Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 28.08.2009

Es gibt Gegenden im hundeverschissenen Bundeshauptdorf, da möchte ich keine 5 Minuten tot an einer Laterne baumeln – ab heute gehört „Lichtenberg” auch dazu. Gestern Nacht ging es in besagtem Stadtteil von der U5 in die S-Bahn, ab 22 Uhr ist dort Totentanz angesagt…
Anders sind mir dort die Jahre 1965/66 in Erinnerung geblieben, zu jener Zeit begann meine Lehre auf der „Warnow-Werft” in Warnemünde.
Wenn es bei Heimfahrten über Berlin ging, musste bei stinkigen Kontrollen immer eine „Umwegkarte” nachgelöst werden, die fast so teuer kam, wie die gesamte Fahrstrecke über Schwerin/Magdeburg nach Sangerhausen. Aber dieser Fuchsbau von Bahnhof gab damals was her. Wer in der Zone mit einem “ungepflegten” Kanten umher rannte, landete irgendwann mal dort. In dieser Anfangsphase der langen Haare, war auf ähnliche Kunden immer verlass. (Wie anno dazumal im Westen auch) Es fand sich nachts dauernd jemand mit einer Sturm freien Bude, guter Mucke, Volksdrogen (später kam Zonen-LSD dazu) und auch Knuddelhexen zum Stechen. Der „Eulenspiegel” (Siehe: Jugendkultur) ließ sich seinerzeit über jene Enklave aus. Schon merkwürdig, wir stiegen nie dahinter, warum es geschah, scheinbar von der Stasi lanciert. Jedenfalls trudelten anschließend noch mehr „Gammler” dort ein. (Im Hallenser „Beatlesmuseum” existiert ein Räumchen, der diese Subkultur auch etwas ausleuchtet – muss noch klar stellen: ich war, bin und bleibe „Stones-Fan”)
Nichts erinnert mehr an dieses vergangene Ambiente, dafür steht auf dem S-Bahnsteig eine „German fast food” bude, habe dort zwei Bratriemen verdrückt, die Würste hervorragend, beide Schrippen entsprachen natürlich nicht mehr dem Zonenstandart, waren aber mehr als genießbar…

Im Zug stellte ich dann fest, hatte zu Hause die falsche Zeitung gegriffen. Nach alter Ostsitte beginnt meine Lektüre auf der letzten Seite. Mehrere Blätter fliegen dann gleich raus, Sportteil sowieso (Da fällt mir noch etwas zur vergangenen WM ein. Was picken denn „unsere” Sportler heutzutage eigentlich für Dope? Muss sich ja um eine miese Qualität handeln, wenn man sich ihre Medaillenausbeute anschaut…) und meistens auch das Wirtschaftsteil.
Zum Schluss amüsierte mich der unten angehängte Artikel.
Bei den heutige Politikern ist scheinbar Nostalgie angesagt, statt die Schleimhäute mit (2R,3S)-3-Benzoyloxy-tropan-2-carbonsäure-methylester (die Intellektuelle BILD aus Hamburg hatte es ja vor Jahren mal aufgedeckt) zu pudern, wird C2H5OH in seinen vielen Varianten gesoffen. Klar, kein Wunder, wenn ich mir die Tagespolitik anschaue, statt Bewusstseinserweiterung riskieren die ollen Suffschäddel das Korsakow Syndrom – der Neurologen Sergei Korsakow war kein Kampfgenosse von Владимир Ильич Ульянов!

Dieser Beitrag ist für Jugendliche unter 16 Jahren nicht geeignet.
Denn wir reden aus gegebenem Anlass über den Nutzen des Alkohols für die Politik. Anders als es die alljährliche Debatte über den Suchtbericht der Bundesregierung nahelegt, gibt es nämlich einen solchen. Früher war das offensichtlicher. Früher geschah es zum Beispiel, dass der FDP-Rechtspolitiker Detlef Kleinert am Freitagmittag das Podium des Bundestags erklomm und dem Parlament juristisch die Leviten las. Kleinerts Stimme war schwer, sein Gedankengang hingegen klar. Dass ein Großteil der damaligen Gesetzgebung bei Ossi, dem Bundestagskneipier, von den Herren Kleinert und Burkhard Hirsch unter flaschenweiser Mitwirkung der Witwe Cliquot ausgeknobelt wurde, zählte zum Standardgeheimwissen der Bonner Republik.
Joschka Fischer hat Kleinert darob einmal den „schwankenden Teil der Koalition” genannt. Fischer war in diesen Fragen sowieso anfangs sehr streng. „Der Bundestag ist eine unglaubliche Alkoholikerversammlung(der Ausschnitt stammt von der Scheibe: Kampf der Giganten), stellte der Jungparlamentarier 1983 befremdet fest, und dass es manchmal um die Beschlussfähigkeit des Hauses doch bedenklich bestellt sei.
Womit wir beim Nutzen wären. CDU und CSU bilden bekanntlich eine Fraktionsgemeinschaft, was für beide sehr nützlich ist, weil sonst die SPD seit Jahr und Tag die stärkste Fraktion im Bundestag wäre und damit nach den inoffiziellen Spielregeln den Kanzler stellen würde. Bekannt ist auch, dass Franz Josef Strauß 1976 den Bund satt hatte und im Wildbad Kreuth die Kündigung verkündete – mit den üblichen Folgen: Es wurde dann doch nichts draus.
Weniger bekannt ist, dass Strauß schon davor versucht hat, seine Parteispitze zur Trennung von diesem Helmut Kohl und seiner Bande zu überreden. Das Projekt – Theo Waigel hat es jetzt gerade beim 60. Jubiläum der Fraktion berichtet – scheiterte daran, dass sich die CSU-Gewaltigen einer nach dem anderen unter Vorschützen unaufschiebbarer Termine von der Sitzung zurückzogen, bis von den damals Wichtigen nur noch Hermann Höcherl da war. Was Strauß auch nicht weiterhalf. Denn Höcherl war erstens dagegen und zweitens derart betrunken, dass er nur noch vor sich hin oberpfälzerte: „Es muss an Daach, an Daach, an Daach geben!”
Man kann daran sehen, wie der Alkohol für die Politik von Nutzen ist. Dies nur schon mal als Hinweis an Angela Merkel und Horst Seehofer, für den Fall der Fälle. bib

Kein Allohol is ooch keen Lösung

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