Fortsetzung vom 16. August

Ach so, ich habs, wieso mich der olle LaBeef an etwas erinnerte…
– Letzten Donnerstag waren wir zur Eröffnung einer Fotoausstellung im HdKdW – \“Ostzeit\“
20 Minuten genügten mir, fand nichts besonderes dabei, schade, viele kastrierte Situationen abgelichtet, auch von Hauswald. Bergemann, wie üblich, gefälliger Modekram, ihr Zeug ist nicht besonders zonenspezifisch. Da finde ich keinen besonderen Unterschied zum Westen, denn nichts hat sich parallel in beiden deutschen Staaten so kultiviert, wie die kleinbürgerliche Spießigkeit.
Mir sind ein Haufen Leute bekannt, die Unmassen an Photos aus alten Zeiten irgendwo liegen haben, auch Super-8 gefilmte Sachen und keiner macht was damit. Mein Zonenarchiv, zwei Schuhkartons voller Bildern, wurden vom Arschloch (Kosenamen des Schreiberlings für den damaligen Schwager) entsorgt, als ich in den Knast wanderte.
Urkomische Sachen dabei, doppelt und mehrfach belichtet. Meine Fotos stellte ich mit einer 6×9 „Voigtländer“ aus den 30ern her. Viel Situationskomik darunter – oft „Lomographiert“, wie es heute heißt. Bis auf 20 Photos, die von der Mutter meiner Schwester weggefunden wurden und auf der KD von „Horch + Greif“ landeten, blieb nichts übrig…
Ich gehöre leider auch zu denen, die nur in die Schublade wixen, habe zu verschiedenen Projekten tausende von Negativen, was das gesamte Gelände der Kulturbrauerei angeht, von den Dachböden, bis runter zu den abgesoffenen Kellern. Im Mansfelder Land hatten wir, die damals noch stehenden Kupferschiefer Produktionsanlagen abgelichtet, das Hallenser Paulusviertel gehört auch zur Sammlung, usw.

Was die 70/80er Jahre in der Zone angehen, existiert für mich nur eine wirkliche Zeitzeugin: Gundula Schulze-Eldowy! Wem bruchstückhaft, einiges aus der Biographie dieser verrückten Braut bekannt ist, wer nur schemenhaft Einblick bekam in ihr Schaffen und sie vielleicht auch mal kennen gelernt hat, wird mich verstehen…
– Als die ganz „wichtigen“ Leute auftauchten, drei sollten labern, verschwand ich nach draußen, dort gab es einen Grillstand mit hervorragenden Thüringern u.a., erwähnenswert sind auch die Schrippen…
Mein Rückweg führte über den Lützowplatz.
Wenn ich daran denke, was dort mal los war, allein in den 70er/80er Jahren. Auf dem dortigen Rummel hielt ich mich letztmalig auf, als das erste mal dort eine Loopingbahn auftauchte, mit einem Überschlag. Fünf Mark gelöhnt, 25 Sekunden Fahrt, rauf auf den Drahtesel und weg.
Legendär war zu dieser Zeit die „Taverne am Lützowplatz“. Ich möchte nicht wissen, was sich heutzutage Leute unter diesem hochtrabenden Namen vorstellen, sicher etwas ganz nobles. Wie soll man diese Hütte beschreiben? Als flache Holzscheune, oder nebeneinander, zusammen gezimmerte Baubuden, ich weiß es nicht. Jedenfalls brannte in diesem Laden immer die Luft. Der Boden bestand aus grob gezimmerten Bohlen, die so wippte, dass jeder annehmen konnte man bricht bald durch. Überall standen Stempel für die Dachkonstruktion rum, von der es bei Regenwetter tropfte. Die Deckenhöhe war um die vier Meter hoch, das Mobillar bestand teilweise aus Gartenmöbeln. Sämtliche Toiletten befanden sich in einen Zustand, dass man ein russisches Taiga-Plumsklo mit fünf Sternen hätte prämieren können.
(Das besonders in sog. „Studentenkneipen“ – zwar die Wände ideologisch immer auf dem neuesten Stand zugepappt – aber die Scheißhäuser auch für Typen in einem bedenklichen Zustand waren, ist einer damaligen Lücke in der Kneipengesetzgebung zuzuschreiben. Einer im „Kollektiv“ meldete die Pinte auf seinen Namen an und bekam die Auflage diese erbärmliche Beschaffenheit innerhalb eines Jahres zu beseitigen. Vor Ablauf dieser Frist ging die Tränke auf den nächsten Mitbesitzer über und das Spielchen begann von vorn…)
Egal, was in diesem Laden stattfand, er war immer gerammelt voll, angefüllt mit einem repräsentativen Querschnitt der Berliner Ober- und Unterwelt, von blutjungen Strichern, bishin zu scheintoten Mumien, gepflegte und „ungepflegte“ Gestalten tummelten sich dort.
