDR-spezifischen Edelkommunisten als Eltern.<br \/>\nAber nach dem, was eigentlich so Vater- und Muttertier ausmachten, h\u00e4tte man beide not\u00adschlachten sollen.<br \/>\nKaum das Abi in der Tasche, versuchte er sofort, sich \u00fcber Ungarn nach \u00d6ster\u00adreich zu verfl\u00fcchtigen. Es blieb aber nur bei dem Versuch. \u00c4hnlich wie bei mir, en\u00addete sein Wandertag auch am Draht, da ihm die Ohren und Nase eines Deutschen Sch\u00e4ferhundes dazwischenkamen&#8230;<br \/>\nNach seinem Urlaub im Ungarischen Staatsgef\u00e4ngnis bastelten die Genossen in Hohensch\u00f6nhausen monatelang herum, bis sie f\u00fcr diesen Trip eine Belohnung von 4 Totensonntage zusammen bekamen. Da z\u00e4hlte sogar strafversch\u00e4rfend, dass er sich in seinen letzten Schulferien &#8220;den Zugriffen der staatlichen Organe der D\u00e4 D\u00e4 \u00c4R&#8221; entziehen wollte. Anschlie\u00dfend hie\u00df es bis zum letzten Tag, den <em>humanistischen Strafvollzug<\/em> in Brandenburg genie\u00dfen.<br \/>\nGleich zu Beginn seiner Knastzeit sagten sich Vati und Mutti schriftlich von ihrer missratenen Brut los, um ihre sozialistische Laufbahn nicht zu gef\u00e4hrden.<br \/>\n<span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: small;\"><b>(<\/b><\/span><\/span><em><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: small;\">Schon damals kam mir auf, im Nachhinein sehe ich es noch radikaler. Auch in dieser Schei\u00dfsituation, bleibt bei einem Ende mit Schrecken wesentlich mehr f\u00fcr sich selber \u00fcbrig, als bei den allm\u00e4hlichen Schrecken ohne sichtbarem Ende. In den Jahren verpufft ein Haufen Energie, denn Hass ist ein gefr\u00e4\u00dfiges Hydra, aber fr\u00fcher oder sp\u00e4ter gew\u00f6hnt man sich an ihr unsichtbare Pr\u00e4senz, von da an geht es einem wie Elwood mit Harvey&#8230; <\/span><\/span><\/em><br \/>\n<span style=\"font-size: xx-small;\"><strong>\u00a0 &#8211; <\/strong>Allerdings habe ich bereits zu fr\u00fcheren Jahren, einen sehr wichtigen Hinweis vom Gro\u00dfvater verinnerlicht: \u201eBeginne niemals irgendwelche widerw\u00e4rtigen Individuen zu hassen, denn grenzenloser Hass kehrt sich irgendwann nach innen und frisst dich schlie\u00dflich auf. Wenn du nach bedenklichen Situationen etwas zum Selbstschutz unternehmen musst, lass jene Leute von Anbeginn deine Verachtung sp\u00fcren, aber immer nur auf eine ruhige und m\u00f6glichst s\u00fcffisante Art!\u201c<\/span><br \/>\n<em><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: small;\">Gott sei Dank, ich kenne beide Seiten, bemerke aber, dass jenes F\u00fcllhorn aus beh\u00fcteten Kindheitstagen nicht bodenlos ist. Hinzu kam, dass auch die Umgebung m\u00e4chtig abf\u00e4rbte\u2026<\/span><\/span><\/em><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: small;\"><b>) <\/b><\/span><\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Bummi, besser gesagt das, was von ihm \u00fcbrig geblieben war, lernte ich beim Psychodoc<\/span><\/span><em><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"> Ham\u00adpel <\/span><\/span><\/em><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">kennen. Wir liefen uns au\u00dferdem bei unseren Beh\u00f6rden\u00adg\u00e4ngen immer wieder \u00fcber den Weg. Beiden war uns das Gl\u00fcck hold, tagelang aus dem Marienfelder Auffanglager separat in Ami-Luxusschlitten zum CIA nach Dah\u00adlem gekarrt zu werden. <\/span><\/span><br \/>\nDiese ganze Angelegenheit mit den Geheimdiensten fanden wir einfach nur l\u00e4cherlich. Beginnend beim Staatsschutz in Gie\u00dfen, der dort sogar Obacht gab, dass ich in der ersten Nacht im Lager nicht bei einer<em> K\u00e4the<\/em>, die ich im Bus aus Chemnitz kennen lernte, unter die Bettdecke kroch. <strong>(<\/strong><em><span style=\"font-size: small;\">W\u00e4hrend eines l\u00e4ngeren Gespr\u00e4ches stellte sich heraus, dass