TARANTEL – Satirische Monatszeitschrift der Sowjetzone (II) Fortsetzung vom 18.2.09

Nach der kurzen Geburtstagsfeier, die im November 1974 mein Vernehmer, Genosse Feldwebel Klopffleisch (Klasse Name, da war es doch vorgegeben, dass er bei der Stasi landen musste.) im „Roten Ochsen“ für mich inszenierte, beendete er das lustige Beisammensein mit der abschließenden Frage: „Sag mal, haben deine Schwester und du, überhaupt den gleichen Vater, weil ihr beide, nicht nur vom Aussehen so unterschiedlich seid?“ Anschließend hörte ich wochenlang nichts mehr von dieser Flachzange. Hat mich damals doch etwas beschäftig.
Mehrere einschneidende Erlebnisse kamen mir damals hoch, an denen ich meine Schwester am Boden zerstört erlebte. Habe allerdings niemals mit ihr darüber gesprochen.
Absolut down erlebte ich sie nach einer Aktion, die auch etwas mit Flugblättern zutun hatte. Was allerdings ihrer Mutter mit ihrem idiotischen Verständnis vom Klassenkampf zuzuschreiben war, weil sie ewig andere mit hineinzog, egal in welchem Alter die sich befanden. Dabei verheizte sie auch permanent ihre Ableger.
So geschehen, an jenem wunderschönen Spätsommertag Anfang Herbst 1958/59.
Vor dem sonntäglichen Frühstück, gewahrte ich beim Blick aus dem Küchenfenster, auf der gegenüberliegenden Talseite, im frisch gepflügten Acker, kreisförmig weiße Schnipsel liegen. Gleich nach dem Essen ging es mit Opa rüber und wir fanden dort hunderte Flugblätter. Sie hatten sich beim Aufprall der Pappkiste (etwas größer als ein Männerschuhkarton), im Umkreis von mehreren Metern verteilt. Aus dem Ballon schien das Gas recht schnell entwichen zu sein. Er lag jetzt da, wie einer der Präservative*, die sich unterhalb unseres Gartens oft in Büschen und Bäumen wieder fanden – nur zigfach größer, aus dickerem Gummi und bedruckt.

Gedächtnisskizze einer simplen Abwurfvorrichtung für Flugblätter, U.S. Patent

Gedächtnisskizze einer simplen Abwurfvorrichtung für Flugblätter, U.S. Patent

Flugblatt von 1950

Flugblatt von 1950

*(Mit Vorliebe erledigten junge Leute ihre Spermatherapien dort, weil auf dem Nachbargrundstück häufig ein riesige Schäferhund umher rannte. Schafften sich vor dessen Grundstück irgendwelche Geilhuber im hohem Gras, raste er kläffend an der Einzäunung hin und her, was dem Akt der Entsaftung natürlich jegliche Sinnenfreude raubte.
Witzig war auch die Art, wie jener Bauer manchmal seinen gut dressierten Kläffer einsetzte, um jugendlichen Obstdieben eine Lektion zu erteilen. Tat sich jemand in einem Baum gütlich, ließ er das Vieh den Hang runterrasen, der legte sich dann genüsslich vor den Stamm und lauerte auf Herrchen, selbige rupfte auf seinem Weg Brennnesseln. Dann ließ er den so Ertappten hinabsteigen, stopfte ihm das Grünzeug in die Hosen, klopfte einige male drauf und der Bösewicht musste dann in Richtung Staketen rennen, um dort wieder rüberzuklettern. Ging ihm das alles zu langsam, hetzte er den Hund nach, der auf Pfiff zwar immer stehen blieb, aber diese Hatz tat das ihrigen.)

