Bürgeramt Wilmersburg

Als ich das letzte Mal auf dem Bürgeramt rum hing, gingen zwei Stunden ins Land, mein Ausweis ward seit 14 Monaten abgelaufen, der Pass ebenso…
Ausgerechnet heute musste ich hin, wo mich seit nächtens leichte Zahnschmerzen pieksten, darum seit drei Uhr AFN hörte, mehrere Sudokus abhakte und schließlich las. Dann raffte ich mich zum Inhalt meiner „Luftschutzapotheke“ auf, dank eines Brösels von Rathiopharm pennte ich während des Kalenderblattes auf D-radion ein. (Sie erinnerten an den Geburtstag von Hundertwasser)
Schließlich zwanzig nach acht im Amt gelandet, nur wegen neuer Steuerkarten, weil das Amt hudelte – für die gesamte Nassauische Strasse gab es keine Lohnsteuerkarten – angeblich. Nun ist dieses Problem seit Monaten bekannt, aber nichts tat sich, jeder muss folglich hinlatschen.
Am Counter kam nur: „ja, ja die Nassauische, dies ist uns bekannt!“ (Wobei ich denen nicht abnehme, dass es nur die Nassauische betraf.)
„Ist denn ob dieser Schlamperei jemand zur Verantwortung gezogen worden und ist man dabei es abzuändern?“
Lächelnd: “Neee.“
Schön, mit der Nummer 28 konnte ich abtraben, 12 wurde gerade aufgerufen. Im total überheizten und schon müffelnden Warteraum hingen vielleicht 15 Hanseln rum, ich suchte mir mittig einen Platz zwischen den Heizkörpern und pellte mich aus. Lange tat sich auf der Anzeigentafel nichts, dafür flimmerte über dem riesigen Flachbildschirm daneben, irgendwelcher Werbescheißund im „Tagesspiegel“ keine vernünftige Panikmeldung…
Immer wieder klingelte eine Kommunikationsprothese, das Fräuleinchen an der linken Tür schwafelte unentwegt, allerdings recht leise.
Nun rächte sich meine Schlamperei, hatte nämlich vergessen im Walkie die Batterien auszutauschen. Gott noch mal, die Alte an der rechten Tür plapperte vielleicht mit einer ekelhaften Stimme (Sicher die ehemalige Synchronstimme von Frau Elster?) irgendwelchen Stuss, in verschieden Tonlagen. Kaum fertig schon das nächste elektronische Rasseln, zwischendurch die Töne irgendwelcher Melodien. Für wie unersetzlich halten sich denn diese Arschgeigen, dass sie jene kleinen Teilen krampfhaft mit ihren Händen umklammert halten und bei der geringsten Reaktion, reagieren wie weiland die Köter von Pawlow – als Belohnung dann ein Quatschkopp am anderen Ende.
(Vor einigen Jahren vermisste ich ein Handy, aber auch nur durch meine Dummheit. Madame hing schon im Dorf bei Mutti, auf der Hintour schneite es heftig, und meine Gehwarzen steckten in Sandalen. Der Kilometer bis zum Telefon beim Griechen, musste deshalb barfuss zurückgelegt werden…)
Irgendwann registrierte ich eine Tante, die sich mittig, vielleicht drei Meter rechts vor mir platzierte. Kaum dass sie saß, aus ihrem Buko (Hatte dazu für WIKI mal eine Ergängung verzapft, die politisch korrekten Gutmenschen hatten meinen Spruch sogar reingestellt, aber nach ein paar Wochen doch getilgt – Beischlafutensilienkoffer!) Unterlagen nestelte und gut hörbar zu telefonieren begann, musste wohl etwas amtliches sein, den sie wiederholte mehrfach den Nachnamen. Bei ihrer ganzen Art kam mir, dass sie scheinbar in einer Therapiegruppe erst kürzlich mitkriegte, beharrlich und überall ihre Bedürfnisse anzumelden.