sie mich aus Erz\u00e4hlungen ihres Bruders aus Rostock kannte. Den anf\u00e4nglichen Hinweise dazu gab ihr mein Tattoo, der<\/span><\/em><span style=\"font-size: small;\"> Gammler<\/span><em><span style=\"font-size: small;\"> auf meinem linken Unterarm&#8230;<\/span><\/em><strong><span style=\"font-size: small;\">)<\/span><\/strong><br \/>\nZum Piepen war es beim <em>Secret Service<\/em> und der<em> Surit\u00e9<\/em>, die im gleichen Haus residierten. Wobei es bei den Franzosen in der Regel nur darum ging, dass jemand sehr gewichtig auf den Laufzettel einen Stempel knallte. Hinzu kam, dass man sich verpflichten musste, den anderen Kollegen nichts zu erz\u00e4hlen \u00fcber die gestellten Fragen und den daraus resultierenden Antworten. Mir ging dies am Arsch vorbei, schlie\u00dflich war ich schon in Gie\u00dfen unangenehm aufgefallen, da ich nicht Klavier spielen wollte. Ich tat dabei meine Meinung kund, wenn sie schon die Fingerab\u00addr\u00fccke von mir haben wollten, sie diese sich doch bitte sch\u00f6n, aus der Zone, von Mielkes B\u00fctteln besorgen sollten. Warum haben die Dr\u00fcben, nicht wirklich alles mit r\u00fcber gegeben? Als Antwort kam, <em>wir verf\u00fcgten \u00fcber verdammt viel Zeit<\/em> <em>und ich d\u00fcrfte das Lagergel\u00e4nde nicht verlassen.<\/em><br \/>\nBerlins Geheimdienstler am Platz der Luftbr\u00fccke waren identisch mit denen ein paar Kilometer weiter in der \u201eHauptstadt\u201c.<br \/>\n<span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Schon merkw\u00fcrdig, Geheimdienstmannen sind fast \u00fcberall gleich. <\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: small;\"><b>(<\/b><\/span><\/span><em><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: small;\">Allerdingsie machten die ungarischen <\/span><\/span><\/em><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: small;\">Genossen <\/span><\/span><em><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: small;\">eine riesige Ausnahme! Alles was mich damals betraf, schien ihnen schei\u00dfegal zu sein. Dies muss mal lobend erw\u00e4hnt werden, au\u00dferdem hatte ich dort niemals Handschellen tragen m\u00fcssen.<\/span><\/span><\/em><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: small;\"><b>)<\/b><\/span><\/span> <span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Im\u00admer schlecht gespieltes, d\u00fcmmliches Gehabe und dauernd der l\u00e4cherliche Versuch sich als die wichtigsten In\u00addividuen auf diesem Planeten zu verkaufen, mit ewig wiederkehrende identisch-idiotische Fragen und Bemerkungen und die k\u00f6nnen auf Dauer sehr nerven. Dabei sind <em>Vernehmer<\/em> doch nur Knechte, des imagin\u00e4ren R\u00e4derwerkes der Exekutive, die verbale Schei\u00dfe quirlen m\u00fcssen, um sie dann zu verkosten ob nicht ein Br\u00f6sel drin ist, der zum Puzzle der Mosaikspionage passt.<\/span><\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Bummi spielte in der ersten Zeit immer wieder mit dem Gedanken, sich zu entlei\u00adben, was er schlie\u00dflich verwarf. Trotzdem war mit dem Jungen rein gar nichts anzufangen, hatte Bammel ins Kino zu gehen, traute sich nicht in Knei\u00adpen, hockte im Rotkreuzheim nur auf seiner Viermannbude rum und litt m\u00e4chtig unter Heimweh. <\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: small;\"><b>(<\/b><\/span><\/span><em><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: small;\">Ich vermutete, dass er als <\/span><\/span><\/em><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: small;\">sehr junges Frischfleisch<\/span><\/span><em><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: small;\">, unter den Augen der Vollzugsbeamten, in Brandenburg sofort mit einem BVer* <\/span><\/span><\/em><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: small;\">(<\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: small;\">ugs. Knastjargon, <\/span><\/span><strong><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: small;\">B<\/span><\/span><\/strong><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: small;\">erufs <\/span><\/span><strong><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: small;\">Ver<\/span><\/span><\/strong><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: small;\">brecher<\/span><\/span><em><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: small;\">) verheiratet wurde. Solch Ritual lief pervers ab, weil dann auch die Freunde vom neu verm\u00e4hlten <\/span><\/span><\/em><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: small;\">Gatten<\/span><\/span><em><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: small;\">, \u00fcber solch Delinquent auch her\u00fcber rutschten..<\/span><\/span><\/em><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: small;\">. <\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: small;\"><b>)<\/b><\/span><\/span><br \/>\nDann verlor ich ihn monatelang aus den Augen.<br \/>\nAls sich unsere Wege wieder kreuzten, gingen wir sofort auf ein Bier, w\u00e4hren dessen blubberte der Junge ohne Punkt und Komma los. Als erstes kam die Einladung zu seiner demn\u00e4chst stattfinden Geburtstagsfeier. Bummi lebte mit einer sehr sympathischen, gleichaltrigen kleine Wessibraut aus S\u00fcdwestdeutschland zusammen. Das M\u00e4del wohnte f\u00fcr ein Jahr an der Rennbahn Marienfelde, in einem Silo f\u00fcr Leute aus Wessiland, in der <em>Kruckenbergstra\u00dfe<\/em>, die in Berlin ihren Erstjob aufnahmen, dort war er in ihrem kleinen <em>Wohnschlie\u00dffach<\/em> untergekrochen.<br \/>\nDie Fete fing so lala an, allerdings fast fifty fifty Ossis und Wessis, um die 15 Leute in dem kleinen Loch. Von Zoniseite aus, war es nat\u00fcrlich \u00fcbermackert und Ursel hatte noch nie solch ein Rudel erlebt, welches ganz anders drauf war, besonders was harten Alk anging.<br \/>\n<span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Mann, taten sich da Abgr\u00fcnde auf. Am Anfang fanden es die Bekannten von Bummis Freundin noch witzig, na ja, mehr interessant, wie in einem Erlebnis\u00adzoo, inmitten von anders gearteten menschlichen Wesen. Es fing an, sich zu wan\u00addeln, als es um die Musik ging. Ost wollte alte<\/span><\/span><em><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"> olle Schdonsgamellen<\/span><\/span><\/em><em><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><b>*<\/b><\/span><\/span><\/em><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">&#8211; <\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: small;\"><b>(<\/b><\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: small;\"><i>ugs.s\u00e4chsisch, Hits der Rolling Stones<\/i><\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: small;\"><b>)<\/b><\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">, West die gerade angesagten Hits.<\/span><\/span><br \/>\nWeil das Geburtstagskind mehr zu den \u00e4lteren Sachen neigte, liefen auch mehr diese Kl\u00e4nge, bald begann eine intensive Anbaggerei, was den S\u00fcdl\u00e4ndern irgendwann \u00fcberhaupt nicht mehr zusagte.<br \/>\nBummi litt unter panische Angst, vom Haschisch rauschgift\u00ads\u00fcchtig zu werden und seine Freundin lehnte kiffen auch strikt ab, deshalb pickte ich still auf dem Balkon das H\u00f6rnchen ein. Statt mich abzuf\u00fcllen und beobachtete ich durch die Fensterscheibe das Treiben im Inneren. Die T\u00fcr sollte wegen des L\u00e4rms im\u00admer gleich wieder geschlossen werden, deshalb bekam ich fast nichts von der Konversation mit, h\u00f6rte nur das Wummern der B\u00e4sse, dazwischen noch lautere Gespr\u00e4chsfetzen, die aber keinen Sinn ergaben und sah dabei wild gesti\u00adkulierende Leute, die diese Laute ausstie\u00dfen. Dann registrierte ich, dass Bummi und seine Freundin l\u00e4ngere Zeit im Zimmer nicht anwesend waren. Es stellte sich heraus, dass es wegen der Lautst\u00e4rke Beschwerden aus der Nachbarschaft gab und beide in der Winzk\u00fcche einen Disput ausfochten, in deren Folge die Musik etwas leiser gestellt wurde.