Natürlich wurde am Biertisch auch darüber spekuliert, wie man schnell eine dicke Marie machen könnte, um anschließend für immer in die Karibik zu verduften – Licht, Luft, Sonne, Käthen und das beste Gras wo gibt.
Was aber, wenn man bürgerlich gehandicapt ist?
Irgendwann gehen einem diese eckigen Seifenblasen mächtig auf den Keks.
Trotzdem tauchte immer mal wieder jemand auf, für den es ein Bedürfnis schien, uns zu langweilen, um sich dabei verbal einen runterzuholen. Jene Nervensäge spielte damals ein junger Typ, ebenfalls aus Ostberlin, sein Lebenslauf glich Bummis, nur schien er etwas besser drauf zu sein. Eines Tages kam er ganz aufgeregt an unseren Tisch, gab zum Besten, dass ihn ein älterer Herr für eine Woche nach Thailand einlud.
Schien nichts Ungewöhnliches zu sein.
Klar, konnte ja schließlich jedem passieren.
Von Achim kam nur: „Entweder du bist jetzt auch für die Frauenwelt verloren, oder dein netter Herr weist dich als Kurier für harten Dope ein. Na dann viel Spaß!“
Richtig wütend verschwand unser reiselustiger Genosse.
Hier möchte ich alles arg verkürzen.
Er kam braungebrannt retour, um ein paar Wochen später wieder gemeinsam nach Bangkok zu jetten. „Und Leute – nix mit schwul und so.“
„Dann das andere!“
„Ihr Idioten seid doch nur neidisch…“
Diese geschwätzige Flachzange stand vor seinem letzten Trip nochmals im Zillemarkt auf der Matte, „Ätsch – ihr Blödmaxen, ich mache jetzt eine Reise über Thailand quer durch die USA. Ich werde euch schreiben!“
Mittlerweile schon ein weit gereister Weltmensch, flog unser Traveller allein von Bangkok über San Francisco nach New York. In NYC wurde er gefragt, ob er einen kleinen Lederkoffer für den netten spendablen Herrn mitnehmen könne, den selbiger, welch Pech, leider ein paar Tage vorher vergaß – natürlich konnte er.
Ihn übermannten in der Situation sicher Erinnerungen aus Kindheitstagen. Denn als Ableger roter Zecken schien er bestens mit „Timur und sein Trupp“ vertraut. Kernaussage jenes Bolschewiken-Bestseller für Heranwachsende: Jeden Tag eine gute Tat.
Warum sollte er da nicht seinem Reisesponsor einen Gefallen tun?
In Frankfurt wurde unser Spezie hopp genommen, mit von der Partie waren seine beiden Sitznachbarn aus dem Flieger. Als unbedarfter Drogenkurier und guter Pionier bekam er nur vier Jahre aufgebrummt. Allerdings war die Angelegenheit noch mit einem kleinen Haken behaftet, denn er stand wegen jener Gefälligkeit beim deutschen Zoll mit 280 000 DM in Kreide, für illegal eingeführten Koks.
Ein dreiviertel Jahr später…
Mit Freunden lungerte ich in Europas größter Diskothek dem „Sound“ rum. Plötzlich stand Achim aufgeregt neben mir: „Alter, wir haben eben unseren weit gereisten Freund getroffen, der eigentlich noch in Tegel hängen müsste. Der meinte nur, als ich ihn anquatschte, dies wäre eine Verwechselung, allerdings verdünnisierte er sich daraufhin verdammt schnell.“
Tja, es gibt Leute, die versuchen nie, über ihren Schatten zu springen.
Da schien er doch schon wieder jemandem einen Gefallen zu tun, aber einen, der tödlich ausgehen konnte.
Wir nahmen an, dass unser Timur nun für den Trupp des Rauschgiftdezernats auf dem Strich ging…
EIN ZENTNER KNETE – ’78
Bummi kam aus einem Stall mit DDR-spezifischen Edelkommunisten als Eltern.
Aber nach dem, was eigentlich so Vater- und Muttertier ausmachten, hätte man beide notschlachten sollen.
Kaum das Abi in der Tasche, versuchte er sofort, sich über Ungarn nach Österreich zu verflüchtigen. Es blieb aber nur bei dem Versuch. Ähnlich wie bei mir, endete sein Wandertag auch am Draht, da ihm die Ohren und Nase eines Deutschen Schäferhundes dazwischenkamen…
Nach seinem Urlaub im Ungarischen Staatsgefängnis bastelten die Genossen in Hohenschönhausen monatelang herum, bis sie für diesen Trip eine Belohnung von 4 Totensonntage zusammen bekamen. Da zählte sogar strafverschärfend, dass er sich in seinen letzten Schulferien “den Zugriffen der staatlichen Organe der Dä Dä ÄR” entziehen wollte. Anschließend hieß es bis zum letzten Tag, den humanistischen Strafvollzug in Brandenburg genießen.
Gleich zu Beginn seiner Knastzeit sagten sich Vati und Mutti schriftlich von ihrer missratenen Brut los, um ihre sozialistische Laufbahn nicht zu gefährden.
(Schon damals kam mir auf, im Nachhinein sehe ich es noch radikaler. Auch in dieser Scheißsituation, bleibt bei einem Ende mit Schrecken wesentlich mehr für sich selber übrig, als bei den allmählichen Schrecken ohne sichtbarem Ende. In den Jahren verpufft ein Haufen Energie, denn Hass ist ein gefräßiges Hydra, aber früher oder später gewöhnt man sich an ihr unsichtbare Präsenz, von da an geht es einem wie Elwood mit Harvey…
– Allerdings habe ich bereits zu früheren Jahren, einen sehr wichtigen Hinweis vom Großvater verinnerlicht: „Beginne niemals irgendwelche widerwärtigen Individuen zu hassen, denn grenzenloser Hass kehrt sich irgendwann nach innen und frisst dich schließlich auf. Wenn du nach bedenklichen Situationen etwas zum Selbstschutz unternehmen musst, lass jene Leute von Anbeginn deine Verachtung spüren, aber immer nur auf eine ruhige und möglichst süffisante Art!“
Gott sei Dank, ich kenne beide Seiten, bemerke aber, dass jenes Füllhorn aus behüteten Kindheitstagen nicht bodenlos ist. Hinzu kam, dass auch die Umgebung mächtig abfärbte…)
Bummi, besser gesagt das, was von ihm übrig geblieben war, lernte ich beim Psychodoc Hampel kennen. Wir liefen uns außerdem bei unseren Behördengängen immer wieder über den Weg. Beiden war uns das Glück hold, tagelang aus dem Marienfelder Auffanglager separat in Ami-Luxusschlitten zum CIA nach Dahlem gekarrt zu werden.
Diese ganze Angelegenheit mit den Geheimdiensten fanden wir einfach nur lächerlich. Beginnend beim Staatsschutz in Gießen, der dort sogar Obacht gab, dass ich in der ersten Nacht im Lager nicht bei einer Käthe, die ich im Bus aus Chemnitz kennen lernte, unter die Bettdecke kroch. (Während eines längeren Gespräches stellte sich heraus, dass sie mich aus Erzählungen ihres Bruders aus Rostock kannte. Den anfänglichen Hinweise dazu gab ihr mein Tattoo, der Gammler auf meinem linken Unterarm…)
Zum Piepen war es beim Secret Service und der Surité, die im gleichen Haus residierten. Wobei es bei den Franzosen in der Regel nur darum ging, dass jemand sehr gewichtig auf den Laufzettel einen Stempel knallte. Hinzu kam, dass man sich verpflichten musste, den anderen Kollegen nichts zu erzählen über die gestellten Fragen und den daraus resultierenden Antworten. Mir ging dies am Arsch vorbei, schließlich war ich schon in Gießen unangenehm aufgefallen, da ich nicht Klavier spielen wollte. Ich tat dabei meine Meinung kund, wenn sie schon die Fingerabdrücke von mir haben wollten, sie diese sich doch bitte schön, aus der Zone, von Mielkes Bütteln besorgen sollten. Warum haben die Drüben, nicht wirklich alles mit rüber gegeben? Als Antwort kam, wir verfügten über verdammt viel Zeit und ich dürfte das Lagergelände nicht verlassen.