Kurz darauf bat ich sie, es noch etwas lauter zu tun, damit jeder etwas davon hätten, was sie leicht aus dem Konzept brachte, aber statt nun draußen weiter zuschnacken, kam zwischendurch etwas Gestammeltes, was sich später als Entschuldigung herausstellen sollte.
Um dem nächsten Gespräch vorzubeugen, meine schon seit Jahren bewährte Frage:
„Entschuldigen sie bitte, sind sie chronisch untervögelt…, da sie hier so laut verbal wichsen müssen?“
Entweder hörte sie nicht richtig hin oder verstand den Sinn meiner Frage nicht, höflich wie ich nun mal bin, wiederholte ich sie nochmals. In solchen Momenten schauen alle anderen immer unauffällig in der Gegend rum, folglich konnte sie keinen Beistand erheischen.
Jetzt kam ihrerseits etwas, was mich total verblüffte, sie baute sich anschließend vor mir auf und wiederholte mehrfach die gleiche Frage, aber immer etwas anders vorgebracht, dabei auch in unterschiedlichsten Darstellungen mit Hilfe ihrer Körpersprache.
„Wollen sie sich nicht sofort bei mir entschuldigen, ich hatte mich vorhin auch entschuldigt!“
„Nein! Außerdem beantworten sie doch erst mal meine Frage!“
„Das ist reichlich unverschämt“ und an die zwei Nächstsitzenden: „Kann jemand von ihnen bezeugen, dass ich mich vor hin entschuldigt habe.“
Mittlerweile schaute ich über meine Zeitung, der junge Typ an der anderen Wandseite, der die ganze Zeit mit dem Rücken zum Raum vor seinem Notebook hockte, drehte sich rum. „Ich bin bereit es zu bezeugen!“ Aha, so etwas wie ein Frauenversteher und Berufszeuge: „Ich bin Zeuge, um was geht es?“
Sie tauschten ihre Autogramme, währenddessen schaute ich mir die Tante mal an. Viel blieb nicht hängen.
Eine Alterserscheinung kommt bei mir schon länger zum Tragen. Junge Mädels werden beharrlich attraktiver, egal wie sie ausschauen, aber bei den nicht mehr taufrischen, kann ich immer weniger das Alter schätzen und merke mir auch sonst nicht viel Äußerliches. Was die Farbe ihrer Augen (Wirklich die Augen und nicht die Titten) anging, muss ich passen. Frisurmässig lief sie so ein bisschen gestylt rum, wie aus dem Hause „Walz“, Marke: „Angelamopp“ und blond natürlich. Von der ganzen Art, so leicht Richtung „Lichterkettenmammi“, die nach solch einem aufregenden Protestabend, anschließend mit ihrer Freundin bei „unserem Griechen“ versackt.
Auch kam sie mir leicht pädagogisch vorbelastet daher, mit so ´nem touch belanglos nett sein.
„Ich habe jetzt einen Zeugen, dass ich mich vorhin bei ihnen entschuldigt habe. Wenn sie sich jetzt bei mir auch entschuldigen würden, könnte ich auf eine Anzeige verzichten.“
Wie ist die denn drauf?
„Wollen sie mir ein Gespräch aufdrängeln?“
„Jetzt reicht es aber, entschuldigen sie sich nun?“ Hier fehlte lediglich, dass sie es noch trampelnd vorbrachte.
„Verstehen sie nicht, ich werde mich für nichts entschuldigen!“
„Wenn sie nicht augenblicklich einlenken, werde ich eine Anzeige erstatten!“
Zum ‚Zeugen’ gewand, „Sie haben auch verstanden was der Herr dort geäußert hat?“
„Ja!“
„Ich werde jetzt gegen sie eine Anzeige erstatten…!“
„Immer diese leeren Versprechungen!“ Mit einem Wink gab ich zu verstehen, dass sie es endlich machen sollte.
Ungefähr 10 Minuten später tauchten zwei Securityfuzzis aus dem Hause auf, quotenerprobt führte der weibliche Part das Gespräch, der Typ schaute mich dabei recht merkwürdig an.
