Vorgestern, Thema: Mauer – Nachtrag (II) – DEUTSCHUNTERRICHT – Herbst ’88

Jörg und Stefan, einer Maler, der andere Bildhauer aus der fränkischen Lebkuchenstadt, baten mich im Herbst ´88 eine Sight-seeing Tour betreffs Mauerma­lereien zu veranstalten. In ihrem Gefolge befand sich Robbi, ein Kollege aus Schottland.
Nichts Leichteres als dies, dachte ich mir so, aber der Künstler aus dem Vereinig­ten Königreich wollte ganz bestimmte Motive am Beton sehen und ablichten, alle sollten irgendwie eine politische Aussa­ge haben.
Was ich nicht so richtig verstehen wollte, denn die Mauer als solche war doch schon ein Politikum, und jeder konnte sich, wenn er nicht Obacht gab, immer wie­der seine Birne an ihr einrennen, schließlich waren viele Kilometer Berliner Grenze aus Stahlbetonteilen.
Im Gegensatz zu der politisch westlichen Mauerseite, die immer schön bunt aus­sah, egal von welcher Himmelsrichtung man sie geographisch betrachtete, wurde die Rückwand in Richtung des Schlaraffenlandes der Arbeiter und Bauern in schlichtem Grau gehalten.

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Wovon ich mich früher überzeugen konnte, sogar ganz nah, nur vom Stacheldraht auf Abstand gehalten. Einmal, als ich 1964 der Stones harrte, die auf dem Springerhochhaus konzertieren sollten (anlässlich des Deutschlandtreffens der FDJ), das andere Mal, einige Jahre später, fast am gleichen Ort, nahe der Stelle, wo man des verblichenen Genossen Reinhold Huhn gedachte. Nein, es ist nicht ganz korrekt, denn den Hinkelstein oder die Tafel für Reini habe ich nie zu Gesicht bekommen. Dies hatte folgende Bewandtnis: Als mein Freund Jimi und ich, uns im Sommer ´70 in besagte Richtung begaben, beide langhaarig, bärtig, bekleidet mit Parka, Jeans und Jesuslatschen, ließen uns Zivis an der Leipziger Straße nach einer ausgiebigen Ausweiskontrolle noch passieren.
Aber kurz vor unserem Ziel wurden die beiden nächsten Genossen richtig schnurrig, als auf ihre Frage, was wir hier suchten, als Antwort kam, dass uns nur die Stelle interessierte, an der Hühnchen von bewaffneten Schergen im Auftrag der CIA gemeuchelt wurde.
„So sehen sie schon aus! Wenn sie nicht augenblicklich von hier verschwinden, sorgen wir dafür, dass sie dieses Wochenende sehr beengt in Berlin verbringen werden!“
Wir trollten uns in Richtung Brandenburger Tor und trafen dort auf eine Gruppe junger Wessi-Mädels, die auf Bänken Unter den Linden hockten und eifrig Ansichtskarten schrieben, die teilweise aus dem anderen Teil Berlins stammten.
In wenigen Minuten zerbrach deren Hintertupfinger Weltbild, nachdem wir mit Hilfe unserer Ausweise belegten, dass sie Zonis vor sich sahen. Sofort erklärten sie sich bereit, Jimi und mir eine kleine Bitte zu erfüllen.
Auf einer abgeluchsten Ansichtskarte schrieben wir einen ganz und gar unverfänglichen längeren Gruß an unseren Kumpel Ali in Sangerhausen. Die Karte sollte dann in Westberlin frankiert und abgeschickt werden, was auch geschah. Nun hatten wir beiden noch zwei Wochen Urlaub, während der wir uns an der Ostsee rum trieben.
So viele dumme Gesichter habe ich auch später nicht noch einmal zu Gesicht bekommen, als wir nach 14 Tagen wieder auftauchten.
– Nebenbei möchte ich noch auf einen kleinen Gegensatz zum Westen aufmerksam machen. Der Bundi als solcher kannte nur diese gewöhnlichen Freudenfeste, wenn Besuch auftauchte. Während meiner Zeit als Zonenhippie habe ich an so mancher Orgie teilgenommen – Feten, gemischt aus Freude, Trauer und Wut, wenn es wieder einem Freund gelungen war, durch den Zaun auf die andere Seite zu gelangen.