Berlins Geheimdienstler am Platz der Luftbrücke waren identisch mit denen ein paar Kilometer weiter in der „Hauptstadt“.
Schon merkwürdig, Geheimdienstmannen sind fast überall gleich. (Allerdingsie machten die ungarischen Genossen eine riesige Ausnahme! Alles was mich damals betraf, schien ihnen scheißegal zu sein. Dies muss mal lobend erwähnt werden, außerdem hatte ich dort niemals Handschellen tragen müssen.) Immer schlecht gespieltes, dümmliches Gehabe und dauernd der lächerliche Versuch sich als die wichtigsten Individuen auf diesem Planeten zu verkaufen, mit ewig wiederkehrende identisch-idiotische Fragen und Bemerkungen und die können auf Dauer sehr nerven. Dabei sind Vernehmer doch nur Knechte, des imaginären Räderwerkes der Exekutive, die verbale Scheiße quirlen müssen, um sie dann zu verkosten ob nicht ein Brösel drin ist, der zum Puzzle der Mosaikspionage passt.
Bummi spielte in der ersten Zeit immer wieder mit dem Gedanken, sich zu entleiben, was er schließlich verwarf. Trotzdem war mit dem Jungen rein gar nichts anzufangen, hatte Bammel ins Kino zu gehen, traute sich nicht in Kneipen, hockte im Rotkreuzheim nur auf seiner Viermannbude rum und litt mächtig unter Heimweh. (Ich vermutete, dass er als sehr junges Frischfleisch, unter den Augen der Vollzugsbeamten, in Brandenburg sofort mit einem BVer* (ugs. Knastjargon, Berufs Verbrecher) verheiratet wurde. Solch Ritual lief pervers ab, weil dann auch die Freunde vom neu vermählten Gatten, über solch Delinquent auch herüber rutschten... )
Dann verlor ich ihn monatelang aus den Augen.
Als sich unsere Wege wieder kreuzten, gingen wir sofort auf ein Bier, währen dessen blubberte der Junge ohne Punkt und Komma los. Als erstes kam die Einladung zu seiner demnächst stattfinden Geburtstagsfeier. Bummi lebte mit einer sehr sympathischen, gleichaltrigen kleine Wessibraut aus Südwestdeutschland zusammen. Das Mädel wohnte für ein Jahr an der Rennbahn Marienfelde, in einem Silo für Leute aus Wessiland, in der Kruckenbergstraße, die in Berlin ihren Erstjob aufnahmen, dort war er in ihrem kleinen Wohnschließfach untergekrochen.
Die Fete fing so lala an, allerdings fast fifty fifty Ossis und Wessis, um die 15 Leute in dem kleinen Loch. Von Zoniseite aus, war es natürlich übermackert und Ursel hatte noch nie solch ein Rudel erlebt, welches ganz anders drauf war, besonders was harten Alk anging.
Mann, taten sich da Abgründe auf. Am Anfang fanden es die Bekannten von Bummis Freundin noch witzig, na ja, mehr interessant, wie in einem Erlebniszoo, inmitten von anders gearteten menschlichen Wesen. Es fing an, sich zu wandeln, als es um die Musik ging. Ost wollte alte olle Schdonsgamellen*– (ugs.sächsisch, Hits der Rolling Stones), West die gerade angesagten Hits.
Weil das Geburtstagskind mehr zu den älteren Sachen neigte, liefen auch mehr diese Klänge, bald begann eine intensive Anbaggerei, was den Südländern irgendwann überhaupt nicht mehr zusagte.
Bummi litt unter panische Angst, vom Haschisch rauschgiftsüchtig zu werden und seine Freundin lehnte kiffen auch strikt ab, deshalb pickte ich still auf dem Balkon das Hörnchen ein. Statt mich abzufüllen und beobachtete ich durch die Fensterscheibe das Treiben im Inneren. Die Tür sollte wegen des Lärms immer gleich wieder geschlossen werden, deshalb bekam ich fast nichts von der Konversation mit, hörte nur das Wummern der Bässe, dazwischen noch lautere Gesprächsfetzen, die aber keinen Sinn ergaben und sah dabei wild gestikulierende Leute, die diese Laute ausstießen. Dann registrierte ich, dass Bummi und seine Freundin längere Zeit im Zimmer nicht anwesend waren. Es stellte sich heraus, dass es wegen der Lautstärke Beschwerden aus der Nachbarschaft gab und beide in der Winzküche einen Disput ausfochten, in deren Folge die Musik etwas leiser gestellt wurde.
Ich weiß nicht mehr, wie Bummi dazu kam, jedenfalls besaß er einen Karton mit seinen alten Zonenscheiben und wollte aus ihm ein Teil spielen, was absolut nicht ankam. Denn nach Wessimeinung konnte es nur Schrott gewesen sein, was drüben produziert wurde, da auf DT 64 auch nur Westmusik dudelte. Wobei sich zwei Gruppen bildeten und ich mich auf Seiten der Bundis wieder fand, allerdings nicht so undifferenziert wie sie. Die sich entwickelnde Streiterei, veranlasste mich wieder auf den Balkon zu verschwinden, in der einsetzenden Dämmerung betrachtete ich das Treiben unten auf der Straße und in der nachbarschaftlichen Laubenkolonie. Dann stand Ursel neben mir, Tränen kullerten über ihre Wangen. Sie wollte von mir eine Erklärung, warum Bummi immer so merkwürdig daherkam. Was sollte ich dazu schon ablassen. Schließlich reichte ihr mein Zuhören und musste entsetzt feststellen, dass sie nach Monaten des Zusammenseins, fast nichts von ihrem Freund wusste. Ab und zu schaute Bummi durch das Balkonfenster zu uns raus, dabei lächelten sich beide gequält an. Auf ihren Einwand hin, dass sie dies alles nicht mehr aushalten könnte, nahm ich sie in die Arme. Lautlos, am ganzen Körper bebend begann sie hemmungslos zu weinen. Ihr Freund registrierte dies, kam aber erst ein paar Minuten später raus und umarmte uns beide, auch mit Tränen in den Augen. Damit konnte ich nun überhaupt nicht umgehen, entzog mich sanft beider Umarmungen, ging nach drinnen, leerte eine halbe Flasche Wodka auf Ex und wollte gehen. Ließ mich aber schließlich zum Bleiben überreden. Gleichzeitiges Kiffen und Saufen ist, wie gegen den Wind pinkeln, deshalb verzog ich mich erst mal auf den Topf. Als Sitzpisser musste ich eine ganze Weile eingeratzt sein, lautes Türklopfen weckte mich. Außerdem kamen aus dem Wohnzimmer jetzt ganz andere Geräusche, leise Musik lief und so wie bei einem Feuerwerk, “Ahhs” und “Ohhs”. Ins Zimmer wankend registrierte ich, ausnahmslos Mädels hockten im Raum und die Typen schafften sich mit großem Hallo auf dem Balkon, vorn weg Bummi. Dann bekam ich mit, was diese Idioten trieben. Alles machte sich über seine Ost-Platten her. Zerrissen die Cover in kleine Schnippsel und schmissen sie wie Konfetti ins Zimmer, die Vinylscheiben segelten in Richtung der Kleingartenanlagen. Unten auf der Straße war auch Gaudi angesagt. Einige Halbstarke trieben ebenerdig das gleiche Spiel. Aggressiv ging ich dazwischen, wollte noch etwas retten, aber hoffnungslos. Da gingen Platten über die Wupper, die für mich mal einen nicht zu beschreibenden ideellen Wert darstellten, an denen ich zu Zonenzeiten hing. An die ich in der Provinz, nur unter größten Schwierigkeiten gelangt war, weil es sich um Bückware handelte und sie während meiner letzten Monaten dort, weit unter Preis verkloppte, hauptsächlich für Suff und Chemie.
