„Ich bin nicht mitgelaufen, ich bin begeistert mitgestürmt“

Eva Sternheim-Peters über die Nazizeit
Über die Nazizeit wird immer nur vom Ende her berichtet, man spricht über Krieg und Gewalt, aber nicht darüber, wie es begonnen hat.“
In früheren Zeiten haben wir oft darüber diskutiert, wie es trotz des Versailler Schandvertrages nebst weltweiter Beobachtungen überhaupt möglich war, innerhalb solch kurzer Periode, jene martialische Militärmaschinerie aus dem Boden zu stampfen.
Aber dies steht jetzt auf einem ganz anderen Blatt…
Will dafür aber mal einen Bogen spannen, der den anschließenden Zeitabschnitt in der Zone betraf und weshalb mich solche Politspielereien bereits als Kind nicht hinter dem Ofen vor locken konnten. Meine Resistenz war dem Einfluss vom Großvater zuzuschreiben, denn er ging stetig auf meine Fragen ein, besonders was seine Erlebnisse im Feld betrafen.
Fast jeder normale Mensch hätte nach einer so schweren Verletzung einen unbändigen Hass auf den Erzfeind bekommen, da ihm ein französischer Schrapnellbrösel, am Fort de Douaumont, die rechte Hand fast vollständig abriss.
Dem war aber nicht so, im Gegenteil! In einem SPD-nahen Versehrtenverein, lernte er u.a. Kurt Schuhmacher kennen, wandelte sich als vormaliger begeisterte Krieger in einen Pazifisten und behielt jene Ansicht für den Rest des Lebens bei.
Anders verhielt sich da seine stalinistische Tochter, die es ewig darauf anlegte, dass wir Kinder perspektivisch dahingehend erzogen wurden, später ihre verpfuschten Träume zu verwirklichen, sie deshalb vehement die Meinung vertrat, wegen der revanchistischen Ambitionen des Westens, musste die Friedenstaube gepanzert sein. Für unseren weiteren Lebensweg hatte sie deshalb die irrwitzigsten Pläne in petto. Niemals stieg ich dahinter, weshalb meine Großeltern zu keinem Zeitpunkt, in die schrägen Erziehungsversuche ihrer Tochter, korrigierend eingriffen.
Vom Opa stammte ein Lebensweisheit, die mich seit damals begleitet: Wenn einem mal etwas schief ginge im Leben, sollte man immer erst sich selbst reflektieren und nicht die Schuld, für sein eigenes Versagen, sofort bei anderen suchen! Allerdings versuchte die Mutter meiner Schwester, uns permanent das Gegenteil schmackhaft zumachen. Bin letztlich wesentlich besser damit gefahren, ihre Anweisungen zu vergessen…
Bereits zu Pioniernachmittagen kamen mir viele dortige Erlebnisse einfach nur dumm vor, gerade die militärisch verbrämten Spielchen. Hinzu kam, dass ich nie scharf darauf war, ganz bestimmte Aktionen im Rudel auszuführen. Vollkommen leidenschaftslos wurden auch sämtliche sportlichen Betätigungen angegangen.
Ein Zappen wuchs mir immer, wenn es hieß, irgendwelchen Blödsinn während ewig anstehender Demonstrationen herauszubrüllen. Natürlich beobachteten die anwesende Lehrerschaft mit viel Unbehagen meine langsam wachsenden Abneigungen gegen solche Aktionen.
Mir fallen gerade zwei Beispiele dazu ein. Als wir, Ende der 1950ger, am 1. Mai durchs Dorf latschten. Vorher wurden das Zeug natürlich auf dem Schulhof geübt. Wir mussten dann auf der Demo solch geistreiches Zeug rhythmisch abgelassen: „Wir brauchen einen Vogelbauer für den Kanzler Adenauer!“
Äußerst peinlich für mich.
Schlimmer war eine andere Aktion, da wurde allerdings kreischend gesungen:
„Auf der schwäbschen Eisenbahne, wollte mal ein Ami fahre!
Mit der Bombe unterm Arm, brüllt der Ami: „Kiegsalarm!“
Alle flitzen in den Keller und der Ami noch viel schneller
und zum Schluss kommt sauer noch der Kanzler Adenauer!“
Irgendwie so ähnlich ging der Text…
Mit Begeisterung war ich dreieinhalb Jahre „Junger Geologe“, ging zum Segelflugmodellbau in die Mifa, sogar ins Pionierhaus zur Funk AG und anschließend ins dortige Photolabor…
Beim kunstmalenden unsäglichen Lokalmatador, der heute überschwänglich gehypt wird, ließ ich es bald sein, statt perspektivischer Grundlagen gab es Politscheiß: „Wie stelle ich eine Seite für das Tagebuch der Patenbrigade her?“ Mir war es vollkommen fremd, während seiner staatstragenden Ausführungen, meine Lauscher auf Durchzug zustellen, wie es alle anderen taten.
