Deutsch ins Grundgesetz

Beim Durchblättern meiner Ansichtskartensammlung kam mir wieder ein merkwürdiger Vorschlag vom letzten Jahr in den Sinn, da fast alle Beschriftungen der Rückseiten in Kurrentschrift erfolgten.
Nach dem Willen der CDU soll die deutsche Sprache Verfassungsrang bekommen, was eine Änderung des Grundgesetzes voraussetzt. Dem Artikel 22 soll hinzugefügt werden: „Die Sprache in der Bundesrepublik ist Deutsch.“ (Toll, weil diese Erkenntnis für mich ganz neu war.)
Herr Schwesterwelle spang auf diesen fahrenden Zug auch auf – fand ich richtig.
Daraus folgt, dass man endlich Nägel mit richtigen Köpfen herstellen sollte. Mehr noch, die seit vielen Jahrhunderten gebräuchlichen Lettern der römischen Besatzer werden sofort eliminiert, um augenblicklich Gotische Schrift wieder einzuführen. Gleichzeitig muss die Bundesrepublik am internationalen Gerichtshof von Groß-Posemuckel das Copyright auf ihre Sprache sichern.
Angrenzende Staaten, wie Schweiz und Österreich werden zur Zahlung von Lizenzgebühren verdonnert. Was für unsere westlichen Nachbarn bestimmt keine Probleme mit sich bringt, denn dieses Völkchen verweigert schon lange eine erneute Lautverschiebung in ihrem Sprachschatz. Allerdings müsste Landesweit jegliche Hochdeutsche Mundart verboten werden, die lateinische Lettern dürfen sie behalten. Was möglicherweise zu politischen Verwicklungen mit Italien führt, wegen alter Urheberrechte.
Vielleicht setzt in Österreich ein Nostalgieschub etwas in Gang, so als Rückbesinnung auf Türkische Sprache und Lebensart.
In Anbetracht der guten Beziehungen zu Frankreich könnte ich mir vorstellen, in beiden Staaten auf Karolingische Minuskeln zurückzugreifen, die käme formvollendeter rüber.
Vielleicht wäre es auch eine Überlegung wert, innerhalb der Reichsgrenzen vom Oktober 1943, Deutsch wieder als Amtssprache einzuführen. Tonga, Deutsch-Ostafrika, Deutsch-Südwest und Tsingtao sollten dabei nicht vergessen werden.
– Die folgenden Scannereien belegen, wie weit man lange vor CDU/FDP (1921) schon mal war – alles in Deutsch. Ich werde aber keine Übersetzung liefern, da mir bekannt ist, was dort steht.

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Während der Zeiten am Berlin Kolleg und der Uni galt ich als sehr unsozial und natürlich als rechstlastig, weil wichtige Notizen in Sütterlin erfolgten!
Abschließend eine Geschichte die indirekt auch etwas mit der alten Deutschen Schrift zu tun hatte.

Ersatzlohnsteuerkarte
Nachdem mich der ISV*-Fibu-Knecht (ISV – Softwarefirma unter dem Dach des berühmten Berliner Anzeigenblattes »ZWEITE HAND«, dort war ich Anfang der Achtziger als Betriebshandwerker während meiner Stupidentenzeit beschäftigt) schon mehrfach angezählt hatte, da meine Lohnsteuerkarte immer noch nicht vorlag und ich dieses wichtige Teil nicht mehr finden konnte, blieb mir nur der Weg auf´s Amt.
An einem sehr schönen Sommertag, nach einem kleinen GI-Breakfast*, (kleines GI-B.: eine Alka-Seltzer nebst Joint; beim gr. GI-B. ist noch ein Bourbon dabei.) ging´s frohen Mutes in das ein paar Minuten entfernte Rathaus Schöneberg – zur Lohnsteuerstelle.
Obwohl noch relativ früh am Morgen, lungerten vor besagtem Büro schon mehrere Leute rum. Man machte mich darauf aufmerksam, drinnen im Raum eine Nummer zu ziehen, um anschließend wieder bei den Wartenden zu landen. Dankend begab ich mich in die heilige Halle. Zumindest der Teil für das Publikum war noch original aus Kaisers Zeiten.
An der linken Seite eine ellenlange Holzbank, ihr gegenüber in entsprechender Länge ein relativ hoher Tresen. Der Rest von diesem großen Büro war mit Möbeln voll gestopft, die auch schon bessere Zeiten erlebt hatten, sicher zu Kennedys Berliner Zeiten, 1963, angeschafft. Ansonsten rege Geschäftigkeit bei den anwesenden Damen und Herren, nix mit Beamtenmikado oder so.