Scheiße, da flogen sie dahin. Jene einzigen, für meine Begriffe vernünftigen AMIGA-Erzeugnisse: die Folkbluesscheiben; Jazz, Lyrik, Prosa; die Beaz, Pete Seeger; Dylan, die Beatles…
Folklore aus dem ganzen Ostblock, Bachwerke gespielt auf Silbermannorgeln. Das Geburtstagskind hämmerte die restlichen Scheiben wie ein Bekloppter auf die Balkonbrüstung und versuchte sie anschließend durch hin und her biegen zu zerbrechen, rasend vor Wut.
Stinksauer rannte ich nach unten, es war aber nichts zu retten. Oben sah und hörte ich die Meute, Bummi schien nicht mehr bei Sinnen zu sein.
Langsam schlich ich von dannen, fast schon an der U-Bahn kam mir: was, wenn Bummi durchdreht, außerdem lag mein Parka noch in der Wohnung, also zurück. Oben begannen sich die Reihen zu lichten, zwei Mädels fingen an aufzuräumen. Jemand gab mir ein Zeichen nicht auf den Balkon zu gehen. Bummi lauerte dort, beide Hände in die Brüstung gekrallt und starrte ins Nichts. Ursel stand außen, mit dem Rücken an die Tür gelehnt, hinter ihrem Freund und blickte ihn gebannt an. Ich glaube, in ihr stieg Angst hoch, dass er mit dem Gedanken spielte, Schluss zu machen. Leise rief ich seinen Namen. Endlich drehte er sich um, packte meine Schultern, drückte mich kurz, verschwand in der Küche.
” Der wird sich doch dort nichts antun?”
“Quatsch, hört auf, so etwas zu denken!”. Von meinen Worten war ich allerdings selbst nicht überzeugt, setzte mich an den Tisch und begann ein Dreiblatt zu bauen. Platzierte es anschließend unter dem Firmenetikett meiner Baskenmütze und schmiss mir den Parka über. Von Ursel verabschiedete ich mich durch Streicheln, sie hockte umschlugen mit ihrer Freundin auf dem Sofa und beide weinten. Nun musste es schnell gehen, ich klopfte noch an die Küchentür, ” He, Bummi! Gib Laut! – Gehörprobe!”
Nichts.
Nach nochmaligem Klopfen, “los komm rein Ede, du Arschkeks.”
Ich fand ihn, im Dunkeln auf dem Boden hockend, mit beiden Armen seine Knie umschlungen, “Machs gut, Stary!” klopfte auf seine Schulter und wollte beim Rausgehen die Tür hinter mir zuziehen, “lass auf, Alter!”
Im Flur lief mir Ursel in die Arme. Nachdem ich mich von ihrer Knuddelei befreit hatte, kam noch: “Sag mal, seid ihr immer so gewesen?”
“Glaube nicht”, allerdings konnte ich mit ihrer Frage nicht so richtig etwas anfangen.
Längere Zeit herrschte Funkstille zwischen uns, unerwartet rief Bummi an, sein Abi wollten die Behörden unter sehr fragwürdigen Gründen nicht anerkennen. Größtes Hindernis schien die lange Haftstrafe nach dem Schulabschluss zu sein. Es bestand aber die Möglichkeit, zu Beginn des neuen Schuljahres probeweise in die 13. Klasse einzuschulen oder sofort in eine schon laufende 12. Klasse zu gehen.
Kurz nach diesem Gespräch tauchte er abends wieder mal im “Zillemarkt” auf und ließ einen Haufen Blödsinn mit Andeutungen ab, dass er demnächst auch an das Große Geld herankommen würde, denn ein alter Kumpel aus Brandenburger Tagen war aufgetaucht.
Kurz darauf presste jemand neue Hüte, aber mit riesigen Krempen. Es war auch von einem bewaffneten Bankraub die Rede. Als ich dann im “Tagesspiegel” das Konterfei seines Spezis mit Steckbrief sah, beschloss ich, Ursel anzurufen. Tagelang ging niemand ans Rohr. Es stellte sich heraus, dass die Sache mit dem Knack den Tatsachen entsprach und sie sich wegen der Pressescheißfliegen einige Tage im Wessiland aufhielt. Wir trafen uns, zu ihr nach Hause wollte ich nicht und sie in keine Kneipe, also gingen wir spazieren. Dabei spulte Ursel alles ab, angefangen von Bummis Geburtstagsfete, bis zu seiner Verhaftung.
Nebenbei, ihr die Beziehung von den ersten Tagen an Kopfzerbrechen bereitete. Dass ihr Schmusie im Osten einsaß, wusste sie freilich, aber nichts von den vier Jahren. In den ganzen Monaten, die sie zusammen verbrachten, gingen fast alle Aktivitäten von ihr aus. Der Aussetzer am Geburtstag gab ihr schwer zu denken. Da hätte sie Schluss machen müssen, denn die ewigen Depressionen von Bummi gingen ihr langsam auf den Senkel, obwohl sie ihn immer nett und zuvorkommend fand. In jener Nacht waren sie sich auch das erste und einzige Mal horizontal eins. Sein Schwur, dass von nun an alles anders würde und er alles unternehmen wollte, damit man sein Abi doch anerkannte, um sofort ein Studium zu beginnen, rutschte bald in Richtung Meineid weg.
Anfangs ließ sich alles gut an, aber dann kamen die Rückschläge während der Behördengänge. Von einem Schlag auf den anderen, war keine Rede mehr vom Abitur, nur noch vom großen Geld.
Bummi schien wie ausgewechselt. Tag und Nacht unterwegs, erzählte aber nicht, was er trieb. Schließlich lernte sie den Grund kennen: seinen alten Kumpel Meier, einer der schweren Jungs, die in den Bussen von Chemnitz die hinteren Sitze belegten und die der Westen gratis bekam.
Ursel konnte ihn vom ersten Moment an nicht ausstehen. In der rauen See fand sich ein Strohhalm. Sie schlug ihrem Freund vor, gemeinsam eine größere Wohnung zu suchen, außerdem finanzierte sie auch noch seinen Führerschein. Eine folgeschwere Hilfestellung, wie sich bald herausstellen sollte.
Nichts half.
Dem Einfluss des ehemaligen Knastkollegen konnte sie nichts erwidern, im Gegenteil. Als Bummi die Pappe endlich besaß, wollte er sofort ein größeres Auto, also musste Knete her und Meier fand die zündende Idee.
Alles lief dann so schief, schräger ging es gar nicht.
Für die entscheidende Aktion musste ein Auto her. Da beide wenig Ahnung besaßen, wie man Autos knackte, musste Ursels Karre als Fluchtfahrzeug herhalten. Wenn ich mich richtig erinnere, lief der Knack am späten Vormittag ab, in einer Bank Nahe der Kreuzung Haupt- Ecke Dominicusstrasse.
Der Überfall konnte durch die große Aufmerksamkeit eines wachsamen Bürgers sehr schnell aufgeklärt werden.