<br \/>\nIch wei\u00df nicht mehr, wie Bummi dazu kam, jedenfalls besa\u00df er einen Karton mit seinen alten Zonenscheiben und wollte aus ihm ein Teil spielen, was absolut nicht ankam. Denn nach Wessimeinung konnte es nur Schrott gewesen sein, was dr\u00fcben produziert wurde, da auf DT 64 auch nur Westmusik dudelte. Wobei sich zwei Gruppen bildeten und ich mich auf Seiten der<em> Bundis<\/em> wieder \u00adfand, allerdings nicht so undifferenziert wie sie. Die sich entwickelnde Streiterei, veranlasste mich wieder auf den Balkon zu verschwinden, in der einsetzen\u00adden D\u00e4mmerung betrachtete ich das Treiben unten auf der Stra\u00dfe und in der nachbarschaftlichen Laubenkolonie. Dann stand Ursel neben mir, Tr\u00e4nen kullerten \u00fcber ihre Wangen. Sie wollte von mir eine Erkl\u00e4\u00adrung, warum Bummi immer so merkw\u00fcrdig daherkam. Was sollte ich dazu schon ablassen. Schlie\u00dflich reichte ihr mein Zuh\u00f6ren und musste entsetzt feststellen, dass sie nach Monaten des Zusammenseins, fast nichts von ihrem Freund wusste. Ab und zu schaute Bummi durch das Balkonfen\u00adster zu uns raus, dabei l\u00e4chelten sich beide gequ\u00e4lt an. Auf ihren Einwand hin, dass sie dies alles nicht mehr aushalten k\u00f6nnte, nahm ich sie in die Arme. Lautlos, am ganzen K\u00f6rper bebend begann sie hemmungslos zu weinen. Ihr Freund regi\u00adstrierte dies, kam aber erst ein paar Minuten sp\u00e4ter raus und umarmte uns beide, auch mit Tr\u00e4nen in den Augen. Damit konnte ich nun \u00fcberhaupt nicht umgehen, entzog mich sanft beider Umarmungen, ging nach drinnen, leerte eine halbe Flasche Wodka auf Ex und wollte gehen. Lie\u00df mich aber schlie\u00dflich zum Bleiben \u00fcber\u00adreden. Gleichzeitiges Kiffen und Saufen ist, wie gegen den Wind pinkeln, deshalb verzog ich mich erst mal auf den Topf. Als Sitzpisser musste ich eine ganze Weile eingeratzt sein, lautes T\u00fcrklopfen weckte mich. Au\u00dferdem kamen aus dem Wohnzimmer jetzt ganz andere Ger\u00e4usche, leise Musik lief und so wie bei einem Feuerwerk, &#8220;Ahhs&#8221; und &#8220;Ohhs&#8221;. Ins Zimmer wankend registrierte ich, ausnahmslos M\u00e4dels hockten im Raum und die Typen schafften sich mit gro\u00dfem Hallo auf dem Balkon, vorn weg Bummi. Dann bekam ich mit, was diese Idioten trieben. Alles machte sich \u00fcber seine Ost-Platten her. Zerrissen die Cover in kleine Schnippsel und schmissen sie wie Konfetti ins Zimmer, die Vinylscheiben segelten in Richtung der Kleingartenanlagen. Unten auf der Stra\u00dfe war auch Gau\u00addi angesagt. Einige Halbstarke trieben ebenerdig das gleiche Spiel. Aggressiv ging ich dazwischen, wollte noch etwas retten, aber hoffnungslos. Da gingen Platten \u00fcber die Wupper, die f\u00fcr mich mal einen nicht zu beschreibenden ideellen Wert darstell\u00adten, an denen ich zu Zonenzeiten hing. An die ich in der Provinz, nur unter gr\u00f6\u00dften Schwierigkeiten gelangt war, weil es sich um <em><a href=\"https:\/\/www.berliner-kurier.de\/berlin\/bueckware-in-der-ddr-7-dinge-die-nicht-immer-selbstverstaendlich-waren-li.365159\">B\u00fcckware<\/a><\/em> handelte und sie w\u00e4hrend meiner letzten Monaten dort, weit unter Preis verkloppte, haupts\u00e4chlich f\u00fcr Suff und Chemie.<br \/>\nSchei\u00dfe, da flogen sie dahin. Jene einzigen, f\u00fcr meine Begriffe vern\u00fcnftigen AMIGA-Erzeugnisse: die Folkbluesscheiben; Jazz, Lyrik, Prosa; die Beaz, Pete Seeger; Dylan, die Beatles&#8230;<br \/>\nFolklore aus dem ganzen Ostblock, Bachwerke gespielt auf Silbermannorgeln. Das Geburtstagskind h\u00e4mmerte die restlichen Scheiben wie ein Bekloppter auf die Balkonbr\u00fcstung und versuchte sie anschlie\u00dfend durch hin und her biegen zu zerbrechen, rasend vor Wut.