19. Juli 2008

Zonennostalgie auf mehreren Seiten

Abgelegt unter: sangerhauseN — ede @ 21:49

Mehrere Seiten für Leute, welche von unbändiger Zonen-Nostalgie geplagt werden.

Auf einer befindet sich ein Test, habe ihn fehlerfrei bestanden, obwohl ich zum Schluss, das erste Schlaraffenland der Arbeiter und Bauern gehasst habe. Außerdem bereits seit dem 23. Oktober 1975 durch den Sumpf des absterbenden Kapitalismus wate…
Dazu fielen mir zwei kurze Geschichten ein.
Ich beginne mit der, den Osten betreffende, da nach dem erfolgreichen Test, mein Stabü-Lehrer aus der kalten Heimat, die Welt wieder nicht verstanden hätte. Dieses Rattengesicht zensierte mich oft eine Zensur schlechter, weil ihm die Kluft zwischen meinen theoretischen Kenntnissen und meines Handelns zu groß erschien. Da der Klügere ja nachgibt, habe ich nie Widerspruch gegen seine Bewertungen eingelegt.
Ob er wegen jener Kuckuckseier, die ich ihm anonym legte, mal Schwierigkeiten bekam, ist mir nicht bekannt, sie kamen wie folgt zustande.
Als „Opfer des Stalinismus“ – klingt gut wah? – bekamen wir das erste Jahr im Westen milde Gaben, vom Staatsbürgerinnenverband, die jeder den „hungernden Brüdern und Schwestern“ oder der buckligen Verwandtschaft hinter der Mauer zukommen lassen sollten. Heute nennen sich ja diese Damen „Ladies of Charity“ (ihre Devise: Tue Gutes und rede viel drüber!), war schon ein merkwürdiger Klub, aber ich kam immer sehr gut mit diesen alten Tanten klar. Um für den folgenden Monat eine neues Präsent abzustauben, musste man mit dem Abschnitt eines Paketscheins, für die dort angegebene Ost-Adresse antanzen. Ich füllte diese Postteile immer mit Bleistift aus und korrigierte sie anschließend mit Kugelschreiber, da mir ja alles fehlte, wurde mein neuer Hausstand komplettiert, mit Kleinigkeiten die es dort im Wert von 50 Mark gab. So bedachte ich meinen ehemaligen Politpädagogen mehrfach mit alten „BILD“-Zeitungen, versehen mit entsprechenden Absendern, RIAS z.B…
In der “WELTONLINE” findet man den Test: Was wissen Sie über die DDR?
Ein Frage lautet: Welcher dieser Soldaten gehört der Nationalen Volksarmee an?
Antwort: Die Uniformen der NVA orientierten sich stark an Modellen der Reichswehr und der Wehrmacht. Auch der Helm ging auf ein Versuchsmodell der Nazi-Armee zurück.

