Лето – Leto – Sommer, Kirill Serebrennikow über den sowjetischen Rockmusier Wiktor Zoi und seine Band

Gestern wollte Madame mich zu jener Queen-Schmonzette schleifen. We will rock you!
Nee, nee!
Dieses Stino-Gedöns von Queen mochte ich nie!
Allerdings war ja LETO in der Woche raus gekommen, in den Film ging ich dann und sie mit einer Freundin den anderen.
Hätte mir den Serebrennikow gern mit jemand besonderem angeschaut, sie hatte sich aber zum Thema nicht weiter geäußert…
Alles wurde für mich letztlich ein Nostalgieabend.
Nach dem Kartenkauf gings erst mal in den Zwiebelfisch, wollte endlich aus erster Hand erfahren, unter welchen Umständen Zappa im letzten Jahr das Zeitliche segnete. Letztens wurde während eines Luftkampfes am Tresen, seine Persönlichkeit wiederholt erwähnt. Mittlerweile waren mir verschiedene Varianten über seinen Tod zu Ohren gekommen, von Frau M. kam dann die Aufklärung.
Auf dem Rückweg lauschte ich ein Weilchen der erfrischenden Stimme einer Ukulele-Spielerin am S-Bahnhof Savignyplatz. Vis-à-vis von ihr hockten drei Zuhörer, auf dem Schoß von einem Typ hockte eine Teppichratte, die mich zur Begrüßung mächtig ankläffte. Der will dich nur begrüßen! Es entsprach den Tatsachen, das Vieh sprang runter, schmuste kurz an meinem Bein und glotzte dabei sehr freundlich. Nach einigen ausgiebigen Streicheleinheiten trollte er sofort wieder und sprang auf Herrchens Schenkel retour.

Dann ging´s ins Kino, ohne großartige Werbung lief der Film an. Im Raum keine 20 Zuschauer, also Platz genug zum sehr bequemen herumflegeln, mit den Hufen teilweise auf der Lehne des Vorderplatzes.
Nach kürzester Zeit kam mir, weshalb gibt es eigentlich keinen Film über jene verrückte Zeit, die in der Zone allerdings bereits anderthalb Jahrzehnte vorher begann. Andreas Dresen tönte in den 1990, nach einem Salon von Knofo in einer Potsdamer Kneipe herum, dass er in jene Richtung etwas unternehmen wollte. Heraus kam nun ein Streifen über die merkwürdige Stasiratte Gunderman. Muss ja alles sehr gelungen sein, denn eine Bekannte, die ich sehr schätze meinte nach dem Film, dass sie jetzt die ehemalige DDR verstehen könnte…
Da schien er wohl den Weg eines Frank Beyer´s nochmals abgelaufen zu sein. Bin immer darüber froh gewesen, dass die alten Stalinisten-Knochen des Politbüros, sich 1966 als Grottenolme outeten.
WIKI drückt es so aus: Es ist Ironie der Geschichte, dass Erik Neutsch und Frank Beyer weder Kritik am Aufbau des Sozialismus üben noch die Richtigkeit des von der SED eingeschlagenen Weges in Zweifel ziehen wollten. Beide waren bis zu ihrem Tod überzeugte Anhänger des Kommunismus. Sie haben lediglich zwei realistische Kunstwerke geschaffen, auf die die Parteioberen der DDR gern verzichtet hätten.
Anfänglich wird allerdings wiedermal mächtig geklittert, wenn bei wiki vermerkt wird: Spur der Steine ist ein Roman von Erik Neutsch, der in Erstauflage 1964 im Mitteldeutschen Verlag Halle erschien und mit einer Auflage von 500.000 Exemplaren eines der meistgelesenen Bücher in der DDR war.
Kein Wunder, wurde jenes realsozialistische Werk in jedem Buchklub den Abonnenten auf die Augen gedrückt. In den Schulen wurden daraus jahrelang Kapitel als Pflichtliteratur abgehandelt. In den vielen Bibliotheken landeten immer gleich mehrere Exemplare. Erinnere mich, dass es zuhause mächtige Problem gab. Hatte mir die Mutter meiner Schwester, jenes Machwerk in die Hand gedrückt, allerdings ohne es vorher gelesen zuhaben. Natürlich wurde der Schmöker sofort quer gelesen, währenddessen stand mein Lästermaul nie still.
Die Genossin gehörte im Dorf zu den sozialistischen Persönlichkeiten, die bereits 1964 das Buch verbieten lassen wollten!
Serebrennikow´s Film wird bestimmt viele Leute irritieren, besonders all jene, die sich den Streifen nur als Gaffer reinziehen werden. Wer allerdings etwas von der Szene im Osten mitbekommen hat, wird massenhaft identische Situationen wiederfinden. Geil kommen auch die vielen Kleinigkeiten herüber, besonders der post-stalinistische Frohsinn gegen den wir eine fast grenzenlose Resistenz entwickelten, alles verbunden mit tiefer aber fröhlicher Verachtung des Systems.
Nach altem Brauch hängt Kirill der Tradition solcher ehemaliger Ostblock-Regisseure, wie z. B. Miloš Forman und Andrzej Wajda an, die niemals in ihren Filmen, ganz spezielle Situationskomik der sozialistischen Art in kreischendes Schenkelklopfen ausarten ließen. Da sie mit ihren urkomischen Darstellungen immer Spannungsbögen erzeugten, welche gleichzeitig den vollgefressenen Zeitgenossen der freien westlichen Hemisphäre einen Spiegel vorhielten.
Allerdings kapieren diese fetten Leute immer noch nicht, dass ihr schnödes irdisches Dasein lediglich auf einer extrem konsumorientierten Ebene abläuft. Deshalb gestehen sie auch allen Individuen, die wegen ihrer vermeintlich materiellen Armut nicht zu ihrem erlauchten Kreis zählen, schlichtweg jegliches Verständnis für andersgeartete freie Lebensfreude absolut nicht zu.

Werde mir den Film jedenfalls nochmal einziehen, schon wegen der Soundqualität.
Was mir auch sehr gefiel, kenne nämlich keinen weiteren Film, außer Jean-Luc Godard´s Klassiker: Außer Atem, in dem soviel gequalmt wird.
Zu meiner Lehrzeit in Warnemünde rauchte ich entweder Kubanische Ligeros oder aus dem Russenmagazin die БЕЛОМОРКАНАЛ – wenn ich es richtig verstand, rauchten sie dort jene Sorte.

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