20. April bis zum 30. April – jene nebulösen Daten

Kurz nach der Geisterstunde musste ich sofort eingepennt sein, denn The Irrawaddy Blues schien doch nicht so das Gelbe vom Ei gewesen zu sein, ward deshalb gegen 5:30 prompt hellwach. Nüscht mit präseniler Bettflucht, fünf Stunden Schlaf sind mein Optimum an nächtlicher Augenpflege. Irgendetwas ging mir sofort durch die Birne, etwas wesentliches lag nämlich heute an. Notierte dazu auf meinen nächtlichen Merkzettel nur: KALENDER! Schloss die Äuglein wieder, wurde nach weiteren gefühlten Stunden schließlich wach. Weil das Radio immer noch leise lief, erfolgte dort plötzlich die Durchsage: ...Freitag, der 20ste April, gleich ist es sechs Uhr…
Pling!
Seit über 50 Jahren ist mir an jenem Datum ewig Adol Fhitler präsent. Darauf bezog sich der morgendliche Hinweis zum Kalender aber nicht! Nach erfolgtem Toilettengang ein Blick auf den April, dort stand nichts – bloody Bullshit!
Dabei lag abends etwas an, aber was?
Dachte mir so, greifst dir einen Sudoku, dann fällt es dir vielleicht ein.
Registriert mit halben Ohr die Info zum weitere Morgenprogramm, u.a. hieß es da, in Konstanz gab es Proteste, weil ausgerechnet am heutigen Tag Taboris Mein Kampf Premiere haben sollte.
Zumindest hat der Werbegag von Regisseurs Serdar Somuncu eingeschlagen. An jenem Abend fand sich niemand, der sich mit Hilfe einer Hakenkreuzbinde freien Eintritt verschaffen wollte. Wäre für mich kein Problem gewesen, hätte es für ein zweites Teil auch noch Freibier gegeben, hätte ich auch am andren Arm sogar eine weitere Binde getragen, allerdings nur im Theater!
Die Scheffin hat ja eine Haufen Provokationen meinerseits erleben müssen, für sie wäre ich dort ein mehrstündiger Unbekannter gewesen…
Bei den dortigen moralischen Contras handelte es sich um die üblichen Arschgeigen, die immer nur den überdimensionierten Kokolorus in ihren kranken Köpfen haben und ansonsten keines Sinn für solche verbindenden Kleinigkeiten eines Regiemannes, der seine Rezipienten mal aus ihrer trägen gutmenschelnden Reserve locken wollte.
Gerade zu solchen Stücken erlebe ich es immer wieder, vorher, in der Pause und zum Schluss, was für ein Haufen ungebildete Diplombesitzer, vielfach vom Leben gebeutelte Individuen der früheren Nickelbrillenfraktion, nun mit fleischfarbenen Badekappen, in Begleitung dröger dreinblickenden ältlichen Mädels im heute angesagten Chic, die sich mal wieder zeigen müssen und dazu Kultur konsumieren, wie sie es ansonsten mit ihren mehrfachen Pauschalreisen im Jahr tun…
Möchte nicht wissen, wie viele von diesen Kotzbrocken*INNEN usw., vorher überhaupt wussten, wer eigentlich George Tabori war.
Dass ich Mein Kampf in den 1990ern einziehen konnte, war lediglich einer Marotte von mir zu verdanken. Denn egal, wo mich meine Wege in der Republik hinführen, es werden im Transit immer die dort wohnenden Freunde und Bekannte aufgesucht. Auf dem Weg in mein Geburtsdorf, wurde deshalb in Halle kurz gerastet…
„…Du bleibst doch heute hier?“
„Hatte ich eigentlich nicht vor!“
„Wetten, dass du es dir sehr schnell anders überlegst? Wir gehen nämliche heute Abend zur Premiere eines Stückes von Tabori!“
„Welches?“
„Mein Kampf!“
„Oh, Scheiße!“
„Das heißt, du bleibst doch hier. Ist zwar ausverkauft, wir sind aber mit dem Regisseur befreunde.“
Madame huscht raus ans Telefon…
„Du bist eingeladen! Musst aber mit einem ollen Gartenklappstuhl vorlieb nehmen!“
Alles fand in einem sehr witzigen Theater statt, ein schmaler Schlauch von vielleicht 15 Meter, an der Längsseite fünf Stuhlreihen, genauso lang war die ebenerdige Bühne und ganz links hockte ich.
In jener eingefleischten Runde machte es ein Heidenspaß, dem dortigen Geschehen zu folgen, allerdings wurde sich an den Tabori-Text gehalten.
– Der Konstanzer Sozen-Kulturdorfschulze, Andreas Dr. Volkswirt Osner musste natürlich dagegen wettern.
Witzige finde ich die Tatsache, dass er sich wegen des Aufführungstermin, so echauffierte. Vielleicht wäre ihm ja eine Festspieldekade, vom 20sten, bis zum Todestag am 30sten April, viel lieber gewesen…

Fußnote:
Empfehle hier noch ein Büchlein von Edgar Hilsenrath!

PS. Ich wollte mir nämlich 19:00 UHR in der Berliner Geschichtswerkstatt e.V einen Dok-Film von Dorian Raßloff anschauen – Mit Jesus auf die Barrikaden – Christ*innen in der 68er-Revolte
Ein weiterer Berliner Termin ist der 2. Mai um 18:00 Uhr in der Reihe: Der Schahbesuch 1967 in Berlin – Auftakt für „1968““, Made in Wedding: Koloniestraße 120, 13359 Berlin, in Anwesenheit des Regisseurs.

 

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