Nix da, denn es war zufällig der deutschen Tugend eines Parkplatzsuchers zu verdanken, dass die Polizei sehr schnell am Ort des Geschehens auftauchte.
Folgendes lief damals ab.
Bummi sollte im Auto bei laufendem Motor auf seinen Kumpel warten. Da ihm alles zu lange dauerte, beschloss er, nachzuschauen. In diesem Moment erschien der aufmerksame Zeitgenosse, bemerkte auf seinem Parkplatz die laufende Karre, nahm an, dass jemand nur kurz in die Bank rein sei, um schnell etwas zu besorgen. Schließlich stieg der Mann aus seinem in zweiter Spur haltenden Fahrzeug, rauchte auf dem Gehsteig eine Zigarette und ging dabei auf und ab, stellte deshalb an dem anderen Fahrzeug zwei verschiedene Nummernschilder fest. (Eins, der von Meier besorgten alten Nummernschilder, war auf der kurzen Fahrt abgefallen – das benutzte Teppichklebeband stammte bestimmt vom Schnäppchentisch.) Stracks eilte er zur nächsten Telefonzelle und benachrichtigte die Polizei. Während dieser Zeit erledigten die beiden Jungs in der Bank ihr Geschäft. Es zog sich etwas länger hin, da Bummi mit einer Kleinigkeit nicht einverstanden schien. Angeblich war der Tresor durch Zeitschlösser gesichert. Meier bestand aber darauf, zumindest die habhaft werdende Knete einzusacken. Was er, entgegen Bummis Ansicht, auch tat. Dabei fielen fast nur 5-Markstücke an, allerdings über ein Zentner, was ungefähr 5000 DM entsprach. Also den Sack auf den Buckel und raus.
Gemeinsam fuhren sie zum U-Bahnhof “Alt Tempelhof”. Dort schnürte der Scheff mit Hilfe einer Wolldecke ein unauffälliges Bündel und verschwand im Underground. Bummi raste nach Mariendorf und knallte sich in die Falle. Kaum im Bett, klingelte es.
Total verschlafen und gähnend beschwerte er sich ob der Störung. Allerdings waren die Grünberockten auf dem Treppenabsatz sehr humorlos, denn sie ließen den Langschläfer noch nicht mal ausreden, forderten ihn ziemlich unsanft auf, sich anzuziehen. Er könne sich auf der Fahrt ins Revier überlegen, was er dort zum Besten geben wolle.
Nachdem ich Meiers Konterfei im “Tagesspiegel” ansichtig geworden war, vergingen keine zwei Wochen, da ward auch er gekascht und von der schweren Beute nichts mehr vorhanden, scheinbar alles verflippert.
Wegen bewaffneten Bankraubes wurden acht und sechs Jahre Haft beantragt. Was daraus geworden ist, weiß ich nicht.
Ursel verzog unbekannt.
21. August 1968 usw.
aus: …verschollen unter Hallensern, Halloren und Halunke (1983)
… eine an Schärfe zunehmende Pressekampagne gegen die Zustände im Tschechland verlagerte sich immer mehr auf die Titelseiten der Postillen.
Tägliche Zeitungsschauen, die sich mit jenem Thema befassten, verkamen immer mehr zu Vorlesestunden von Resolutionen. Da wurden Drohungen aller Parteivorsitzenden der Kommunistischen Parteien des Warschauer Paktes vorgetragen, Erklärungen diverser Zentralkomitees zum Besten gegeben, Stellungnahmen des „werktätigen Volkes“ verlesen, und in Prag gaben sich die Stare des Warschauer Paktes die Klinke in die Hand. Frenetisch empfing die Tschechoslowakische Bevölkerung Tito und den Führer aus Rumänien. Sogar Ulbricht erschien mit Gefolge, ihn hätten die Leute sicher gerne in seine tauben Nüsse gelatscht… Weiterlesen
WEMBLEY – Frühjahr ’77
Zur Erinnerung!
Um 1974 im Osten, dem ersten Schlaraffenland aller Arbeiter und Bauern auf deutschem Boden, bei 21 Tagen Grundurlaub, drei Wochen Urlaub zu machen, wurden die sowieso arbeitsfreien Samstage hinzugerechnet.
Drei Jahre später, nun bereits ein Jahr in der berühmten Firma Sonnenschein, im tiefsten Sumpf des Kapitalismus’ und deren, dort herrschenden Wolfsgesetze, gab es mit drei Tagen Erschwernis – 30 Tage zur Regenerierung – was vollen sechs Wochen entsprach. Mir reichte diese Zeit für einen Trip auf die immergrüne Insel nicht, ich wollte noch zwei Wochen unbezahlt, was aber nicht machbar schien. Zu eben dieser Zeit gab es allerdings in der Firma Kurzarbeit, dass hieß, täglich musste ein Kollege aus der Abteilung zu Hause bleiben. Nun kam mein listiges Proletenhirn zu dem Ergebnis, für alle Mitarbeiter diese schrecklichen, arbeitslosen Tage zu übernehmen, was täglich zwischen 50 bis 80 Mark Netto weniger in der Lohntüte ausmachten. Mein Vorhaben rief nicht gerade Begeisterungsstürme hervor, weder bei der Geschäftsleitung, noch bei den betroffenen Kollegen, vom Betriebsrat ganz zu schweigen.
Allen begann ich auf den Senkel zu gehen, schließlich gab mein Meister unter der Bedingung auf, wenn alle Kollegen mit meinem Plan einverstanden wären und der Rest sollte mit der Gewerkschaft abgekaspert werden.
Schließlich fanden es fast alle O.K, bis auf Hammerkarl. Mit selbigen lag ich seit geraumer Zeit schräg, wegen eines Kuckuckseis an dem ich mich beteiligt hatte.
Pille war auf diese Idee gekommen, weil er irgendwann, an seine Frühschicht noch acht Stunden dranhängen musste. Wir pappten eine Blechtafel von 1,5 mal einem Meter über Karls Arbeitsplatz. Befestigten das Teil mit Schwerlastdübeln an der Betonwand und schweißten zusätzlich die Schrauben noch am Blech fest. Von mir stammte die fein säuberliche Frakturschrift darauf:
Es trinkt der Mensch, es säuft das Pferd.
Doch Hammerkarl machts umgekehrt!
Schließlich gab der alte Suffschäddel, der immer wieder seiner größten Zeit bei der LAH (für Nichtwissende – Leibstandarte Adolf Hitler) nachtrauerte, auch das Einverständnis. Stotternd, wie immer, wenn ihn etwas aufgeregte: Duh, duh Stück Sah-sah-sachsenscheiße, duh! Du halber Ruh-ru-russe! Icke will dir ja nich im Weje stehn, weh-wenn du einem unserer Verbündeten ah-aus dem ersten Krieg einen Beh-besuch abstatten willst…
Von Pille, dem stellvertretenden Betriebsratsknecht erfolgte noch das letzte Wort. Schließlich trete die IG-Metall dafür ein, Arbeitsplätze zu erhalten und sollte nicht Urlaubsgeilen Ostlern bezahlte Kurzarbeitstage zuschanzen, so als verlängerten Urlaub. Als Gewerkschafter gab ich ihm sogar Recht und beim nächsten Billardtermin ein großes Bier nebst Wodka aus.
So konnte ich schließlich Ende April 1977, nach sechs Wochen Irland und anschließenden zwei in Wales, feststellen dass sich die Ebene auf der ich mich nun bewegte, mächtig verschoben hatte.
