Wim – TIP 24

Gerade damit beschäftigt den visuellen Müll aus der Kamera in die Bit-Möhre zu transferieren, als mir jenes Bundesdorfmagazin mit den drei Buchstaben von meinem Pult segelte, nach der Landung sprang mir vom Boden ein Satz in die Augen: „Ich dachte lange, dass `Be-Bop-A-Lula´ irgendwas bedeutet… Mein erster Gedanke, oh Gott, jetzt lassen die schon den abgebrochenen Ex-PDSler, über jene “dekadent-jüdisch-amerikanische” Musik der fünfziger schwafeln, die ich schon als Kind aufsog. Dann währe es die letzte gekaufte Nummer gewesen, beim aufklauben – die Larve kennst’e doch – richtig!

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Mir schwante nichts gutes, denn normalerweise lese ich in dem Machwerk keine Artikel, vier Seiten mit Werbegarnierung, bei diesem Kunstbeflissenem Herren, machst’e mal ´n Ausnahme. Ich hätte es nicht tun sollen, denn meine anfängliche Vermutung war noch steigerungsfähig. B.B.A.L. – so vernahm ich schon als 9-jähriger, gehört zu den Begriffen, die von „Niggern“ benutzt wurden um die prüden Weißbrote nicht mehr als möglich zu vergrätzen, sonst hätten sie ihre Songs nirgends lauschen können. Weil viele Mittelklasse-Kids von Schwarzen Musik sehr angetan waren, übernahmen sie gewisse Formen einfach… Meine damals aufkeimende, unstillbare Gier nach dieser Musik, brachte mir als Produkt einer sinnlos verbrachten Tanzpause, zweier roten Zecken, verdammt viel Unbill ein. Was seine Sprachgrundlagen angeht, war ja W. ähnlich gehandicapt, nur bei mir handelte es sich um Russisch, Englisch und Polnisch brachte ich mir später selbst bei. Also, da ersteht diese Konsumgierkröte, mit einem bestimmten Touch, wöchentlich 20 bis 30 Scheiben, in der „Kulturhöhle“ vom Multidienstleister Peter Dussmann („der mal ganz klein anfing“) Finde ich auch bei meinem Weib scheiße, sie ist genauso ein Fan dieser ekeligen Domizile. (Was bestimmtes Genre angeht, klaffen im „Kulturkaufhaus“ sicher mächtige Lücken, ein Punki wird die „Arschgefickten Gummizofen“ dort bestimmt nicht erstehen können.) Ringsherum geht Lebensqualität flöten, weil Konsumtempel, die kleinen Kulturoasen, sprich Buch- und Plattenläden killen. Bei Dussmann schaue ich mir manchmal Neuerscheinungen an, bestelle aber bei meinem Dealer im Kiez. Auch Platten erstehe ich im Fachhandel, auf Flohmärkten und Trödlern, vor vielen Jahren allerdings, kam ich auch mit so manchem Junkie ins Geschäft… Auf der zweiten Seite, outete sich Wimmi als der Philas Fogg der MP3 Files, nur Mucke für 80 Tage, da hätte ich ihm aber andere Qualitäten zugetraut. Was ich noch ablassen muss, „Musik hat auch bei mir eine elementare Bedeutung“, allerdings interessiert mich schon lange nicht mehr wer sie macht, wenn sie mir gefällt. Nun etwas zu Wims Werken, sie haben sich mir nie so richtig erschlossen, weder mit THC-haltiger Kost, noch mit gepuderter Nase… Am nächsten war ich noch an „Buena Vista Social Club“ dran, allerdings hätte ich mir den Film nicht einziehen sollen, wenn er in den 70ern entstanden wäre, OK. Meine Erinnerung an ihn: Gutmenschelnderbetroffenheitsscheis, mit toller Mucke und teilweise schönen Bildern. BAP soll eine neue, die beste Platte seit langer Zeit herausgebracht haben, naja, wenn Wim meint. Sicher die zeitgemäße Untermalung für Schweigemärsche und Lichterkettenhappenings…

Eine Fußnote noch:

Vor ca. drei Jahren kam ein wohlerzogener junger Schweizer ganz aufgeregt in die Wohnung: „Leute, wisst ihr wem ich eben im Haus begegnet bin? Ich Glaube es kaum – Wim Wenders, das kann nur Wim Wenders gewesen sein.“ Wir beruhigten ihn, „hatte ich doch recht, aber grüßen kann er einen nicht…“ Als Einwand kam von mir, „musst dir nichts draus machen, als kulturbeflissener Weltmensch lebt so jemand in anderen Sphären, der denkt doch auch in ganz anderen Dimensionen. Vermag aber deine Beobachtung bestätigen. Viele dieser Leute können gar nicht auf solche zwischenmenschlichen Belanglosigkeiten reagieren, auch wenn sie es wollten. Dazu brauchten sie auf ihrer Festplatte ein ganz bestimmtes Programm, um Dergestalt auf ihre Umgebung entsprechnd zu reagieren. Für mich ist es nur ein Beleg, dass auch mittelgutbürgerliche Herkunft nicht unbedingt als Garant herhalten muß, was Contenance angeht. (Auch das ist noch steigerungsfähig, wenn ich an ein ganz bestimmtes grün/rotes Politchamäleon denke. Jenes entstammte sogar einer Großbürgerlichen Hütte und konnte bestimmte frühkindliche Defizite auch nicht verhehlen.) Anfangs kam mir nur, er ist halt auch nur ein arrivierter Proletenableger mit schlechter Kinderstube und mit denen sind wir hier in der Gegend gut bestückt…“

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