Wir klaubten alles auf und kehrten zurück. Opa war faszinierte von der simplen Technik jener Abwurfvorrichtung, die er mir erklärte. Später vernahm ich immer wieder, „Amis sind halt die Russen des Westens“.
Mein Großvater wollte den „gesamten Mist“ in der Grude verbrennen, aber seine Tochter war dagegen. Es musste unbedingt den Genossen überreicht werden und ich sollte dies mit meiner Schwester erledigen, die alles sehr spannend fand, wogegen meine Wenigkeit absolut keine Lust verspürte, runter in die Stadt zu latschen. Das ganze Zeug landete im Jutesack auf dem kleinen Handwagen.
Im unbeobachteten Augeblick entwendete ich noch den Ballon, schon wegen der Aufschrift, entweder stand dort: Made in U.S.A., oder U.S. Air Force, bin mir da nicht mehr sicher.
Relativ schnell bekam mein Lesterschwein schließlich kalte Füße und wollte ewig umkehren, das lag aber mehr an der Art meiner Fortbewegung. Obwohl ich den nicht so abschüssigen Weg durch den Schlossberg nahm, kam ihr Bammel auf und sie musste die ganze Zeit hinterher rennen, wegen ihrer Weigerung sich mit auf den Wagen zusetzen. Ich hatte die Deichsel zwischen meine Beine geklemmt, um den kurvenreichen,  teilweise hohlwegartigen Weg runter zu rasen. Gut, Autoverkehr war unwahrscheinlich, aber Fußgänger konnten auftauchen, da sich die Karre nicht ruckartig bremsen ließ, ging man schon ein leichtes Wagnis ein.
Eigentlich machte die anschließenden Schussfahrt auf den Katzenköppen, der richtig steilen „Strasse der Jugend“, den eigentliche Reiz unserer Tour aus. Danach verspürte ich zur Umkehr keinen Trieb mehr.
Endlich landeten wir an der Villa.
Am Tor krächzte nach dem Klingelzeichen eine ungehaltene Stimme, nach unserem Ansinnen. Der öffnende Knabe schiene gepennt zuhaben und war entsprechend drauf. Schwesterchen wollte in diesem Moment stiften gehen, sie musste mit Gewalt, den Tränen nahe, hinterher gezerrt werden.
Man erwarte uns bereits, denn „Mutti“ war schon fernmündlich in Aktion getreten.
In ganz kurzer Zeit entwickelte sich alles zu einem unbeschreiblichen Chaos.
Jemand ordnete unser Mitbringsel auf dem Tisch, schließlich standen mehrere tuschelnde Genossen herum. Einer nach dem anderen durfte uns anherrschen. Es begann damit, dass es nicht gut war das Zeug hier runter zubringen, schließlich hatten wir auf dem Feld Beweise vernichtet. Die Stimmen wurden lauter und barscher, in deren Folge meine Schwester hysterisch anfing zu heulen. Nachdem mich jemand fragte, ob ich den wüsste, was auf den Flugblättern stände, es außerdem sein könnte, dass diese Schriften vergiftete seien. Auf meinen Einwand hin, warum diese Papiere denn vergiftet sein sollten, schließlich waren sie doch zum Lesen abgeschmissen worden, gab es eine saftige Ohrfeige. Nun war es an mir, es meiner Schwester gleich zutun. Immer wieder Fragen nach dem Ballon und Hinweise auf die Folgen einer Beweisunterschlagung. Dazwischen kindliches Gekreische: „Klaus sage doch dem Mann, wo der Ballon ist!“
Endlich verließen alle den Raum, bis auf zwei Leute. Schließlich erfolgte ein Anruf. Als meine Schwester registrierte, wer an der anderen Seite hing, „Mutti, Mutti, hol uns hier weg…“
Parallel dazu mein Einsatz, „Mutti, Mutti, der eine Mann hat mich geschlagen!“
Ganz schnell wurde daraufhin alles abgebrochen, der kleine Handwagen in ein Auto verstaut, dann ging es nach Hause. Der Fahrer parkte auf dem mit hohem Rasen verwucherten Zugang zur Scheune vom alten Bielig, als meine Schwester sich losriss und laut kreischend über das Feld, die hundert Meter zur Gartenpforte raste.
Auf dem Gartenweg huschte sie total aufgelöst an ihrer Mutter vorbei, ward die nächsten Stunden nicht mehr gesehen. Meine Hand umklammerte ein eiserner Griff, bis zu dem Zeitpunkt als der Genosse triumphierend mit diesem Scheißballon rumfuchtelte. Mutti schrie derweil im Garten auf ihre Genossen ein – Oma dazwischen, versuchte alle zu besänftigen.
Wegen der Schande…
Was die Nachbarn wohl denken würden…
Zwei Jahre später bekam Mutti eine Retourkutsche, vom Feinsten. Als ihre Genossen zur Haussuchung bei uns auftauchten, wegen meiner Sammlung von Hieb- und Stichwaffen…

Eine letzte Fußnote noch, was westliches Propagandamaterial anging und der Umgang von staatlicher Seite aus.
Anfang der 60er tauchte ein Lehrer an unsere Schule auf, der als „politisch Verfolgter“ mit seiner Familie aus dem Westen kam. Wir wurden in dieser Zeit mächtig drangsaliert, wenn er an Pioniernachmittagen aus seinem Leben als „Kommunist“ laberte.
Jahre später stellte sich der eigentliche Grund seines Wegganges raus und der war Lichtjahre von einer politischen Bedrängnis entfernt. In Wirklichkeit plagte ihn sein unkontrolliertes Faible für kleine Mädchen.  Aber dies ist eine andere Geschichte.
Zu eben jener Zeit latschte man an Wandertagen noch richtig durch die Botanik.
Die Klasse wurde auf eventuelle Hetzschriften aufmerksam gemacht. Diese mussten bei einem begründeten Verdacht ungelesen dem Lehrkörper überreicht werden. Solch ein Blödsinn, wie sollten wir denn ohne Anblick rausbekommen, um was es sich bei solch bedruckten Papierstücken handelte.
Als wanderlustiger Bajuware scheuchte uns der Neue eines Tages den Kamm des Kyffhäusergebirges entlang und einige mussten mit dieser Arschgeige noch ein Hühnchen rupfen.
Wochen vorher hatte uns dieser Pädagoche beim Rauchen erwischt, schlauchte eine „f 58″ und dämperte mit. Beim zweiten Mal, am gleichen Tag, konfiszierte er die restlichen Kippen, raucht sie selbst, schiss aber am nächsten Tag alle beim Direktor an. (Berühmt wurde in diesem Zusammenhang der Spruch eines Mitschülers an den Schulchef. „Was wollen sie denn, ihre Frau klaut wie ein Rabe Schokolade in der Kaufhalle, läßt sich dabei auch noch erwischen und uns wollen sie einen Einlauf wegen der paar Zigaretten machen…“)
Man glaubt gar nicht, wie viele Scheißhaufen sich rechts und links von Wanderwegen befinden, wenn man darauf Obacht gibt. In deren unmittelbarer Nähe natürlich die entsprechend verwendeten Papierchen, kurz vor dem großen Denkmal begann unser Einsatz.
Immer wieder tauchte jemand mit etwas Bedrucktem auf. In der Kneipe flippte der Pauker dann richtig aus, als ihm mehrere Jungs gewisse Hinterlassenschaften vom angrenzenden Parkplatz offerierten und diese während seiner Brotzeit auf den Tisch packten…

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