Da reichte es ein paar Jahre vorher noch aus, wenn ich auf dem Heimtramp, nachts im finstersten Halle/Saale fest hing, und mir sogar die 4 Mark 80 für die Rückfahrt fehlten, am nächsten Morgen im Zug den Schaffner zu bitten, mir ein Ticket auszuhändigen, das dann wenig später in Sangerhausen bezahlt wurde.
In Westeuropa war dann immer ein Euroscheck meine eiserne Reserve, wenn es mit dem Daumen partout nicht weiter ging. Dieses Bankpapierchen nützte einem allerdings auch nicht viel, wenn man sich beim Ausfüllen zu blöde anstellt, wie es mir in Wales erging. Dieser faux pas unterlief mir in Bangor auf einer Bank. Wieder einmal hatte ich seit Monaten meine Unterschrift verändert und es vergessen. Jener Krakel auf dem Scheck war deshalb nicht mit dem im Ausweis identisch, worauf mir logischer Weise kein Geld ausgezahlt wurde. Knapp kalkuliert schien die restliche Barschaft noch bis Dover über Liverpool zu reichen.
In der Nähe von Birmingham, ließen mich ein Wust von Schnellstraßen und Autobahnen schier verzweifeln, also bis zur Hauptstadt in den Zug. Anfangs in dieser Gegend, vielleicht auf 20 oder 30 Kilometern, rechts und links der Bahnstrecke ewig Industrieruinen auch aus dem letzten Jahrhundert…
In London wollte ich bei dem jungen Landlord eines Inders, den ich während meiner Tramptour in Irland kennen lernte, übernachten, der Typ sollte spottbillig seinen Wohnwagen vermieten. Als ich zu später Stunde im Ortsteil Wembley endlich das Haus fand, schlug Murphy zu. Im Garten nirgendwo ein Campingwagen, allerdings die Mini-Rasenfläche vom Rangieren total hinüber und in der Ausfahrt frische Radspuren. Mein Bekannter allein im Haus, wollte mich berechtigter Weise dort nicht nächtigen lassen. So als Entschädigung kam die Offerte zu einigen Pints in einem Nobelrestaurant.
Wieder auf der Straße, begann er mit sich zu hadern, denn es nieselte. Davon befreite ich ihn, als wir an einem Hinweisschild zum Stadion vorbei kamen und ihm kundtat, dort eine Penne zu suchen. Kurz darauf, just in dem Moment, als es, wie die Briten sich auszudrücken pflegen, Katzen und Hunde regnen begann, leuchtete auf der anderen Straßenseite das schummerig Entree eines kleinen Hotels auf, nichts wie rüber.
Mist, nirgends eine Klingel zu finden, also laut an den Türflügel pochen. Drinnen tat sich nichts, auch nicht, vom Geräusch der wummernden Fäuste, allerdings ging dabei langsam das Portal auf. Drinnen, vor dem Counter nahm ich auf meinem Rucksack Platz und begann zu rauchen. Anschließend erfolgten weitere Versuche mich bemerkbar zu machen, durch Rufen und klopfen auf die Schlagklingel am Tresen, nicht rührte sich. Nun wurde mir alles Scheißegal, ich wollte nur noch ratzen. Zündete noch einen Glimmer an und begann rum zuschnankern, gewahrte dabei hinter der Anmeldung eine Kellertreppe und kam auf die Idee, einfach runter zu gehen um mich dort breit zu machen. Egal was später geschehen würde, aber die Tür war verschlossen. Als ein weiterer Versuch scheiterte, mich bemerkbar zu machen, erfolgten weitere Erkundungen.
Ebenerdig, hinter der linken Tür befand sich ein kleiner Speisesaal. Gegenüber an der Stirnseite des Raumes, in einer Zieharmonikaholzwand noch ein Zugang, hinter der sich das gleiche Mobiliar wie im ersten Raum befand. Allerdings waren die Fensternischen mit dicken Stores verhangen und diese gemauerten Ausbuchtungen waren so gewaltig, dass man dort ohne weiteres auf einer Matte pennen konnte, ohne gleich gesehen zu werden, falls jemand den Raum betrat. In kürzester Zeit wurde das Nachtlager gerichtet.
Ich musste wie ein Stein geschlafen haben, als es draußen bereits hell war, ertönte Stimmengewirr aus dem vorderen Speiseraum und alle möglichen anderen Geräusche, die Gäste so veranstalteten, wenn sie sich das Frühstück einverleiben. Hinzu kamen gigantische Gerüche die umherwaberten.
Mit einem flauen Gefühl in der Magengegend, nicht nur wegen des Kohldampfes der sich einstellte, brach ich lautlos meine Zelte ab. Zog leise den Store etwas beiseite, platzierte den Rucksack an der Tür, hockte mich an einen Tisch und harrte der Dinge die da kommen sollten. Im Nachbarraum wurde es langsam immer ruhiger, es schienen dabei Stunden vergangen zu sein, was ich aber nicht korrekt nachvollziehen konnte, da meine Taschenzwiebel nachts den Dienst versagte.
Endlich trat Ruhe ein, außer dem leichten Geräuschpegel aus dem Vorraum, am Counter. Nun war es an mir, mich startklar zu machen. Richtete oben mit meinem zweigeteilten, fünfzinkigen Kamm die langen Fusseln, striegelte notdürftig den Bart und drapierte anschließend die Baskenmütze auf dem Haupt. Zupfte ordentlich die Hosenbeine der Jeans in den Springerstiefeln zurecht, kroch in den Parka, nahm einen tiefen Zug Whiskey, irischen Paddy, schob mir einen Riegel Kaugummi hinter die Kiemen, schulterte salopp meinen Rucksack – dabei kroch aber mächtiger Bammel in mir hoch.
Wie sollte ich den Raum betreten?
Vorsichtig die Tür öffnen oder alles forsch laufen lassen?
Also doch die zweite Variante!
Schließlich war es bei mir immer schon Gang und Gebe, illegal in niedlichen, kleinen englischen Hotels zu übernachten.
Also tief Luft geholt und durch…
Versucht lässig ging es an, trat aber keine zwei Schritte in den Raum, noch nicht mal die Klinke losgelassen und erschrak plötzlich, wie selten in meinem Leben.
Hinter dem halbgeöffneten Türflügel sprang jemand erschrocken auf, als er meiner ansichtig wurde, wobei der Stuhl krachend umschlug und brüllte mit überschlagender Stimme, als ob ihm der Leibhaftige erschienen war.
Bruchteile von Sekunden ging bei mir nichts mehr, dann kam es langsam. Da stand ein hutzliges, am ganzen Leib zitterndes altes Weib. Zu erst nahm ich von Gesicht und Hals, nur fettige, bepappte Falten war, ein riesiges Maul und drinnen ein vibrierendes Zäpfchen, nebenher dieses infernalische Gekreische. Besänftigend hob ich meine Hände, ungeschickter weise rutschte dabei mein Rucksack runter und knallte ihr vor die Füße. Was die Verrückte veranlasste, nach hinten zu torkeln, gegen den Tisch zu knallen und noch etwas nachzulegen mit der Lautstärke. Während ich mich nach dem Reisesack bückte und mit der verbleibenden Hand Beschwichtigungsversuche unternahm, kam mir kurz der Gedanke meine beiden Hände zu etwas anderen zu gebrauchen.
In diesem Moment wurde mir schlagartig klar, das es Individuen gab, die in solch einem Fall jemanden den Hals umdrehen mussten. Gott noch mal, wo nahm diese Vettel ihre Energie nur her? Den Rucksack schon wieder geschultert und ein paar Schritte von ihr entfernt, wurde sie immer wieder lauter wenn ich mich nur nach ihr umdrehte.