<br \/>\nStinksauer rannte ich nach unten, es war aber nichts zu retten. Oben sah und h\u00f6rte ich die Meute, Bummi schien nicht mehr bei Sinnen zu sein.<br \/>\nLangsam schlich ich von dannen, fast schon an der U-Bahn kam mir: was, wenn Bummi durchdreht, au\u00dferdem lag mein Parka noch in der Wohnung, also zur\u00fcck. Oben begannen sich die Reihen zu lichten, zwei M\u00e4dels fingen an aufzur\u00e4umen. Jemand gab mir ein Zeichen nicht auf den Balkon zu gehen. Bummi lauerte dort, beide H\u00e4nde in die Br\u00fcstung gekrallt und starrte ins Nichts. Ursel stand au\u00dfen, mit dem R\u00fccken an die T\u00fcr gelehnt, hinter ihrem Freund und blickte ihn gebannt an. Ich glaube, in ihr stieg Angst hoch, dass er mit dem Gedan\u00adken spielte, Schluss zu machen. Leise rief ich seinen Namen. Endlich drehte er sich um, packte meine Schultern, dr\u00fcckte mich kurz, verschwand in der K\u00fcche.<br \/>\n&#8221; Der wird sich doch dort nichts antun?&#8221;<br \/>\n&#8220;Quatsch, h\u00f6rt auf, so etwas zu denken!&#8221;. Von meinen Worten war ich allerdings selbst nicht \u00fcberzeugt, setzte mich an den Tisch und begann ein Dreiblatt zu bauen. Platzierte es anschlie\u00dfend unter dem Firmenetikett meiner Baskenm\u00fctze und schmiss mir den Parka \u00fcber. Von Ursel verabschiedete ich mich durch Strei\u00adcheln, sie hockte umschlugen mit ihrer Freundin auf dem Sofa und beide weinten. Nun musste es schnell gehen, ich klopfte noch an die K\u00fcchent\u00fcr, &#8221; He, Bummi! Gib Laut! &#8211; Geh\u00f6rprobe!&#8221;<br \/>\nNichts.<br \/>\nNach nochmaligem Klopfen, &#8220;los komm rein Ede, du Arschkeks.&#8221;<br \/>\nIch fand ihn, im Dunkeln auf dem Boden hockend, mit beiden Armen seine Knie umschlungen, &#8220;Machs gut, Stary!&#8221; klopfte auf seine Schulter und wollte beim Rausgehen die T\u00fcr hinter mir zuziehen, &#8220;lass auf, Alter!&#8221;<br \/>\nIm Flur lief mir Ursel in die Arme. Nachdem ich mich von ihrer Knuddelei befreit hatte, kam noch: &#8220;Sag mal, seid ihr immer so gewesen?&#8221;<br \/>\n&#8220;Glaube nicht&#8221;, allerdings konnte ich mit ihrer Frage nicht so richtig etwas anfangen.<br \/>\nL\u00e4ngere Zeit herrschte Funkstille zwischen uns, unerwartet rief Bummi an, sein Abi wollten die Beh\u00f6rden unter sehr fragw\u00fcrdigen Gr\u00fcnden nicht anerkennen. Gr\u00f6\u00dftes Hindernis schien die lange Haftstrafe nach dem Schulabschluss zu sein. Es bestand aber die M\u00f6glichkeit, zu Beginn des neuen Schuljahres probeweise in die 13. Klasse einzuschulen oder sofort in eine schon laufende 12. Klasse zu gehen.<br \/>\nKurz nach diesem Gespr\u00e4ch tauchte er abends wieder mal im &#8220;Zillemarkt&#8221; auf und lie\u00df einen Haufen Bl\u00f6dsinn mit Andeutungen ab, dass er demn\u00e4chst auch an das Gro\u00dfe Geld herankommen w\u00fcrde, denn ein alter Kumpel aus Brandenburger Tagen war aufgetaucht.<br \/>\nKurz darauf presste jemand neue H\u00fcte, aber mit riesigen Krempen. Es war auch von einem bewaffneten Bankraub die Rede. Als ich dann im &#8220;Tagesspiegel&#8221; das Konterfei seines Spezis mit Steckbrief sah, beschloss ich, Ursel anzurufen. Tagelang ging niemand ans Rohr. Es stellte sich heraus, dass die Sache mit dem Knack den Tatsachen entsprach und sie sich wegen der Presseschei\u00dffliegen ei\u00adnige Tage im Wessiland aufhielt. Wir trafen uns, zu ihr nach Hause wollte ich nicht und sie in keine Kneipe, also gingen wir spazieren. Dabei spulte Ursel alles ab, ange\u00adfangen von Bummis Geburtstagsfete, bis zu seiner Verhaftung.