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Nur am Potsdamer Platz, nach Osten hin, auf einer riesigen Grünfläche war es anders. Im so genannten Niemandsland auf gepflegtem Rasen, da herrschte reges Kleintierleben. Massen an Vögeln menschelten da rum, auch Hasen.
Nur die Hunde des Grenzkommandos schienen es nicht ganz so passabel zu gehen. Obwohl sie, so nah am Klassenfeind, an wesentlich längeren Leinen gehalten wurden als der gemeine Ossi etwas weiter hinten.
Ansonsten sah es hinter der Mauer schon recht trostlos aus, obwohl die Grenzer sich immer sehr viel Mühe gaben, den herbizidhaltigen Boden sehr korrekt zu eg­gen. Wovon sich jeder Politspanner immer wieder überzeugen konnte, wenn er ei­nen dieser vielen hölzernen Aussichtsplattformen erklomm.
Einen großen Nachteil haftete diesem, mit bäuerlicher Akribie bewirtschafteten Streifen Land auf dem Boden unsrer Deutschn Demokatschen Replik an, denn zum Schutz seiner Einwohner flogen dort öfters dicht und sehr tief kleine Bleiteil­chen mit einer großen VO umher.
Aber die Westberliner brauchten keine Angst zu haben, schließlich stand die Be­tonwand zu Ihrer Sicherheit da, wenn sie auf der anderen Seite Hasenjagden auf Zweibeiner abhielten.
Bedenklich fand ich nur die mehrfachen Auftritte dieses rüstigen Pensionärs aus Amiland, der mit einem Vorschlaghammer versuchte, unseren schönen Schutz­wall zu deformieren.
Gott sei Dank sah er durch ostdeutsche Hilfe schon bald sein schändliches Trei­ben ein oder er vermisste während seiner kurzen Knastaufenthalte Wopper und Cola.
War mir alles aber auch Scheißegal.

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Bei allem politischen Masochismus, der nicht nur mir anhaftete, nämlich nach dem Frei­kauf in Westberlin zu leben, gewann ich der Mauer auch etwas Gutes ab. Lebte ich doch in der Gewissheit, dass sie mir für den Rest meines Lebens jene Leute vom Hals hielt, die mir schon seit Kindheitstagen auf meine Steine gingen.
Ich wollte aber nicht nur wegen der politischen Verhältnisse weg, die mich schon seit meiner Kindheit im Teilelternhaus ankotzten. Schlimmer gestaltete sich im Laufe der Zeit die Tatsache, dass sich immer mehr alte Freunde in Nischen zu­rückzogen. Schließlich einen Kompromiss an den anderen reihten, wie auf einer Perlenkette, und letztendlich oft, wie bei ihren Alten erfahren, alles nur dann noch bunt sahen, wenn sie sich mit der flüssigen Volksdroge bis über den Hals zuknallten.
Eins muss ich über den innerdeutschen Zaun im Allgemeinen noch ablassen.
Ich empfand immer wieder, wenn ich der Grenze im Harz ansichtig wurde, dass sie wie eine breite Narbe durch das Grün schlängelte, was mir bis zu meinem 12ten Lebensjahr schnuppe war. Hingegen hatte die Berliner Grenze schon zu meinen Grundschulzeiten immer einen anderen Stellenwert: Nie konnte ich ihr etwas als Antifaschistischen Schutzwall abgewin­nen, sie war für mich bis zum Schluss das, was sie im ureigenen Sinn darstellte – einfach eine Mauer.
Mir graut bei dem Gedanken, wenn ich so zurückdenke an die Tage, die insgesamt zusammenkämen, als noch ewig irgendwelche Flachzagen, die es alle nur gut mit mir meinten, versuchten, mich von meinem falschen Weg der politischen Betrachtungsweise abzubringen, allen voran die Mutter meiner Schwester. Brrrr….
Freilich war meine Ausdrucksweise in den letzten 25 Jahren nicht mehr ganz korrekt, denn seit dieser Zeit bestand die Mauer schon lange aus riesigen, Betongegossenen Stellwänden, die sich beliebig mit Kränen versetzen ließen. Zudem immer ausgeklügelter gestylt, sodass Fluchtversuche immer schwieriger wur­den.