Nun kam mir endlich, wer da so infernalisch sang, die Braut musste eine ziemlich alte Amerikanerin sein. Ihre dünnen Beinchen steckten in unförmigen Latschen, der Körper wurde von einem gesteppten, schweinchenrosafarbigen Morgenmantel umhüllt. Riesige, knallrote Krallen und unförmigen Klunker zierten die pergamentenen Finger. In den grauen Haaren steckten viele, nun etwas aus der Form geratene Lockenwickler. Als ich das letzte Mal zu dem hysterischen Weib blickte, hatten ihre Ohren und sichtbare Teile des Gesichtes schon eine gefährliche Rötung angenommen, die mehr ins violette tendierten. Mit dieser Birne wäre sie glatt als Werbegag, für Mag Light oder Osramglühbirnen durchgegangen.
Nun war es an mir, mich darauf zu konzentrieren, was sich im vorderen Teil des Speisesaales und an der Rezeption abspielte.
Nie wäre ich auf die Idee gekommen, dass sich so viele Menschen in solch einem kleinen Hotel aufhalten könnten. Bestimmt an die 40 Leute glotzten mich an, wie in Bayreuth den Siegfried, allerdings niemand ausgesprochen feindlich, einige grinsten dabei recht unverschämt.
Jetzt lag es an mir, erst mal etwas auf bedeppert zu mimen, nichts verstehen vorgeben, um langsam wieder Oberwasser zubekommen. Ein schmächtiger Mann, in feinen Zwirn gekleidet, ungefähr in meinem Alter, Ende 20, versuchte gleichzeitig auf mehreren Hochzeiten zu tanzen. Gab mir zu verstehen, am Tresen der Rezeption auf ihn zu warten, während er die nun endlich verstummte Gästin tröstete und sehr feinfühlig hinaus komplimentierte. Gleichzeitig versuchte die Menschenmasse im Vorraum durch Handbewegungen und sanfte Sprüche zu vertreiben. Gleichzeitig eine ältere umherwuselnde Dame besänftigte, die unentwegt nach der Polizei rufen wollte, bei der es sich um die Chefin und Mutter handelte, wie sich bald herausstellte.
Als wir uns endlich zu dritt, im geschlossenen Speisesaal wieder fanden, kam für mich eine Lehrstunde an englischen Umgangsformen.
Freundlich steif stellte der junge Mann sich und Mutti vor, nebenbei fischte er unbemerkt einen Aschenbecher, denn ich hielt mich schon wieder an einer Fluppe fest. Ihn irritierte etwas die Tatsache, dass ich partout nichts zu verstehen schien. In feinstem Englisch, mit einer Körpersprache, die der von Louis Trenker in keinster Weise nachstand, versuchte er herauszubekommen, weshalb ich im Gegensatz, wie er es normalerweise gewöhnt war, morgens mit Rucksack aus dem hinteren Speisesaal in Richtung Rezeption bewegte.
Schließlich gelang Junior, Mutti zu beruhigen. Die alte Dame kam absolut posh daher, plauderte in ihre Muttersprache, wie ich es aus Kindheitstagen nur bei den Sprachkursen der BBC erlebte. Deshalb verstand ich fast alles.
Die Seniorchefin versuchte zum Schluss nochmals ihren Sohn zu bewegen, dass er wenigstens meinen Rucksack auf Diebesgut kontrollieren sollte. Was er mir peinlich berührt darbrachte. Ich kam seiner Aufforderung nach und begann mein knirsch gepacktes Reiseutensil vor ihm auszubreiten, schließlich verzichten sie auf die gänzliche Kontrolle.
Es schien gelaufen, da wollte die Alte wenigstens noch einen Blick in meinen Pass werfen und alles begann von vorn. Dieses kleine grüne Ding, was ich ihr in die Hand drücken wollte, lehnte sie angewidert ab, den Berliner Behelfsmäßigen Personalausweis, ihr auch vollkommen unbekannt war. Sofort brachte sie wieder die Polizei ins Spiel. Nur gut, in diesem kleinen Teil gab es ja einen Hinweis in Englisch, schließlich schienen Führerschein und Scheckkarte sie halbwegs zu überzeugen.
Beide begleiteten mich dann an die Eingangstür, wobei Mutti im Vorraum stehen blieb, mich nur mit kurzem Nicken verabschiedete, sie schien die Welt nicht mehr zu verstehen. Ihr Sohn entließ mich mit einem Händedruck, “Es war nett ihre Bekanntschaft gemacht zu haben, für die Übernachtung berechne ich heute nichts. Für die nächste Zeit sind sie uns ein willkommener Gast, aber dann melden sie sich bitte wie alle anderen Gäste an der Rezeption an! Ich wünsche ihnen einen weiteren angenehmen Aufenthalt in unserem Land.”
Die letzten beiden Tage meines Aufenthaltes im U.K. sind schnell erzählt.
Kurz kam ich noch in Konflikte mit mir, beim Anblick eines Posters. An bewusstem Tage sollte im Wembley-Stadion jene kalifornische Gruppe auftreten, die Jan & Dean so geil abkupferten und im ähnlichen Stil eigene Sachen verzapften. Dieses Problem erledigte sich aber von selbst, als ich in Soho, in einer Pizzeria mit bekam das es wieder zu schütten begann. Also, nix Beach Boys, sondern fürs letzte Geld ein Ticket nach Dover erstanden.
Wie sollte ich aber von der Insel runter, deshalb war am Fährhafen nach Calais wieder Kreativität gefordert.
In der Warteschlange guckte ich mir ein sehr junges Pärchen aus, von ihrer Rostlaube schloss ich auf eine bestimmte Lebenseinstellung, nebst Verständnis für mein Problem. Bei dem Typen setzte ich, was Menschenkenntnis anging, total aufs falsche Pferd. Es schien sich bei ihm um einen modisch gestylten Freizeithippie aus dem Bonner Raum zu handeln, außerdem auch noch Fan von ZDF-XY-Zimmermann: Man hört und liest ja so viel…
Dabei war mein Anliegen vollkommen risikofrei, allerdings mit leichtem Aufwand verbunden. Alles klappte doch noch, was ich seiner Freundin verdankte. Das Paar sollte meinen Rucksack, worin er Drogen vermutete, mit auf den Kahn nehmen, aber, wenn ich nicht kurz vor Abfahrt an Deck erschien, sie ihn mir wieder runter auf die Pier schmeißen sollten.
Nur gut, dass es sich beim englischen Königshaus um die Hannoveraner Linie und nicht die Preußische handelt. Die Genossen von der Pass- und Zollkontrolle schienen andere Sorgen zu haben, als friedliche Leute neugierig wegen ihrer Papiere zu belästigen. Aufs Schiff gelangte ich in mitten einer lustigen Meute belgischer Jugendlichen, in dem Chaos gaben die genervten Uniformträger sehr schnell ihre Versuche des Nachzählens auf.
Große Freude kam beim Chefhippie auf, als er mich endlich gewahrt, entschuldigte sich sofort wegen seiner kurz vorher geäußerten Vorbehalte: Sie wissen doch… Außerdem gibt es für solchen Fall, wie den ihrigen, Botschaften und Konsulate…
Ihn beeindruckte dann doch, dass es wirklich möglich schien, solche Institutionen nicht in Anspruch zu nehmen. Sein schlechtes Gewissen daraufhin oder sonst was, kam mir dann doch sehr gelegen. Anschließend auf See wurde ich regelrecht genötigt mir meine Wampe bis zum Abwinken, mit Köstlichkeiten aus ihrem Picknickkorb voll zuschlagen.
Einschließlich des späteren Lifts nach Aachen, empfing mich der Kontinent sehr lustig, allerdings verspürte ich keine Lust weiter zu trampen.