Sie rückte sich beim letzten Schritt in Positur und legte los, ich registrierte alles über den abgesenkten Zeitungsrand. Es folgt ein Protokoll:
Security weiblich: „Entschuldigung, es gibt ein Problem?“
Me: „Was, wieso?“
S.w: „Vorhin mit der Dame…“
Blondi erschien und wartete im gebührenden Abstand auf ihren Einsatz.
M: „Wieso? Was soll es denn für ein Problem geben?“
S.w: „Na ja, sie hat vorhin was gesagt und hat sich dafür entschuldigt und sie haben dass irgendwie nicht angenommen?“
M: „Verstehe nicht was das soll, was redet sie denn?“
S.w: „Äußern sie sich doch mal was er gesagt hat!“
M. „Ja, äußern sie sich doch mal!“
In fast drei Meter Abstand leierte sie ihren Salm runter, in der Runde schaute immer noch keiner richtig glotzend drein.
„Das ich chronisch untervögelt sei, dass er sich beschwerte, dass ich vorher mit dem Handy telefoniert habe. Ich habe mich entschuldigt, bis er meinte ich sei chronisch untervögelt…“
Es mag ja sein, dass sie sich entschuldigt hatte, aber bestimmt nicht bei mir, sicher so als Alibi in den Raum hinein. Außerdem, wenn besagter  Spruch fällt, den ich bereits seit ungefähr 15 Jahren anwende, benutze ich ihn als Statement. Mir liegt es absolut fern, mich mit solchen respektlosen Flachzangen auf ein Gespräch einzulassen. Anfangs probierte ich es freundlich und gewöhnte es mir sehr schnell ab. Höflichkeit wird von solch „wichtigtuerischen“ Plappertaschen als Schwäche ausgelegt. Desahalb immer gleich richtig druff…
Ein Kumpel meinte mal, „eh Alter, du brauchst dich nicht zu wundern, wenn ein Ali dir mal mit einem Messer die Luft raus lässt.“ Im Gegenteil, bei Arabern, möchte wirklich keiner als Wichser erscheinen, die hören sofort auf mit quatschen.
M: „Sie haben sich entschuldigt?“
B: „Es gibt Zeugen, dass ich mich bei ihnen entschuldigt habe.“
M: „Ich hab nichts registriert, außerdem habe ich nicht behauptet, dass sie chronisch untervögelt sind, das weiß ich nämlich nicht, da ich sie gar nicht kenne, deshalb meine Frage!“
S.w: „Was wollte er denn wissen?“
B: „Ob ich chronisch untervögelt sei?“
An das Securitymännchen: „Ich habe die Tante gefragt, ob sie chronisch untervögelt wäre, weil sie so lautstark verbal wichste.“
Nun betrat ein verschmitzt lächelnder Gendarm (Von seiner Körpergröße konnte er als undercover durchgehen) die Bildfläche und er fragte sie noch mal.
B: „Er fragte mich, ob ich chronisch untervögelt sei, das empfinde ich als Beleidigung…“
Pol. zu mir: „Ich brauche mal ihre Personalien!…“
M: „Ja, gut, O.K. Ich bin noch etwas länger hier, meine Nummer ist die 28.“
Schier in dem Moment, als 28er-Gong ertönte erschien der Polizist wieder, ich händigte ihm mein Plastikteil aus und dann dackelte er hinter mir her. Tätigte im Büro die letzten Aufzeichnungen und wir verabschiedeten uns sehr höflich…
Die Tante am Schreibtisch entschuldigte sich freundlich bei mir für das Missgeschick mit den Lohnsteuerkarten. Es kam ihr so rüber, wie bei den Kassendamen von Feinkost-LIDL, das antrainierte: „´n schönen Tach noch!“
Da wurde mir klar, diesen Spruch lassen sie bei jedem ab, der irgendwo in Wilmersburg wohnt. Immer ist es dann zufällig die heimische Strasse des gerade aufgetauchten Bürgeramtbesuchers, wo sie es vergessen hatten.
Diese Säcke, dank des Streiks seinerzeit, sind die Dinger wahrscheinlich nie raus gegangen…

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