ELVIS – the PELVIS (II)

Zu Beginn meines 9. Schuljahres tauchte der zwei Jahre jüngere Aggi, aus Halle, im Heim auf. Seine Mutti war zu zwei Totensonntage hinter Schwedischen Gardinen verdonnert worden. Es handelte sich dabei um eine exemplarische Bestrafung, diese Nase hatte auf ihrer Arbeitsstelle, im Kaufhaus, nebenbei Nahtlose von ihrem Ex aus dem Westen, als Bückware verkauft. Hinzu kam, dass sie öfters im Dunstkreis der Freundschaftskanne auftauchte. Kanne, der Hallenser Begriff für eine kleinbürgerliche Gang, die sich Anfang der 50er noch am Theater der Freundschaft traf. Später, als auch im Osten die Motorisierung begann, hingen Männlein und Weiblein, wegen fehlender Parkplätze im Zentrum, etwas abgelegener, an der Moritzburg herum. Außer den Motorrädern aus sozialistischen Produktionsstätten, mehrheitlich 350er Javas aus dem Tschechland, provozierte natürlich das Outfit. Die Jungs in Nietenhosen, Elvistolle und Lederjacken. Wobei so manches dieser Offizierskleidungsstücke, von Papa aus seiner Zeit bei der SS, der Deutschen Wehrmacht oder Luftwaffe stammte – Klasse Qualität und zeitloser Schnitt.

(Auch ich besaß Anfang der 70er eine Joppe höchster Güte, aus den 20ern. Allerdings sehr dickes Leder, schwer, steif und ohne Reißverschluss, dafür mit vier großen Taschen versehen – vom Rotfrontkämpferbund.)
( – NACHTRAG – Muss dazu noch eine Ergänzung einschieben! Eigentlich entsprang der Besitz dieser Rotfrontjoppe einem recht merkwürdigen Tausch. Öfters besorgte ich mir in einem Eislebner Trödelladen Schellackplatten und warf nebenbei ewig Blicke auf alte Klamotten, die dann umgestaltet wurden. War nebenher auch scharf auf eine Lederjacke. Irgendwann meinte der Schefff , „ich habe etwas für dich, musst es dir aber entsprechend umarbeiten! Für 10 Mark überlasse ich dir ein schweres Lederteil.“  Ging nach hinten und stellte dann einen Mantel vor mich hin. Jener Kerl, der ihn früher Trug, musste ein Hüne gewesen sein. Zog den Mantel über, der war an den Schultern zu breit und nach unten fehlten zwei oder drei Zentimeter zum Boden hin. Grinsend kam, „10 Eier sind geschenkt, muss aber dazu sagen, es handelt sich um einen Gestapomantel!“
Nahm ihn trotzdem mit, in der Hoffnung, ihn entsprechend abzuändern. Was sich hinterher, bei dem dicken Leder, als fast nicht machbar herausstellte, wäre nur mit einem riesigen Aufwand möglich gewesen. Trug ihn, zumindest im Dorf, nur zweimal. Wegen meiner Jesuslatschen schlug mir der untere Rand die Fersen wund. Wenige Tage darauf, sprach mich ein Arbeitskollege an, weshalb ich das Teil nicht mehr tragen würde und gab ihm die entsprechende Begründung. Da schlug er mir einen Tausch gegen eine Rotfrontkämpferjacke vor, auf den ich natürlich flugs einging. Kaum drei Jahre später wechselte die Joppe, gegen zwei Flaschen Schluck, den Besitzer…)

Mädels in Petticoat und hoch toupierten Haaren, trafen sich einfach so und stahlen dem lieben Gott die Zeit, wie es Jugendliche seit Jahrtausendenden manchmal tun. Allerdings kam in der Zone ein politischer Aspekt hinzu, das Frönen westlich dekadenter Lebensformen. Natürlich klirrten in diesem Kreis auch Anodenwummen, logischerweise mit den gerade angesagten Hits aus der Westwinddrift. Es kam einer Verhöhnung gleich, wenn man sich als Jugendlicher an den Vorgaben, dieser senilen, impotenten Volkskammergreisen orientieren sollte. Lutz Jahoda, der Zonenelvis, war da im Angebot, Bärbel Wacholz oder Herbert Roth und seine Traudel – Ein Zonenspruch aus dieser Ära: „Der Rock ´n Roll ist tot, es lebe wieder Herbert Roth.“
Da konte unsereins das Sperma flockig werden.
Als größte Sünde stellte sich nachmittags an der Burg heraus, wenn Paare auf dem Gehsteig, zu der gerade angesagten Mucke, sich gegenseitig die neuesten Stepps vorführten.
Diese ungenehmigten Tanzveranstaltungen wurden immer wieder nach ähnlichem Schema unterbunden. Im Hintergrund lauerte ein Überfallkommando, während ein scheintoter Anhänger der Dreigrammbewegung mit einem riesigen Bonbon am Revers, ein Stück Pappe zückte, das ihn als Helferchen der Volkspolizei auswies. Teilweise, die dort Anwesenden, mit rätselhaften deutschem Idiom aufforderte, ihre Ausweise zu präsentieren. Worauf es natürlich entsprechendes Kontra gab und fast synchron die kleinen Grünen Männchen mit gezückten Gummiknüppeln erschienen. Entwickelte es sich für die Kantenlatscher alles eine Nummer größer, mussten die armen Schweine der Be-Po (ugs. auch Arbeiterknüppelgarde genannt) dran glauben.
In Schnellgerichtsverfahren wurde so für Nachschub an der Arbeitsfront in gesiebter Luft gesorgt. Die Menge von Schauprozessen, betreffs Jugendkriminalität im Bezirk Halle und deren Landkreise, war in der Zone immer beispiellos. Ebenso das mäßige Niveau in Politik und auf höherer Leitungsebene von Großbetrieben. Auf Blindenchefs der Partei, die verantwortlich zeichneten für Vorgaben in allen Lebenslagen, möchte ich hier nicht weiter eingehen. (Muss aber bemerken, da hat man in den letzten Jahrzehnten, was die “alten Bundesländern“ angeht, viel vom Osten abgekupfert. Jene Scheiße, die früher Parteisekretäre verzapften, die von den komplizierten, innerbetrieblichen Abläufen eins hatten – und zwar unbegrenzt – nämlich keine Ahnung! Diese Jobs erledigen heute mit viel Elan BWLer.)
Möchte nochmals zu den immer wieder auftretenden Schauprozessen zurückkommen. Auch darauf, wie im Vorfeld zugearbeitet wurde und einzelne Situationen im Zusammenspiel mit der Auslegung von Gesetzen – mustergültig ausgeführt von Paragraphenknechte, welche hündisch jenes System hofierten.

