TARANTEL – Satirische Monatszeitschrift der Sowjetzone (I)

Sicher interessant für Leute, die nie etwas von Propagandapublikationen aus dem Westen vernommen haben.

Das Grab meiner Jugend, Sangerhausen, lag in der Westwinddrift, außerdem befand sich in der Höhe von 10 000 ft (entspricht: 3333 yds) der Luftkorridor Frankfurt/Berlin, deshalb wurden wir bis weit in 60er Jahre optimal mit Propagandamaterial eingedeckt. Diese einzelnen Flugblätter, oder Zeitschriften kamen entweder durch Ballonfracht angefahren oder wurden einfach aus den Fliegern gekippt, zeitweise regnete es nachts Unmengen dieser Papierchen.

Der Osten war kein Deut besser, hatte aber immer die schlechteren Karten, (Wieder mal typisch Zone, selbst da waren sie in den Arsch gekniffen.) was die günstigen Luftströmungen gen Westen anging.
Mit verstärktem Einsatz ging es immer zum Spätsommer los, wenn die Herbstmanöver begannen. Da regnete es zusätzlich sogar Zeitschriften, täuschend echte Militärgazetten in Kyrillisch, für NVA-Genossen ein Reprint der „Volksarmee“, allerdings dünner und etwas kleiner – Wer mit solch einem Presseerzeugnis erwischt wurde, landete sofort in Schwedt und musste nachdienen.
Drei Episoden möchte ich hier noch ablassen, die jene Luftpost betrafen.
Die erste ereignete sich im Oktober 1957. Aus Anlass des 40sten Jahrestages der „Großen Sozialistischen Oktoberrevolution“ fanden in unserer Umgebung wochenlange Manöver statt, hauptsächlich von Angehörigen der Roten Armee.
Es begann an einem wunderschönen Oktobertages am späten Nachmittag. Die Sonne stand südwestlich über dem Kyffhäusers, als ich in meinem Zimmer ohrenbetäubenden Lärm vernahm.

 Die kleinbürgerliche Idylle in der ich aufwuchs. Dieses Photo ist allerdings von 1929.

Die kleinbürgerliche Idylle in der ich aufwuchs. Dieses Photo ist allerdings von 1929.

Wie riesige Hornissen kamen aus nordwestlicher Richtung, mehrere Staffeln „Fliegender Waggons“, immer sechs „Jak 24“ hintereinander, das Tal entlang geflogen, vielleicht 60 Meter hoch, fast in Augenhöhe, im Abstand von vielleicht 10 Minuten. Ich sofort runter und hockte mich auf einen dieser riesigen Stützpfeiler unserer Hofmauer und beobachtete das Schauspiel. Vom Knattern der Rotoren taten mir augenblicklich die Ohren weh. Nebenbei gewahrte ich, dass unsere Federvieh vollkommen durchdrehte, es war von der Hofmauer runter in den Garten geflattert und raste zwischen den Himbeeren und anderem Gesträuch laut kreischend hin und her. Vom aufgewirbelten Staub begann es dunkler zu werden.
Schräg vor mir, vielleicht 400 Meter entfernt, auf der anderen Talseite, das gleiche Schauspiel. Alles Viehzeug vom Nachbar raste wie blöde, kreuz und quer über die abgeernteten Felder, Hühner, Gänse, Enten, Schafe und der halbverhungerte Zossen.
Zur gleichen Zeit machte sich bei unseren beiden bäuerlichen Nachbarn auch das gesamte Viehzeug selbstständig, hinzu kamen da noch Rinder, Schafe und Pferde. Anschließend landete manches Tier sofort unter dem Messer, wegen schwerer Verletzungen die vom Koppeldraht herrührten. Am schlimmsten traf es den Schäfer, dessen Gatter sich gleich hinter dem „Beinschuh“ befand. Keine hundert Meter von dort, südlich des „Gerichtsweges“ landeten einige „Fliegende Bananen“.
Dann stand mein Freund Datsch vor mir, sofort rannten wir zu oberen Gartenpforte und raus auf das Feld vor unserem Grundstück.
Aus Süden wälzte sich eine riesige Staubwolke in unsere Richtung, hinter der die Helis verschwanden. Meine Oma verbot uns auch nur einen Schritt weiter, in dieses donnernde Chaos zu bewegen.
In der Dämmerung gingen wir dann doch etwas näher ran, denn einige Neugierige tauchten auf und denen schlossen wir uns an.
Russische Soldaten beschäftigten sich etwas weiter weg, mit dem Aufbau des Gatters und andere fingen Schafe ein.
Zwei Zelte wurden errichtet, „natürlich nur für die Offiziere, denn die Muschkoten pennen ja am liebsten nur in ihren Zeltbahnen eingrollt.“
Nachts gewahrte ich vom Balkon flackernde Feuer am Horizont, bei Tagesdämmerung weckten mich infernalisch Knallgeräusche, die von den startenden Hubschraubern stammten.
Vor dem Gang zur Schule wurde registriert, dass in der Nähe des Stammplatzes vom Schäfer, nur noch ein großes Zelt stand. Nachmittags pirschten Datsch und ich in diese Richtung und beobachteten aus gesicherter Entfernung den Aufbau einer Funkstation, bestehend aus einem LKW und Geländewagen, nebst der Errichtung von merkwürdigen Antennenkonstruktionen. Die gesamte Anlage stand anschließend mehrere Wochen dort.
Omas Verbot mit den Russen Kontakt aufzunehmen, verblasste sehr schnell, denn ihre Befürchtungen, dass ich mir dort Flöhe und Läuse einfing, bewahrheiteten sich nicht. Was haben wir dort alles abgestaubt, einzig meinen Beuteschapka konfiszierte sie, rückte das Mützchen aber wieder raus, als ich es gegen etwas eintauschen wollte.
Das allergrößte, was uns in diesen Wochen widerfuhr: mehrfach durften wir beidhändig, aus ungefähr 8 Meter Entfernung, mit einer „Makarow“ auf die dort stehenden Telefonmasten schießen…
In eben dieser Zeit, wurde die gesamte Umgebung regelrecht einem Flächenbombardement mit Flugblättern ausgesetzt.

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