Deshalb rief ich vom Bahnhof aus S. an, die aus der Domstadt stammende, kleine, dickbrüstige, in Berlin stupidierende Fabrikantentochter, als politisch bewegte Langzeitstudentin vermutete ich sie zuhause, dem war auch so…
Sie organisierte sofort eine konspirative Geldübergabe. Innerhalb kürzester Zeit tauchte ein Freund von ihr auf und überreichte mir eine blaue Fliese für das Bahnticket. So rutschte ich auf einem Ritt, wieder in die eingemauerte Insel, mit allen diesen angenehmen Unterbrechungen, an Zaun und Mauer, die von mir, oft zum Entsetzen der Mitreisenden aufgelockert wurden.
Leider haben die wenigsten so abgekotz, wie ich es unaufhörlich tat…
PS.
Hatte mir besagten Termin deshalb ausgesucht, weil überall der Ginster und Rhododendron blühten. Trotz schwerer Bedenken eines Elektrikerkollegen, der vergangenes Jahr mit Kumpels eine 4wöchige Bootstour auf dem Shannon absolvierte und es fast die gesamte Zeit bärenmäßig schiffte. Sie ihre Zeit lediglich mit Saufen und Angelei verbrachten. Solch schauriges Wetter bleib mir in Irland die gesamte Zeit erspart, dies änderte sich erst in den letzten drei Tagen, als ich noch einen kurzen Abstecher nach Liverpool machen wollte…
– Ward das anschließend ein Stress, als ich mich nach acht sehr erlebnisreichen Wochen, wieder an die Maloche gewöhnen musste. Hatte ich doch auf der gesamten Insel Menschen aus allen sozialen Schichten kennen gelernt, von den Slums in Dublin bis hin zur High Society.
Alles begann gleich am ersten Tag meines Aufenthaltes mit einem Arbeitssaufen bei den Dubliners. Die Jungs hatten sich einen Kutter zugelegt und es war ein Tag Rostklopferei angesagt, zwar ohne Lohn aber saufen bis zum Abwinken…
Allein über diese wenigen Stunden hätte ich ein Buch schreiben können. Erst abends, recht trunken bereits, tolerierten alle die Tatsache, dass ich mit ihren Chauvinismus gegenüber den Briten nichts anfangen konnte.
Die nächsten drei Tage ging es mir absolut schlecht, nicht etwa von der Zecherei. Obwohl während der Arbeitszeit der Himmel total bewölkt war, hatte ich mir fast einen Sonnenstich eingefangen, den ich in den Wicklow Mountains auskurierte…
Immer wieder waren die Leute begeistert von meiner Trinkfestigkeit und ich mich traute eingängiges deutsches Liedgut vorzutragen, wozu in den Pubs die Musikanten oftmals mit einfielen. Es handelte sich dabei u.a. um: „Ein Mops kam in die Küche“, „Ein Schneider fing ´n Maus“ und „Zwei rosa Elefanten“. Oftmals holte ich auch irgendwann meine D-Dur Bluesharp hervor, dann war alles zu spät…
Regelmäßig wurden meine Sangeseinlagen natürlich mit Unmengen an Volksdrogen vergütet. Was die Sauferei betraf, war es letztlich der billigster Urlaub, den ich je im Ausland verbachtet – aber sehr ungut für meine Leber.
Als absoluter Kommunikationskatalysator stellte sich manchmal auch die Vorführung eines maskulinen Trinkerspielchens heraus, welches allerdings nicht nur in Irland zum Besten gegeben wurde. Wenn ich den Pint Bier in fast identischer Geschwindigkeit ohne zu schlucken runter stürzte, die meine Widerparts für einen doppelten Paddy benötigten…
Arthur Koestler
8ung!
Koestler schrieb in Panama keine Tigerentenpornos!
Seine Literatur ist auch vollkommen ungeeignet für linkslastige IKEA-Spießer und arrivierte Proletenableger (jene, welche fortwährend beim Arschkriechen durch Institutionen, kleben blieben) mit schlechter Kinderstube , die sich noch vor Jahrzehnten, chronisch untervögelt, bei Kapitalkursen langweilten…
Da es um die Interpretation zweier Tugenden geht, mit denen viele Aktivisten von damals, auch heute noch nichts anfangen können. Ich meine damit ganz spezielle Jungs und Mädels…
Besonders dieses Werk befasst sich mit der „Kluft zwischen Denken und Handeln – eine Anatomie menschlicher Vernunft und Unvernunft“ ! Weiterlesen
Biologische Betrachtungen
Diesen Text, des Schweizer Kabarettisten Andreas Thiel, fand ich gestern in meinem Datenmüll. Da die Schule nun bald wieder beginnt, hänge ich ihn auf meine Seite. Vielleicht ist er für manchen Anlass, einen Bio-Leistungskurs zu belegen…
Schatten entsteht durch Photosynthese. Das Chlorophyll entzieht der Luft Licht. Was bleibt, ist Schatten. Mein Wellensittich ist grün. Wenn ich ihn an die Sonne stelle, wirft er sofort einen Schatten, was beweist, dass er Photosynthese betreibt. Dass seine Mutter ein weißer und sein Vater ein blauer Wellensittich war, erstaunt nur auf den ersten Blick. Die weiße Mutter nimmt alle Farben des Lichts auf, also zum Beispiel auch gelb, was mit dem blauen Vater grün gibt. Das lässt sich nicht auf alle Tiere anwenden; zum Beispiel ist die Blaubeere rot, wenn sie grün ist. Weiterlesen
DER FASSADENKLETTERER – Herbst ’75
Damals, Ende 1975, beäugte im Lager oder Rot-Kreuz-Heim jeder den anderen sehr misstrauisch. Noch dazu, wenn Leute auf Bude lagen, die weder in den ersten Tagen zu den Geheimdiensten mussten, außerdem keine Anträge auf Knete nach Häftlingshilfegesetz stellten. Nun wollte keiner ewig Schubladen öffnen und schließen, aber die Gerüchteküche brodelte permanent.
Am Hohenzollerndamm lag ich mit zwei solchen Leuten auf Bude. Sehr merkwürdig erschien mir Harald, der außer den Piepen, je 50 Westmark, die es von SPD, CDU und den “Liberalen” gab, nirgends Quellen anzapfte, lief aber immer in bestem Zwirn umher. Dann tauchte er mal mittags, schimpfend wie ein Rohrspatz im Zimmer auf, denn eine saublöde Verkäuferin besaß doch die Frechheit ihm zwei linke Schlappen zu verkaufen. Sein Nachbar ließ nur cool ab: “Den rechten Schuh hättest du einfach nur im Laden klaufen sollen!”
Mann brüllte Harald los: “Gerade du Idiot willst mir etwas unterstellen. Dich beobachte ich schon geraume Zeit. Musst ein merkwürdiger Vogel sein, alle erzählen, du hast noch keinen HHG-Antrag (HHG-Antrag – Antrag auf finanzielle Unterstützung nach Häftlings Hilfe Gesetz) gestellt, und dies machen bekanntlich nur Knackis …” Wumms, und schon wälzte sich jemand blutend am Boden.
Dem Boxer tat auch ich mit meinen Vermutungen unrecht, der Mann war ganz harmlos, aber schwer gehandicapt als Analphabet, was er mir kurz darauf beichtete.
Obwohl jeder im DRK-Heim acht Wochen mietfrei wohnen konnte, zog Harald sehr schnell aus.
Monate später kommt Felix, mit dem ich damals zusammen höhlte, aufgeregt eine BZ wedelnd von Arbeit. Auf dem Titelbild prangte – uns Harald – und in der Headline: “Endlich! Der Fassadenkletterer gefasst!”