<br \/>\nNebenbei, ihr die Beziehung von den ersten Tagen an Kopfzerbrechen bereitete. Dass ihr Schmusie im Osten einsa\u00df, wusste sie freilich, aber nichts von den vier Jahren. In den ganzen Monaten, die sie zusammen ver\u00adbrachten, gingen fast alle Aktivit\u00e4ten von ihr aus. Der Aus\u00adsetzer am Geburtstag gab ihr schwer zu denken. Da h\u00e4tte sie Schluss machen m\u00fcssen, denn die ewigen Depressionen von Bummi gingen ihr langsam auf den Senkel, obwohl sie ihn immer nett und zuvorkommend fand. In jener Nacht waren sie sich auch das erste und einzige Mal horizontal eins. Sein Schwur, dass von nun an al\u00adles anders w\u00fcrde und er alles unternehmen wollte, damit man sein Abi doch aner\u00adkannte, um sofort ein Studium zu beginnen, rutschte bald in Richtung Meineid weg.<br \/>\nAnfangs lie\u00df sich alles gut an, aber dann kamen die R\u00fcckschl\u00e4ge w\u00e4hrend der Beh\u00f6rdeng\u00e4nge. Von einem Schlag auf den anderen, war keine Rede mehr vom Abitur, nur noch vom gro\u00dfen Geld.<br \/>\nBummi schien wie ausgewechselt. Tag und Nacht unterwegs, er\u00adz\u00e4hlte aber nicht, was er trieb. Schlie\u00dflich lernte sie den Grund kennen: seinen al\u00adten Kumpel Meier, einer der schweren Jungs, die in den Bussen von Chemnitz die hinteren Sitze belegten und die der Westen gratis bekam.<br \/>\nUrsel konnte ihn vom ersten Moment an nicht ausstehen. In der rauen See fand sich ein Strohhalm. Sie schlug ihrem Freund vor, gemeinsam eine gr\u00f6\u00dfere Wohnung zu suchen, au\u00dferdem finanzierte sie auch noch seinen F\u00fchrerschein. Eine folgeschwere Hilfestellung, wie sich bald herausstellen sollte.<br \/>\nNichts half.<br \/>\nDem Einfluss des ehemaligen Knastkollegen konnte sie nichts erwidern, im Gegenteil. Als Bummi die Pappe endlich besa\u00df, wollte er sofort ein gr\u00f6\u00dferes Auto, also musste Knete her und Meier fand die z\u00fcn\u00addende Idee.<br \/>\nAlles lief dann so schief, schr\u00e4ger ging es gar nicht.<br \/>\n<span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">F\u00fcr die entscheidende Aktion musste ein Auto her. Da beide wenig Ahnung besa\u00dfen, wie man Autos knackte, musste Ursels Karre als Fluchtfahrzeug herhalten. Wenn ich mich richtig erinnere, lief der Knack am sp\u00e4ten Vormittag ab, in einer Bank Nahe der Kreuzung <\/span><\/span><em><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Haupt-<\/span><\/span><\/em><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"> Ecke <\/span><\/span><em><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Dominicusstrasse<\/span><\/span><\/em><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">. <\/span><\/span><br \/>\nDer \u00dcberfall konnte durch die <em>gro\u00dfe Aufmerksamkeit eines wachsa\u00admen B\u00fcrgers<\/em> sehr schnell aufgekl\u00e4rt werden.<br \/>\nNix da, denn es war zuf\u00e4llig der deutschen Tugend eines Parkplatzsuchers zu verdanken, dass die Po\u00adlizei sehr schnell am Ort des Geschehens auftauchte.<br \/>\nFolgendes lief damals ab.<br \/>\n<span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Bummi sollte im Auto bei laufendem Motor auf seinen Kumpel warten. Da ihm alles zu lange dauerte, beschloss er, nachzuschauen. In diesem Moment erschien der <em>aufmerksame Zeitgenosse<\/em>, bemerkte auf <em>seinem Parkplatz<\/em> die laufende Karre, nahm an, dass jemand nur kurz in die Bank rein sei, um schnell etwas zu besorgen. Schlie\u00dflich stieg der Mann aus seinem in zweiter Spur haltenden Fahrzeug, rauchte auf dem Gehsteig eine Zigarette und ging dabei auf und ab, stellte deshalb an dem anderen Fahrzeug zwei verschiedene Nummern\u00adschilder fest. <\/span><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: small;\"><b>(<\/b><\/span><\/span><em><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: small;\">Eins, der von Meier<\/span><\/span><\/em> <em><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: small;\">besorgten alten Nummernschilder, war auf der kurzen Fahrt abgefallen &#8211; das benutzte Teppichklebeband stammte bestimmt vom Schn\u00e4ppchentisch.