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Meinen farbigen Schutzschild wollte nun ein friedlich in den Highlands aufgewach­sener junger Mensch unter politischen Aspekten betrachten, warum nicht. Der eigentliche Grund seines Aufenthaltes in Berlin war jener, dass er ein Stipendi­um ergatterte, um am Goethe-Institut Deutsch zu lernen. Und dann geriet die­ser arme Kerl durch Zufall ausgerechnet an mich.
Mit Fotos machen war an diesem Nachmittag auch nichts, da es sehr schnell dunkel wurde, und teilweise wie aus Eimern zu schütten begann. Alle hart im Neh­men, gings zuerst Richtung SO 36 zum Betanien-Damm. Immer mal wieder rein in die Karre, wieder ran an die Mauer, über die Koch- und von der Wilhelmstraße dann per pedes zum Potsdamer Platz.
Schon zu Beginn der Tour registrierte unser ausländischer Gast zwischendurch einzelne Hakenkreuze und SS-Runen. Mir sind sie die ganzen Jahre nie so richtig bewusst geworden, sicher so ´n allgemeine Betriebsblindheit, die sich schleichend breit macht, außerdem gab es ja sehr häufig Tapetenwechsel am Beton.
Einmal darauf aufmerksam gemacht, gaben wir alle Obacht auf diese Zeichen, sie traten manchmal gehäufter, oft gar nicht auf. Trotzdem bestand unser Freund auf eine Begründung, wieso anscheinend niemand Interesse bekundete, sie zu beseitigen. Mit meiner Erklärung, dass die ersten Meter vor der Mauer schon zum Osten gehörten, ergo alle Wallpainter Grenzverletzer seien, konnte er nichts anfangen.

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Außerdem haben es die Grepos jahrelang drauf gehabt, alle paar Monate den Beton auf der Westseite zu weißeln. Was innerhalb kürzester Zeit zu einer andersartigen Bemalung führte. Ab den Achtzigern waren die uniformierten Fassaden-Picassos nicht mehr so emsig mit dem Pinseln zur Hand. Meine Vermutung lief darauf hinaus, wegen der anstehenden 750-Jahrfeier Berlins schien die Farbe knapp zu werden.
Eine mich sehr beeindruckende Aufschrift verzapften Leute in den Achtzigern, nach einer östlichen Rekonstruktionsmaßnahme. Allerdings musste für diese Aktion der Landwehrkanal im südöstlichen K-Berg in Richtung Treptow überquert werden, um auf die Ostseite zu gelangen. An den nun dreispurigen Autobahnteilen, gleich am anderen Kanalufer, konnte man kurz vor einer Berliner Wahl, in ca. 2 Meter hoher schwarzer Schrift, auf grellem Weiß, kilometerweit lesen:
HARALD JUHNKE FOR PRESIDENT !
Schade, dass es mit Uns-Harald damals nicht klappte – wäre ja auch gewesen, wie leere Pfandflaschen vor die Säue schmeißen.

