Freistatt – Fernsehfilm, Deutschland 2015

War ja wieder ein gelungener Schachzug vom Guldurganal 3Sat, den Streifen weit nach 22 Uhr über den Sender laufen zulassen. OK, fand es schon korrekt, ging alles wieder in Richtung eines gutmenschelnden Feigenblattes.
Lediglich etwas weichgespülter ging es auch im Stolberger Walter-Schneider-Heim ab, unter der Ägide von Genossen Erich Kaufeldt und einigen seiner pädagochisch vorbelasteten Knechte.
Hinzu kamen willfährige Helfershelfer, mehrere Monaten erlebte ich noch Peter Frohberg, mit 15 Jahren ein Bär von Knaben, der sich oft für einseitige Boxkämpfe hergab, ebenso Küsschen. Beide geistig beseelt, dass gegen sie ein x-beliebiges russischen Wildkaninchen als Abiturient durchgehen konnte.
Uwe Kottsiepen und Horst Strohbach waren als freudige Sadisten von ähnlichem Kaliber.
Mich ließ dieses Pack immer in Ruhe, scheinbar hatte ich bei ihnen einen mächtigen Stand, wegen meiner Prügelei mit dem Heimleiter…
Hinzu kam das feige Verhalten unserer Mitschüler aus dem Ort, die ewig wegsahen, auch wenn Heimkinder, egal weshalb sie dort hingen, oftmals nicht nur psychisch, sondern auch physisch gequält wurden.
Das permanente Auflaufen begann sofort am ersten Schultag auch bei fast allen Lehrern.
Mir passierte folgendes. Mein Geographie- und Mathepauker, Herr Pietsch, fragte nach den Zensuren in beiden Fächern. Da ich mich in der Sangerhäuser Thälmann-Schule total verweigert hatte, hing ich bei einem fetten genügend. Seine Antwort ging in die Richtung, sehr ansprechende Leistungen, schätze mal bis zum Schulende wird sich das aber noch ändern, ins kreischende übergehend, dann wirst du in beiden Fächern auf 5 stehen!
Infernalisches Lachen aus dem Klassenverband, bis auf wenige Ausnahmen, der meiner vier Mitschüler, Thea, Tatjana, Klaus und Gerd (Kenne sämtliche Familiennamen auch noch, bei denen lasse ich sie aber weg.) sowie zwei Stolberger Jungens. Hatte mich in dem Moment nur auf die Leute konzentriert, die nicht mitlachten, dazu gehörte auch Hans-Werner,der später mein Freund wurde.
Innerlich kochte ich natürlich, wenn die Flachzange gewusst hätte…
Meine unverschämte Retourkutsche erfolgte kurz darauf in einer der folgenden Geographiestunden.
Wir nahmen gerade Indien durch und Thea, sie wirklich keine Intelligenzbestie, sollte auf der Karte vom Subkontinent den Kilimandscharo suchen.
Meldete mich voll und ganz anständig, wurde aber in voller Absicht übersehen, während in der Klasse Gekicher begann, dazu weitere dumme Bemerkungen des Leerkörpers. Stand deshalb auf und fragte ihn, was der Blödsinn denn sollte? Darauf Totenstille in der Klasse, alle glotzten mich mitleidig an, hinzu kam die totale Verblüffung der Lehrkraft. Thea rannte daraufhin zu ihrem Platz und begann herzzerreißend zu heulen.
Der Mann durchschaute prompt meine Art, behandelte mich danach, im Verlauf meiner fast anderthalbjährigen weiteren Schulzeit, immer fair und ich tat es ihm gleich.
Allerdings versuchte er es nie bei den vier anderen Heimlern in der Klasse.
Dies geschah Anfang 1963.
Mitte der 1990er tauchte Herr P. zu einem Klassentreffen auf, begrüßte ringsumher alle Anwesenden, übersah mich dabei geflissentlich auch wieder, grinste dabei aber ewig unverschämt zu mir rüber. Mich schien er so als Sahnehäubchen aufzuheben. Dann stand er endlich vor mir, ich schnürte mich betont gelangweilt vom Stuhl. Wolle schon seine ausgestreckte Hand ergreifen, zog sie aber ruckartig zurück. Wissen sie, ehe ich ihre schweißige Hand ergreife, müssen sie unbedingt eine Frage beantworte! Totale Verblüffung im Rund. Weshalb sind sie eigentlich immer so ein abgrundtiefes Arschloch gegenüber den Heimkindern gewesen?
Berechtigterweise begann nun sein Gekreische. Ich bin hier als Gast geladen worden, so etwas muss ich mir nicht bieten lassen und ausgerechnet von einem ehemaligen Heimkind!
Da war es wieder, jener Makel!
Ließ ihn stehen und ging pissen.
War bestimmt auch besser für die gesamte Runde, da konnten sie sich sich wenigsten über mich auslassen…
Kam zurück und Ha-We fiel über mich her, du bist ein Idiot! Wir haben ihn als Gast eingeladen und du beleidigst ihn. Du haust morgen wieder nach Berlin ab, wir müssen aber weiter mit ihm zusammenleben! Eine Entschuldigung wäre angebracht!
  – Du bist ein Witzbold, von wegen Entschuldigung! Ich habe ihn als Sadist in Erinnerung behalten. Eigentlich hätte ich ihn diese Frage am letzten Schultag, vor über 30 Jahren stellen sollen. Sei froh, dass wenigstens einer mal sein Maul aufgemacht hat…
Machte die Leute noch darauf aufmerksam, dass es eigentlich eine Auszeichnung sei, wofür so ein Pauker auch etwas positiv menschliches geleistet haben sollte! Wenn man schon noch lebende Lehrer einlädt, in ihnen an solchen Abenden nicht nur eine Art von Pausenfüller aus Mitleid sehen muss wegen ihres Alters, denn nur dies, ist weiß Gott kein Privileg.
Kurz darauf kam der andere anwesende Lehrer zu mir, lud mich zu einem Wodka und zum Du ein. Es hatte mir sehr gefallen, wie sie meinen ehemaligen Kollegen zusammengefaltet haben…
Ein Geständnis seinerseits erfolgte noch, Herr M. erinnerte sich daran, dass ich zwar ein guter Schüler war, aber niemals, wie so mancher Streber, eine sowjetische Brieffreundschaft begann, sondern die mit einer Japanerin.
Allerdings schlief die nach zweieinhalb Jahren ein.
Habe später noch öfters darüber nachgedacht, mal die Fühler auszustrecken, wer eigentlich diese Kazue Shiozawa aus Tokio war…

Fußnote, ab Seite 23

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