Diese andere Geschichte betrifft den Besuch des Panzermuseums in Munster. Dort existiert eine Abteilung über die Geschichte des Kopfschutzes von Kriegern, bis hin zur Entwicklung des letzten Wehrmachtstahlhelms, eben jener blechernen NVA-Hurra-Tüte. Es handelte sich dabei nicht um ein „Versuchsmodell…“, zur Herstellung fehlten schlicht Stahl und Fabrikationsanlagen…
Zur Sommerurlaubszeit ging es von Schwiegermutter aus, mit den Kids immer einmal in den „Heidepark“ Soltau, dieser Ausflug fand traditionell an einem Donnerstag statt. Ich lieferte dort die vergnügungssüchtige Bagage ab, besorgte mir „FAZ“, „DIE ZEIT“, „STERN“ und verkrümelte mich zum Lesen.
Schließlich verbrachte ich dann, 1989, mehrer Stunden in jenem „Museum“.
War interessant, aber auch lustig.
Am späten Vormittag traf ich am Schlagbaum ein, die dortigen Spunde grinsten über mein Outfit – sehr bunte Ballonmütze, vorn zwei Zöpfe, hinten einen, die Jeans mit vielen farbeigen Flicken besetzt, einem recht brüchigen Shellparka und barfuss.
Solo die Ausstellung zu besuchen ginge nicht, allerdings könnte ich mich einer bald eintreffenden Busladung anschließen, müsste allerdings mir auch Schuhe anziehen. Dann erschien der Bus, Senioren von einer bestimmten Sorte, Männchen und Weibchen – wenn deren Blicke hätten töten können…
Kurzes Beinvertreten, sich beim Pförtner ausweisen, Besucherausweis empfangen und drinnen wieder sammeln. Zwei dieser alten Knaben hingen an ihren Krückstöcken wie Zitteraale, lehnten aber unter lautstarken Protest leichte Rollstühle ab. Von dem Zeitpunkt an, als es in Richtung der Ausstellungshallen ging, klebte ein pickliger Bursche in Kampfanzug, Turnschuhen und einer knisternden Handgurke an meiner Seite. Die permanente Anwesenheit dieses Typen fing an, mich mächtig zu nerven, da man in manche Fahrzeuge auch hineinkriechen durfte, sah ich dann ewig seine Larve in den Luken. Jetzt kam mein Part und begann ihn anzumachen, wütend machte mich die Tatsache, dass er sich nicht provozieren ließ. Etwas größeren Abstand wahrte er nach einer Frage vom mir, warum er denn nicht von meiner Pelle verschwand, ob er mir einen blasen wolle. Das ging leider nicht, da ich auf Schlitzpisser stehen würde. Wütende, unverständliche, aber auch grinsende Blicke aus der Umgebung.
Linkswichser sagen mir ja eine gewisse Affinität nach, was das III. Reich angeht, (was ich ja auch viele Silvester an der FUnität stupidierte) manche sehen mich sogar in dieser Ecke. Ewig verlangten solche Leute von mir dann Rechtfertigungen, dass mich diese destruktive Technik, als teil unseres Lebens auch interessiert, ließen solche Flachzangen natürlich nie gelten.
Selten habe ich während ähnlich langer Führungen so fundiertes Wissen erlebt, allerdings nur was die technische Seite anging. Nach und nach kam es auch zu Gesprächen mit einigen der alten Kameraden, fast alle gaben gestanzte Meinungen wieder, typisches Rudelverhalten…
Da mich bestimmte Darstellungen, zeitweise an ein Nazi-Traditons-Kabinett erinnerten, besonders was die Langlebigkeit dieser Garnison anging, riefen meine Einwände auch Proteste und heftig geführte Diskussionen hervor, aber ohne Ausfälligkeiten. Da unser Führer dann mit seinem verordneten Hang zur Harmonie einschritt…
Wie öfters schon erlebt, kam von einigen während der Verabschiedung, leider würde ich mit meinem profunden Wissen, auf der falschen Seite stehen…

Wenn es um das Nichtwissenwollen, oder der bewussten Falschdarstellung geht, war ich schon immer das Kamel, was den Rasen wegknabberte, wenn er gerade wieder über einer unbequemen Sache wuchs.
In den 90ern erlebte ich in Warnemünde, anlässlich der „Hanserail“ etwas ähnliches, wenn Veranstalter versuchen unbequeme Dinge einfach zu ignorieren. Stundenlang waren wir vorher schon in Rostock, in und auf Schiffen rumgekrebst und wollten zum Abschluss noch die Segler am dortigen Passagierkai betrachten. Sämtliche Objekte waren bis ins Detail mit riesigen Tafeln versehen, wo man teilweise mehrsprachig, angefangen von der Kiellegung die Geschichte verfolgen konnte.
Meine Freundin, ihre Tochter und ich drängten uns zu einer Gruppe, der eine Frau gerade die Dreimastbark “Eagle” erläuterte. Bereits vorher war mir aufgefallen, dass dieser Pott der Gnade der späten Wiedergeburt anheim gefallen war, sie existierte als Segelschulschiff der United States Coast Guard ab 1946.
Auf die Frage ob dieses Schiff nicht etwas älter sei, antworte die junge Tante, dass währe sicher möglich, sie könne aber zu diesem Schiff nichts weiter sagen und forderte alle zum Weitergehen auf.
Mein laut vorgebrachter Einwand, dass ich die Frage beantworten könnte, ließ alle sofort verharren und sich zu mir umdrehen. Meine Freundin die wusste was kam, verkrümelte sich sofort. „Also, dieser Kahn ist 1936 bei „Blohm und Voss“ von Stapel gelaufen, es handelt sich ursprünglich um die „Horst Wessel“, einem Segelschulschiff der HJ.“
Da hatte ich etwas losgetreten, sofort prasselte es auf sie herab, aber von zwei Seiten. Den I-Punkt bekam meine Freundin gar nicht mehr mit, der ging ungefähr so: „Leute, bei dem Fräulein handelt es sich bestimmt um eine Altlast, zu Zonenzeiten war die bestimmt Pionierleiterin…“

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