Nun dachte ich, wieso stehen die Idioten draußen im Flur herum, wenn man hier drinnen sitzen konnte? Gleichzeitig gewahrte ich aber an der Tür ein nicht zu übersehendes Stück Papier. In ungelenken Druckbuchstaben stand auf mehreren mit Tesafilm kunstvoll zusammengeklebten DIN 4 Bögen: „Bitte ziehen Sie sich eine Nummer und warten Sie draußen, bis Sie aufgerufen werden!“
Nachdem ich nun über ein entsprechendes Ticket verfügte, gings retour in Richtung Bank, pflanzte mich mich dort hin, denn mir fiel jener geniale Spruch von Henry Ford sen. ein: „Warum stehen, wenn man sitzen kann?“ – allerdings geht’s noch weiter – „Wenn meine Arbeiter schon nicht sitzen können, sollen sie wenigstens im Laufen arbeiten,“ und so entstand die Idee mit der Bandarbeit.
Also, die Musi im Walkie etwas lauter, Zeitung hervorgekramt und der Dinge harren, die sich da entwickelten.
Nun muss bemerkt werden, dass anscheinend von dem Augenblick an, als ich es mir auf dem Sitzmöbel bequem machte, die größte Verfehlung war, nicht „anständig“ und demütig dazuhocken. Platzierte meinen rechten Huf barfuß auf der Bank, auf dem Knie einen Arm und genoss in dieser Stellung meine Morgenlektüre.
Alsbald registrierte ich aus den Augenwinkel eine stämmige Gestalt, die auf dem Tresen abgestützt, weit nach vorn gebeugt begann mich anzubläffen. Sich absolut ignoriert fühlend, war er schneller als ein Porsche von Null auf 100. Natürlich bekam ich jedes Wort seines Gekeifes mit, denn seit längerer Zeit gab es nach einem Santana-Konzert Probleme mit meinen Lauschern, so dass aus dem Kopfhörer nur relativ leise Musik plätscherte.
„Können sie nicht lesen? Sie müssen draußen warten! Außerdem, wie sitzen sie denn da?“
In diesem Zusammenhang fiel auch die Vokabel „anständig“.
Schließlich drehte ich mich gelangweilt etwas zu dem aufgeregten Herrn hin.
Er schien Mitte zwanzig, weit über 2 Zentner, benutzte ein falsches Deodorant, denn unter den Achselhöhlen prangten nasse Flecken und das aufgequollenes Gesicht zierten große Schweißperlen. Die Knöpfe seines Hemdes schienen mit einem guten Material genäht, denn das etwas zu eng geratene Tuch, welches seine harmonische Fettsucht trommelfellartig umspannte, ließen ihn wie einen Rollschinken aussehen.
Niemand, weder vor noch hinter dem Counter, schien von dem Geschrei beeindruckt. Mal sehen was passiert, wenn mein Senf hinzu kommt. Nun legte ich sehr sorgfältig die Zeitung auf der Bank ab, drehte mich voll zu meinem Ansprechpartner und lüpfte mit beiden Händen den Kopfhörer etwas an: »Scheffchen!«
Nochmals etwas lauter: »Sach mal Scheffchen! Wat kreischt du denn hier so rum, un so laut! Muss det denn sein? Icke bin doch nich schwerhörig! Außerdem könntest du viel dicker sein, wenn du hier nicht so viel rumbrüllen würdest. Um wat jeht et denn eijentlich?«
Obwohl sich sein Gesicht mittlerweile gefährlich dunkelrot färbte, schien ihn die ruhig vorgebrachte Frage aus der Fassung zubringen.
»Sie können hier nicht sitzen!«
»Kann icke doch! Kiek mal jenau hin…«
»Nein dies geht nicht, sie müssen…«
»Ähh, Männeken! Icke bin mit einem alten Kriegsleiden behaftet und kann folglich off dem stinkenden Flur nicht stehend warten. Jestrige Nacht hab icke an einer verbalen Luftschlacht am Tresen teilgenommen.«
Nach seinem Gesichtsausdruck zu urteilen, schien er mich nicht zu verstehen, also hieß es deutlicher zu werden.
Sein neben ihm stehender älterer Kollege grinste dabei fortlaufend.
»Um es kurz zu machen! Icke bin noch besoffen von jestern und mir is nich jut. Du willst doch sicher nich, det icke hier irjendwo hinkotze. Also lass mich hier friedlich hocken bis icke dran bin. Sieh mal, die Bank ist sooo jroß un bequem.«
Hilflos schaute er sich um, keine Reaktion bei seinen Kollegen.