Im Betriebskinderferienlager, „Neu Afrika“, gab es andersartige Probleme, dies begann mit meiner Unpünktlichkeit, wenn es galt, zur morgendlichen Fahnenweihe anzutreten.
Zweimal während der Zeit mussten alle Gruppen auch Wache schieben! Da sollten die größeren Kids mit verschweißten KK-Gewehren Patrouille laufen. Dies ging ja nun gar nicht, ich hing lieber am Feldtelefon herum, weil man da lesend im Schatten hocken konnte…
Um es kurz zumachen, bei sämtlichen Kampagnen, die im Kollektiv abgingen und mir das Gefühl aufkam, da wollte lediglich jemand auf unserer Pisse Kahn fahren, letztlich nur Urkunden oder ein Blick zur Sonne heraussprang, machte ich sofort dicht. Wobei die restlichen Leute sich gegenseitig aufgeilten und solche Anlässe genossen und mir anschließend mit kollektiver Erziehung kamen. (Wegen meiner unverbesserlichen Eigenbrötlerei bezeichneten mich Linxwixer im Westen dann, als einen kleinbürgerlichen Individualisten.) Jedenfalls ging mir das gemeinsame Friede, Freude, Eierkuchen immer kalt am Arsch vorbei. Mit verordneter Kameradschaft im großen Rahmen konnte ich nie etwas anfangen, aber der breiten Masse multiple Sinnesorgasmen bescherten. Wobei jenes abartige WIR-Gefühl, resultierend aus einer langzeitig angelegten, tröpfchenweise verabreichten Gehirnwäsche, doch irgendwann dazu führte, schleichend bestimmte Hirnwindungen der jungen Leute auf Lebenszeiten zu verkleistern. Solche Erfolge sind absehbar in allen Gesellschaftsformen anzutreffen, denn ohne die massenhaften Gleichschaltungen der Plebse, funktionieren sie langfristig nicht.
Bringe noch einige Literaturbeispiele aus alten Tagen von Eva Sternheim-Peters.

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Leider finde ich das „Handbuch des FDJ-Leiters“ nicht, darin ist das Inhaltsverzeichnis ähnlich aufgebaut, nur die Ebenen sind letztlich verschoben, weil andere Führers angesagt waren.
Eine geschickte Indoktrination kann Berge versetzen und brennt sich in den Gehirnwindungen fest, prägt bis zum letzten Atemzug und ist auch nach einem Systemwechsel latent vorhanden. Allerdings muss der Einfluss, sei er negativ oder positiv, über eine längere Zeitdauer auf die Massen einwirken.
Viele kluge Menschen haben sich bereits über solche Phänomene ausgelassen, aber…
Tagtäglich könnte man in sog. Talkshows, irgendwelche Grottenolme erleben, die sich damit auseinandersetzen – alles Eksperten natürlich! Keiner der dort agierenden Blindfische käme auf die Idee und würde Eva Sternheim-Peters solch menschliche Größe einräumen, mit der sie eines Tages begann, nicht nur ihren vorgezeichneten Weg in Frage zustellen. Solche ureigene Leistung kann aber nur jemand vollbringen, der im Elternhaus Sekundärtugenden verinnerlichen durfte und deshalb auch irgendwann mal, lange versenkte Rudimente jener Einflüsse, auf seiner Festplatte wiederbeleben kann. Diese neu gewonnen Erkenntnisse, unter Einbeziehung seines gesamten Lebensweges, sind letztlich nur allein zu bewerkstelligen. Da schrammt man plötzlich nur noch am totalen Unverständnis der drögen Umgebung vorbei. Wobei alles mit einer neuerlichen Stigmatisierung verbunden ist, weil solche unbequemen Erleuchtung sofort als Nestbeschmutzung gelten. Dass Frau Sternheim-Peters lange Zeit sehr einsam auf freiem Feld agierte, war eine logische und folgenreiche Schlussfolgerung ihres Lebensfazits. In solchen Situationen darf man auch niemand an sich heranlassen, denn jegliche Flachzangen, die natürlich alles verstehen und dabei vorgeben, es auch nur gut zu meinen, sind letztlich todbringend…
Alle sind Kinder ihrer Zeit, geprägt von sämtlichen Eigenheiten die ein System so darbietet. Was letztlich jegliche Erzeuger daraus machen, in wie weit sie in der Lage und willens sind, entsprechende Erfahrungen weiterzugeben, steht in den Sternen!
Leider ist es nicht jedem gegeben, eine brauchbare Basis im Elternhaus zu finden und später eine Chance in der Gesellschaft. Wenn ich daran denke, was Heranwachsende in den letzten Jahrzehnten als prägend verinnerlichen mussten, ich weiß nicht.