Kennen lernt ich diesen Laden, anlässlich eines Tuntenballs. Ein Kumpel benötigte einen Hiwi, u.a. als Beleuchter, er wollte am Eingang die ankommenden Gestalten ablichten. Ich ließ mich für Zech und Kiff breitschlagen und war nach kürzester Zeit platt, wie eine vom Panzer überrollte Padde. Wer da alles auftauchte, auch von der sogenannten „Prominenz“. Im total breiten Zustand war mir anfangs absolut nicht klar, war das alles nun dekadent, krank, unwahr, oder ließen manche aufgeblähten Tucken nur ihre mondänen Träume an diesem Abend raus. In dieser Gemeinde schien wirklich jeder, jeden zu kennen. An jenem Abend war natürlich, wie scheinbar immer, Strapsharry der King.
Irgendwann durften wir auch in die Bude, ich hielt es allerdings nicht lange dort aus. Schon draußen gingen mir die unterschiedlichsten Wässerchen der Herren und Damen auf den Sack, aber drinnen war es nicht zum Aushalten…
Gingen da nur 300 Leute, oder sogar 400 rein, oder mehr, ich weiß es nicht mehr. Es liefen dort Konzerte, Tanzveranstaltungen, merkwürdige Galas und sonst was. Die kaputten Reste von Bands der 50/60 Jahre traten dort auf, für mich war dann immer mächtig Nostalgie angesagt.
In dem Laden konnte jeder saufen bis zu Abwinken, du konntest dir auch die Nase pudern, oder irgendwelchen Scheiß einpicken – aber zum Kiffen musstest man raus. Eine unangenehme Eigenheit hing diesem Schuppen noch an, bei Countymucke musste man besoffenen US-Weißbroten unbedingt aus dem Weg gehen. Diese Rednecks enterten grundsätzlich im Rudel diese Kneipe – mit langen Haaren und Bart warst du ein beschissener Hippie und folglich Freiwild.
(So etwas habe ich bei Giorgio nie erlebt, gut, es kam zwar auch vor, dass sich ein Schwarzer mal im Dope vergriffen hatte, es artete nie in einer Bambule aus.)
Endlich bin ich nun wieder bei Sleepy gelandet.
Wüsteste Mucken habe ich dort erlebt, mit dem Berliner Rockabilly-Roll-Fossil: „Jacky and his Strangers“. Wobei sich Youngsters mächtige Augen holten (Meggi und ich natürlich auch), wie Fans der ersten Stunde ihre mittlerweile, manchmal etwas in die Breite gegangenen alten Mädels auf diesem Heubodendielenbrettern herumwirbelten, teilweise in ihren original Klamotten. Die Jungs aber auch nach drei Nummern auf den Stuhl plumsten und sofort an ihren alten 501ern die obersten Knöpfe aufrissen.
Bei Jacky fingen oft schon nach dem ersten Set die Sessions an, wer da alles auf die Bühne kam, ein Bekannter ließ mal ab, die „Taverne“ und Jacky als Lehrer, ist der beste Übungsraum in Berlin…
Heutzutage ist diese Platz, was Kultur angeht, mehr als mausetot.
Irgendwann in den 80ern begann sich das Kapital dort in Glas und Stahlbeton auszuscheissen, die Krönung ist dieser nicht unhässliche CDU-Tempel. Viele der heutigen „Stararschitekten“ sind scheinbar mit der Geschwindigkeit einer F-104 durch ihre Kinderstube gerast, und durften als Kids auf dem Kohlenkasten manchmal mit Briketts spielen und sie immer wieder anders stapeln. Siehe Hauptbahnhof, Südkreuz, Po-Platz u.s.w.
Welch Geistes Kinder manche dieser Zunft darstellen, ließ mal so ein Wicht, anlässlich der „Neugestaltung“ vom „Platz der Republik“ ab. In der Abendschau entblödet sich doch diese Pfeife vor der Kamera: „endlich ist dieser amöboide Charakter dieses Platzes beseitigt worden“.
Dieser Platz lebte sehr viele Jahre, war Lebensqualität für tausende große und kleine Menschen, die dort täglich ausspannten, Sport trieben oder einfach nur abhingen. Geile Openairs fanden dort statt. Dann tituliert ein primitiver Lakai des Kapitals unsereins als „Amöbe“…
Ich glaube, wenn Respektlosigkeit quietschen würde, müsste ihm ewig ein Knecht mit einer riesige Ölkanne folgen. Die Tante, die damals die Umgestaltung veranlasste, finde ich keinen Deut besser.
Ich wette um eine Flasche Gehacktes. Bei jenem Typen handelt es sich um einen arrivierten Proletenableger, der allerhöchsten eine Ecke im dunklen Flur als Kinderstube besaß und wenn er ganz brav war, zum Spielen auf den Kohlenkasten klettern durfte, wenn Pappi im Wohnzimmer seinen täglichen Rausch ausschlief…
Noch zwei Hinweise, wo man Mucke von Sleepy LaBeef und Konsorten lauschen kann.
Eine Station aus Schweden
Aus dem Amiland
Bei Rockabilly Radio kam mir vor einigen Wochen, nach vielen Jahren Kinky Friedman endlich mal wieder unter. Welcher Sender in der europäischen Provinz spielt heute noch Songs von diesem politisch inkorrekten Judenjungen? Eigentlich sehr schade…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.