<\/span><\/span><\/em><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: small;\"><b>)<\/b><\/span><\/span> <span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Stracks eilte er zur n\u00e4chsten Telefonzelle und benachrichtigte die Poli\u00adzei. W\u00e4hrend dieser Zeit erledigten die beiden Jungs in der Bank ihr Gesch\u00e4ft. Es zog sich etwas l\u00e4nger hin, da Bummi mit einer Kleinigkeit nicht einverstanden schien. Angeblich war der Tresor durch Zeitschl\u00f6sser gesichert. Meier be\u00adstand aber darauf, zumindest die habhaft werdende Knete einzusacken. Was er, entgegen Bummis Ansicht, auch tat. Dabei fielen fast nur 5-Markst\u00fccke an, allerdings \u00fcber ein Zentner, was ungef\u00e4hr 5000 DM entsprach. Also den Sack auf den Buckel und raus. <\/span><\/span><br \/>\nGemeinsam fuhren sie zum U-Bahnhof &#8220;Alt Tempelhof&#8221;. Dort schn\u00fcrte der Scheff mit Hilfe einer Wolldecke ein unauff\u00e4lliges B\u00fcndel und verschwand im Underground. Bummi raste nach Mariendorf und knallte sich in die Falle. Kaum im Bett, klingelte es.<br \/>\nTotal verschlafen und g\u00e4hnend beschwerte er sich ob der St\u00f6rung. Allerdings waren die Gr\u00fcnberockten auf dem Treppenabsatz sehr humorlos, denn sie lie\u00dfen den <em>Langschl\u00e4fer<\/em> noch nicht mal ausreden, for\u00adderten ihn ziemlich unsanft auf, sich anzuziehen. Er k\u00f6nne sich auf der Fahrt ins Revier \u00fcberlegen, was er dort zum Besten geben wolle.<br \/>\nNachdem ich Meiers Konterfei im &#8220;Tagesspiegel&#8221; ansichtig geworden war, vergingen kei\u00adne zwei Wochen, da ward auch er gekascht und von der schweren Beute nichts mehr vorhanden, scheinbar alles verflippert.<br \/>\nWegen bewaffneten Bankraubes wurden acht und sechs Jahre Haft beantragt. Was daraus geworden ist, wei\u00df ich nicht.<br \/>\nUrsel verzog unbekannt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bummi kam aus einem Stall mit DDR-spezifischen Edelkommunisten als Eltern. Aber nach dem, was eigentlich so Vater- und Muttertier ausmachten, h\u00e4tte man beide not\u00adschlachten sollen. Kaum das Abi in der Tasche, versuchte er sofort, sich \u00fcber Ungarn nach \u00d6ster\u00adreich zu verfl\u00fcchtigen. Es blieb aber nur bei dem Versuch. \u00c4hnlich wie bei mir, en\u00addete sein Wandertag [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":6,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[21],"tags":[],"class_list":["post-493","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-hundescheisshaufen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/zonenklaus.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/493","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/zonenklaus.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/zonenklaus.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/zonenklaus.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/6"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/zonenklaus.de\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=493"}],"version-history":[{"count":19,"href":"https:\/\/zonenklaus.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/493\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":42649,"href":"https:\/\/zonenklaus.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/493\/revisions\/42649"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/zonenklaus.de\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=493"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/zonenklaus.de\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=493"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/zonenklaus.de\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=493"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}