Haufenweise lustfeindliche Alt68ger Softies, ebenso geartete Mädels in violetten Latzhosen mit fettigen Haaren in den Leeranstalten. Jene Saisonrevoluzzer, statt dafür Sorge zutragen, dass man von ihrem proletarischen Halbwissen abkam, was viele mitbrachten, als sie durch die Unis schlenzten. Anschließend führten diese Nasen voller Tatkraft sogar in den oberen Klassen der Gymnasien Lückentexte ein…
Die Kids der Scheffin sind während der Regentschaft von Birne (In Berlin waren es, mit einem kurzen Zwischenspiel von Mompi – Diepchen, Landowsky und Konsorten) herangewachsen, der als „Vereinigungskanzler“ (Was lediglich heißt, der Mann war zur rechten Zeit im richtigen Bonner Häuschen – Harald Juhnke wäre mir in dem Moment wesentlich lieber gewesen.) immer noch über den grünen Klee gelobt wird, letztlich als Krimineller abtrat – schon vergessen?
Mit den erwähnten Herren ging ein rasanter Verfall der politischen Sitten einher, die moralische Seite möchte ich gar nicht in Erwägung ziehen, wobei die Saat ihrer Mentalität prächtig aufging. Beim Oggersheimer kam es ja noch dicker, er ließ permanent kritische Geister mit Hilfe seiner Schildknappen und den Medien weg beißen und dringende Entscheidungen wurden bis zu Unkenntlichkeit ausgessen…
Da hat sich bis in die heutigen Tage nichts geändert, im Gegenteil. Anschließend folgte der Soze und sein chlorophyllmarxistischer Adlatus. Deren Klüngel kultivierte Birnes Geisteshaltung noch weiter. Änschie setzt seit Jahren dem Ganzen noch die Krone auf…
Keiner der Stare gilt mehr als ganzheitliche Persönlichkeit, es werden nur noch die entsprechenden Schokoladenseiten der Leute herausgepickt und wohlwollend hofiert…
Ich kann mir nicht helfen, die farbliche Darstellung jener gerade erwähnten kakaohaltigen Knabberei, erinnert mich schon lange an ein alltägliches Produkt ganz anderer Güte.
Was allerdings im selben Zusammenhang nicht so auf den Punkt gebracht wird…
Das Buch von Eva Sternheim-Peters werde ich mir nicht besorgen, wegen meiner ureigenen Erfahrungen mit Schilderungen der Altvorderen. Zeit meines Lebens wurden nämlich Mumien mit Fragen genervt, wobei ich immer wieder feststellen musste, dass Frauen bei ihren Ausführungen wesentlich mehr jene Kleinigkeiten des Lebens fokussierten, die letztlich das irdische Dasein lebenswert machen oder man durch sie total aus der Bahn geworfen wird. Eine Kleinigkeit muss noch erwähnt werden. Es dauert sehr lange, denn erst bei einer gewissen Vertrautheit sind Zeitzeugen in der Lage, bei ihren lange zurückliegenden Schilderungen, total in die Tiefe abzugleiten. Hinzukommt, man muss zuhören können…
Da waren Menschen drunter, welche sogar den Anschiss in vier Systemen erlebten und sich schließlich immer wieder neu definieren mussten, ohne groß darüber nachzudenken, wie das überhaupt vonstatten gehen sollte. Dabei trotzdem aus solch kritischen Situation herausfanden und dann unbekannte neuerliche Wege ohne Selbstaufgabe bewältigten.
Abschließend möchte ich noch etwas ablassen, was zum Erfahrungsschatz von E. Sternheim-Peters gehört, allerdings eine ganz andere Lebensebene betrifft. Ich beziehe mich dabei auf Millionen Leute, die im Osten lebten. Wobei in den vierzig Jahren sogar zwei Generationen heranwuchsen und jede auf ihre Art versuchte, sich in den entsprechenden Nischen zurechtzufinden, allerdings anders, als es die reiche Verwandtschaft im Westen vorlebten…
Um es kurz zu machen, was das Outen von E.S.-P. betrifft, könnte eigentlich jeder Deutsche mal seine ganz persönliche Reflexion betreiben.
Für den gelernten Ostler würde es allerdings etwas schwieriger werden, da nach dem 8.Mai eine ganz andere Qualität von Staatsform entstand. Ihnen parallel dazu, der sowjetische Frohsinn in allen Lebenslagen oktroyiert wurde. Dazu gehörte der sozialistische Lifestyle mit exzessiver Betreuung ihrer Brut.
Wenn man nun mal die Frage an Erwachsene mit westlicher Sozialisation stellen würde, was deren damaliges Freizeitverhalten anging, als sie in den 1970/80ern bei den „Falken“ oder den „Pfadfindern“ herumhingen, da käme heraus, dass kein allzu großen Unterschied zu Pionieren und FDJlern im Osten bestand. Letztlich würden WIR in vielen Fällen auch bei den späten Erkenntnissen von Eva Sternheim-Peters landen.
Denn jede Gesellschaft versucht ihre Nachkommen letztlich in eine ganz bestimmte Richtung zu manipulieren, zu verbiegen, bis sich die dröge Mehrheit schließlich optimal ins System pressen lässt.
Überall beginnt es mit Friede, Freude, Eierkuchen und am Schluss kommt überall das dicke Ende

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