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Jedenfalls entwickelte sich unter uns eine Diskussion, die sich vom Ansatz her als sehr schwierig herausstellte, denn Robbi bestand darauf, dass wir sie in Deutsch führten. Es fing mit dem Urschleim an – dem Demokratieverständnis. Was bekanntlich, die in UK gepachtet haben, seit man in grauer Vorzeit Anleihen aus dem alten Griechenland nahm. Auf meinen Einwand, dass sich die Situation immer noch irgendwie ähnelt, früher Sklavenhalterstaat, heute nur alles etwas menschlicher verschoben, ging der Gentleman nicht ein. Denn ihn erinnerten die vielfältigen politischen Wall-Interpretationen an Speakers Corner in Hyde Park – bei so viel Demokratie stieg ich aus. Zog ein Hörnchen ein und fand anschließend das Lauschen mehr als lustig, was auch daran lag, dass sich die meisten bildenden Künstler sowieso in meiner Schublade der extremen Mitte tummelten, dem liberalen sowohl-als-auch. Nur bei Jörg gestaltete sich alles etwas anders, denn er war schon seit Jahren als Nichtgenosse, gut do­tierter Hofmaler der Nürnberger SPD, und fing nun an, sich zu e´chauffieren. Nach ge­raumer Zeit einigten sich die drei darauf, dass Mauermalerei schon so etwas, wie demokratische Ausdrucksweise sei. SS-Runen, Hakenkreuze und anderer rechter Scheiß, nur Randerscheinungen darstellten. Also wurde dem Schotten klarge­macht, was unter Randerscheinungen zu verstehen sei.
Allerdings ist das deutsche Demokratieverständnis absolut nicht auf Great Britain zu übertragen, denn Bob brachte immer wieder alles durcheinander. Selbstre­dend lernte er auf unserer Tour das Wort Randerscheinungen akzentfrei auszu­sprechen. Schließlich fand er ja auch hinreichend Anlässe, dieses Wort zu üben…
Schließlich trieb es unser Gast auf die Spitze, als er einfließen ließ, wenn man in Berlin eingemauert sei und ringsherum diese Randerscheinungen finden konnte, müsste man eigentlich einen anderen Begriff dafür benutzen, und er wüsste einen…
Darauf wurde nicht mehr eingegangen, außerdem hatte er ja eine beliebte deut­sche Vokabel perfekt gelernt.
Total durchgefroren ging es zum Auto zurück und ich sollte mir eine typische Berliner Pinte zum Aufwärmen einfallen lassen. Von Robbi kam eine wage Be­schreibung einer solchen Institution, offensichtlich meinte er Leydicke in der Man­steinstraße, also dorthin.
Da es draußen Mistgabeln schiffte, sprangen wir gleichzeitig in die fast leere Kneipe. Während der Orientierungsphase fing ich an, meine angelaufene Brille trocken zu reiben, noch nicht fertig damit, setzte ich sie aber gleich wieder auf. Denn wir be­kamen mit, dass vom Stammtisch, der vor dem 5 bis 8 Meter entfernten Tresen stand, ein Typ aufgesprungen war, der uns in schwankendem Stechschritt entge­gentorkelte.
Dabei riss er beim Schritt mit dem rechten Bein gleichzeitig seinen Arm mit hoch und brüllte rhythmisch, „Sieg Heil, Sieg Heil!“
Kurz vor uns drehte er zackig bei, um ebenso retour zu marschieren. Seine beiden Kum­pane konnten sich nicht einholen, klopften auf ihre Schenkel, während ihnen vor Lachen Tränen in die Augen schossen, vermutlich wegen unserer verdutzten Gesichter.
Im selben Moment packte der Zapfer den Typen am Schlafittchen und bugsierte ihn raus.
„…Wat soll denn der Scheiß… icke wollte doch nur een Spaß machen… lass mir doch los…“
„Solche Späße kannst du sonst wo veranstalten, aber nicht hier! Solche Gäste habe ich gerne, schon besoffen hier auftauchen und dann so etwas… Ich will dich hier nie wieder sehen!“
Seine Kumpels ergriffen Partei für ihn und fingen an zu maulen. Was den Zapfer aber nur zu der Bemerkung veranlasste: „Entweder, ihr haltet euren Rand, oder ihr verschwin­det auch!“
Der weitere Drang nach Alk siegte über den Anflug von Solidarität, schmollend nah­men die Stammtischzecher wieder Platz.
Dies alles ging in einer rasanten Geschwindigkeit vonstatten. Noch während wir uns erstaunt gegenseitig anschauten, kam von Robbi: „Ihr braucht nicht spre­chen! … Ich verstehe! … R a n d e r s c h e i n u n g !“

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Hier höre ich auf. Denn was an unserem Tisch anschließend abging, wäre eine andere Geschichte. Wobei man sich sicher denken kann, wie sie ausging. Allein die Tatsache, dass sich ein extremer SPD-Sympatisant seinen Anteil am Klassenkampf in Schecks vergüten lässt, ist die eine Seite. Seine Meinung, dass sich das mit den Rechten schon totlaufen würde, die andere.
Aber diese Ansicht gab es nicht nur bei den Sozis schon mal!

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