Benutze dazu Beispiele von Kannenmitgliedern, wo durch Rechtsbeugung immer wieder ähnlich gelagert, Leute im Knast landeten. Es uferte auch aus, dass Familienmitglieder im Wohnbezirk und den Betrieben in Mitleidenschaft gezogen wurden. Bei den Medien, speziell der Bezirksparteipostille „Freiheit“, sorgten Schmierfinken, so genannte „Volkskorrespondenten“, für entsprechende Manipulation, indem sie mit Volkes Stimme irgendwelche Gülle verspritzten. Einige Jahre später konnte ich in Rostock einen ähnlich gelagerten Prozess verfolgen, es betraf Kumpels von mir, harmlose Gammler. Heraus kam etwa die Preislage in Halle, Notzuchtverbrechen, Körperverletzung, mehrerer Eigentumsdelikte,  verbrecherischer Trunkenheit, man griff auch noch in die Kiste folgender Delikte…
Wenn jemand bei polizeilichen Maßnahme hopp genommen wurde, der wenige Tage vorher aus dem Sozialistischen Kollektiv geflogen war, nur weil er sich den Bestrebungen seiner Kollegen widersetzte, die seine Frisur nicht hinnahmen, da man im Roten Brigadetagebuch niemand verewigen wollte, der als schlechte Kopie dieser amerikanischen Heulboje sich in seiner Freizeit zu diesen Schluckaufgesängen auch noch amüsierte. Nun wenige Tage arbeitslos war, konnte dieser Umstand zwei Totensonntage Arbeitserziehung in der Braunkohle nach sich ziehen oder durch Erpressung, eine neue Planstelle als IM besetzt werden
– Schläge abwehren, durch hochreißen der Arme – Widerstand gegen die Staatsgewalt, 2 Jahre Minimum (Wir waren später etwas schlauer, bei solch ähnlichen Einsätzen wurde sich ruckartig hingekniet und die Hände hinter dem Kopf gefaltet.)
– Blanke Anwesenheit während staatlicher Ordnungsmapß – Rowdytum, mindestens 2 Jahre Knast
– Lautes, provokantes abspielen westlicher Musik in der Öffentlichkeit – wurde wegen Verbreitung geahndet, zumindest der IM-Job winkte
– Verbales Rummobbern während der Verhaftungszeremonie – Hetze, 2 Jahre oder Boykotthetze noch ein weiters Jahr Zuschlag
Mopeds wurden als Tatwerkzeuge sichergestellt. Weil dies meistens nicht haltbar schien, wurde gesucht und man konnte fast immer etwas finden, um solch eine Karre auf Monate aus dem Verkehr zuziehen: Zylinder manipuliert, irgendwelche Ritzel abgedreht, Reißgas angebracht, am Schalldämpfer gefummelt, bei der 350er jeden Topf mit einem Vergaser versehen, zu viele Teile verchromt, härtere Federung eingebaut, Lenker ausgetauscht usw.

2 Gedanken zu „ELVIS – the PELVIS (II)

  1. eDe

    Warum schade um die Zeit damals, ich habe die Höhen und Tiefen masochistisch ausgekostet. An mein farbiges leben in der Zone, kommt kein Wessi in meiner unmittelbaren Umgebung auch nur annähernd heran.
    Letztlich habe ich bis zum Schluss Erfahrungen gesammelt. Allein die Tatsache, 4 ½ Monate richtig frei verbracht zu haben, die meiste Zeit davon in den Urwäldern der Bieszady, an der ukrainischen Grenze. Auch die anschließenden Wochen in Budapest, im Staatsgefängnis, einem „Sieben Sterne“ Hotel, mit sehr menschlichem Personal, guter Verpflegung und einer gigantischen Bibliothek…
    Schließlich konnte ich meine Bahnsteigkarte in einen Pass eintauschen…
    Als Verlierer habe ich mich auch in der Zone nicht gefühlt.
    Mit der Ähnlichkeit der Peiniger und deren Fratzen stimme ich dir zu…
    Lotter, Kopf hoch, oder ich schieße!

  2. lotter

    Das kommt mir alles so bekannt vor.Schade um die Zeit damals und schade, daß wir uns so viel Ärger selbst machten. Die Geschichte gab uns letztlich recht, aber heute sind wir auch nur wieder die Verlierer und der neue Chef hat verdammte Ähnlichkeit mit den alten Peinigern. Die Fratzen sind noch die Selben, sie haben nur eine andere Farbe.

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