»Noch eens Scheffchen! Icke hatte so wat vernommen, wie anständig sitzen oder so! Dazu muss icke noch etwas bemerken, icck sitze nie A N S T Ä N D I G ! Icke sitze entweder bequem oder unbequem – und vorhin hawe ickeh sehr bequem jesessen!«
Während der Moppel tief Luft holte gab ich ihm durch meinen erigierten Zeigefinger auf den Lippen zu verstehen, dass ich von ihm nichts mehr hören wollte, griff meine Zeitung und begab mich nach draußen.
Klackend erschien endlich meine Nummer. Schon beim Eintreten stellte ich fest, dass der brüllenden Dödel mich abfertigen sollte.
Bei seiner Frage, was ich hier wolle, schaute er mich nicht an.
»Det kann icke dir erklären, was icke hier will! Draußen ist es arschkalt und icke möchte mich hier etwas durchwärmen, außerdem lebe icke in ´ner feuchten Wohnung! Um es noch jenauer zu saren, so janz nebenbei benötige icke noch eene neue Lohnsteuerkarte, da die alte nich mehr offindbar ist!«
In diesem Moment begannen die Mühlen zu mahlen.
Nun reichte mir der Beamte erst mal ein mehrseitiges DIN A 4 Papier, um darauf jenes wichtige Kärtchen als Verlust zu deklarieren.
Auf die schleimig vorgebrachte Erkundigung, ob er mir behilflich sein könnte, kam nur, »icke lass mir nicht von jedem helfen, außerdem melde icke meine Bedürfnisse an!«
Daraufhin kümmerte er sich um das nächste Opfer.
Nun begann ich ihn mehr so im Selbstgespräch zu nerven, während des halblauten Durcharbeiten der Fragen und den dazu gehörigen Kommentaren.
»… sind sie sicher, det es sich bei dem mir vorliegenden Papierchen um eine Verlustmeldung für Lohnsteuerkarten handelt und nich um Drehbuchauszüge von Didi Hallervorden?“
„Wat soll ´n der Scheiß?“
„Wann haben sie den Verlust der Lohnsteuerkarte bemerkt? Vor Monaten schon…«
»Das hätten sie aber sofort melden müssen«, kam von der Seite.
»Wo haben sie sie verloren? – In meiner Wohnung – aber wo?«
»Dann schreiben sie doch bitte: Nicht bekannt!«
»Mann, Leute icke will nicht so ein Scheiß beantworten! Icke brauche lediglich ´n neuet Lohsteuerteil!«
Der Wisch füllte sich mit allen möglichen Bemerkungen, Durchstreichungen, Haken und Pfeilen in verschiedene Richtungen.
Endlich ward es geschafft, ich verstaute meinen Kuli, drehte das Dokument vorsichtig um 180 Grad und schob es dem Dicken rüber. Jener schaute auf das Papier, dann auf mich, wieder auf das Papier, dann richtig hilflos in mein grinsendes Gesicht.
»Tja, Scheffchen, rumbrüllen kannst´e  mächtich, aber leider scheint es beim Lesen zu hapan!«
Auf die Frage von seinem Kollegen, ob es Probleme gebe, schob er ihm den Fragebogen wortlos hin.
Strahlend begann der die Daten in lateinische Druckbuchstaben zu übertragen, denn alle Antworten waren in Sütterlin erfolgt.
»In meiner langen Dienstzeit habe ich es noch nie erlebt, dass ein junger Mensch wieder die alte deutschen Schrift benutzt«.
Vorsichtshalber füllte er den nächsten Vorgang gleich selber aus. Nach einer erneuten Unterschrift und dem Vergleich mit dem Personalausweis bekam ich Minuten später endlich eine Ersatzlohnsteuerkarte ausgehändigt. Mit dem Hinweis, falls die alte sich anfinden würde, ich diese hier vorbeibringen müsste, etwas leiser, »Sie können sie allerdings auch gleich selber vernichten«.
Während der ganzen Zeit schielte das schweißtriefende Fettbömbchen immer mal wieder zu uns herüber, kurz vor meinem Weggang dann nochmals an ihn: »Nun noch mal zu Dir S c h e f f c h e n !  Merke dir meine Larve! Du kannst meinetwejen jeden Dödel hier vor dem Tresen wie ein hysterisches Hamburger Fischweib anmachen! Mir brauchst du nicht wiederholt zu beweisen, dass du als Zwerg, statt einer guten Kinderstube, nur ein Stück dunklen Flur hattest!«

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