Natürlich geflunkert diese Aussage, denn Ordnungshüter lasen ihn schwer verletzt auf und ab ging es in eine Spezialklinik. Ärzte flickten ihn zwar wieder zusammen, aber unten herum blieb er unlustig, wegen irreparabler Schäden an der Wirbelsäule.
Haralds Revier bestand aus den südöstlichen Stadtbezirken. Er stieg bei seinen Raubzügen immer durch geöffnete Fenster des ersten und zweiten Stocks ein. An jenem Abend, als er sich nach Gottes Fügung selbst richtete, geschah folgendes: Im ersten Stock, glitt er rückwärts, auf dem Sims in Richtung eines geöffneten Fensters. In luftiger Höhe, endlich vor dem ersehnten Eingang, sah er sich beim schwungvollen rein jumpen, einem bejahrten Sportsmann gegenüber. Jener schien an frischer Luft, halbnackt im dunklen Zimmer, seine Morgengymnastik nachzuholen. Im Angesicht des Einbrechers schrie unser Sportsmann kurz auf und verschied augenblicklich an Herzversagen, wie Ärzte später feststellten.
Harald darob so erschrocken, schmierte rückwärts ab und brach sich dabei seine wichtigste Gräte.
– Wat soll ick dazu saren.
Mir fällt dazu nur eine alte Pilotenweisheit ein – Fliegen heißt landen.
aRM, sEXY uND vERSCHISSEN – bÄRLIN
EINE SCHEISSWETTE – Sommer ’77
Betagte Berliner kann man in der ganzen Welt daran erkennen, dass sie bei irgendwelchen Motorengeräusche über sich, ruckartig nach oben schauen, weil schlagartig Kindheitserinnerungen aufblitzen – die an abgeworfene Kaugummis der Rosinenbomber. Dieses Phänomen ging in Fachkreisen, als das so genannte Blockade-Syndrom ein. Der jüngere, oder Neuberliner, ist überall an seinem gesenkten Haupt und einem merkwürdig tänzelnden Schritt als solcher auszumachen. Nicht etwa, weil er depressiver daherkommt als andere Zeitgenossen, nein, weiß Gott nicht. Schuld daran, ist einzig die überall auf den Fußwegen, in unterschiedlichster Konsistenz anzutreffende Hundescheiße seiner Heimatstadt. Manchmal dünn, dafür nicht so hoch, aber sehr breit, in kleinen oder mächtigen Haufen. Vereinzelt allerdings in derlei Ausmaßen, dass ich schon manchmal die Vermutung hegte, dort habe sich gerade ein Dino vollständig entleert. Hübsch anzusehen sind die platt gefahrenen Häufchen mit den unterschiedlichsten Mustern von Fahrradreifen oder Schuhprofilen. Es gelang mir im alten Jahrtausend, vor meiner Stammkneipe, als gerade die Kastanien blühten, ein besonders schön aussehendes Exemplar vor die Linse zu bekommen. Auch so ein Dinoschiss, kunstvoll platziert, wie frisch gepresst aus dem Sahnebeutel eines Konditormeisters, besetzt mit rotweißen Blütenkelchen, sah der Haufen aus wie die Krone einer Sachertorte. – Erinnern möchte ich hier noch an einen künstlerisch veranlagten Typ. In den achtziger Jahren markierte er auf dem sehr breiten Gehsteig vor dem Schloss Charlottenburg Hundescheißhaufen. Im jungfräulichen Schnee umrahmte der Popartist mit roter Farbe aus einer Spraydose ringförmig die Verewigungen der lieben Vierbeiner und setzte, wie es sonst nur Bergsteiger zu tun pflegten, auf den Top kleine Fähnchen, die an sich der Gourmet nur zweckentfremdet in Käsehäppchen gepiekst vorfindet. Keines seiner Objekte landete gefroren in einer Galerie. Im Gegenteil, da es sich bei der Farbe um Kunstharzlack handelte, gab es wegen Umweltverschmutzung ein paar Hundert Mark Strafe… Hier höre ich auf, sonst sagen mir psychologisch vorbelastete Leute noch Tölenscheißhaufenfetischismus nach, allerdings komme ich letztendlich in der folgenden Schilderung nicht an diesem Scheißthema vorbei. Bevor diese unsäglich bigotte Troika von Häuptling Silberlocke*(Richard von Weizsäcker, Regierender Bürgermeister), Lummi*(Heinrich Lummer, Innensenator) und Renata Granata*(Hanna Renata Laurien, Schulsenatorin), Anfang der Achtziger, in Berlin das Sagen bekam, gab es so etwas wie eine ungeschriebene Legalisierung von Shit. Bei einer Razzia mit einer Menge für den Eigenbedarf hochgezogen, wurde das Zeug zwar beschlagnahmt, und es gab in der Regel ein geringes Bußgeld, sonst passierte aber nichts weiter. In der warmen Jahreszeit begab sich unser Rudel deshalb öfter in Lorettas Garten, an der Lietzenburger und dort zogen wir dann Shutgunmäßig unsere Pfeifchen und Hörnchen durch. Eines Tages ging dort alles auf Kosten von Rocky, einem Photographen aus San Francisco, der monatelang Berlinerisches für einen Bildband schoss. Ausgerüstet mit Cash seines Verlages hielt er uns an besagtem Tag mit Zech und Kiff frei. Auf dem Rückweg in Richtung Zillemarkt gab Achim am Ku-damm, Ecke Bleibtreustrasse noch eine Geschichte zum Besten, die wir beide etliche Wochen vorher, an jener Stelle erlebten. Gegenüber von “Sedlatzeck” befand sich damals eine Restaurant, wo Sommers, auch Rattantische und Gestühl draußen standen. Noch auf dem Mittelstreifen vom größten Touri-Boulevard erblickten wir mehrere schnieke Typen, die dort vor einem Tisch standen, auf einen Sitzenden laut auf Italienisch einschrieen und wie wild gestikulierten. Kurz vor der Kneipe plötzlich sehr lautes Röcheln, und alle der eben noch dort anwesenden spritzten, bis auf einen, nach verschiedenen Richtungen auseinander. Dann sahen wir genau vor uns die Bescherung. Da lag ein ziemlich Dicker, ganz in weiß gekleidet, relativ bequem auf einem dieser Rattansessel und rutsche zuckend langsam zu Boden. Stoned, war er schon ein sehr merkwürdiger Anblick und anfangs sogar noch lustig. Die weit geöffneten Augen, aus einem Mundwinkel sickerte ein rotes Rinnsal, seine Hände auf dem fetten Bauch gefaltet und zwischen den Daumen ein Messergriff. Die Klinge stak bis zum Anschlag in der Wampe, alles umrahmt von einem sich schnell vergrößernden Blutfleck. Noch während des Gedankens, dass dieses Rot in dem grellen Licht auf den weißen Klamotten scharf aussah, kam es mir gleichzeitig: Der Typ wird krepieren, so wie das Blut aus seinem Wanst quillt. Zu Helfen ist dem nicht mehr! Aus meinen Betrachtungen rissen mich mehrere Leute, die kreischend die Straßenseite wechselten, dann kam, nach einem nochmaligen Zucken des ganzen Körpers die Entspannung. Seine starren, glasigen Augen erinnerten an die einer Kuh. Ich war nah daran zu kotzen, als von Achim kam, “Alter, wenn du jetzt das Gleiche denken solltest wie ich, dann lass uns ruckartig hier abhauen, denn der ist sicher von keinem Taschendieb perforiert worden!” Also, Kopf runter und weg. Ein paar hundert Meter weiter hörten wir hinter uns schon “Lalü, lala”. Der Nachmittag schien gelaufen, eben noch vom Lachtürken gepeinigt, nun dieses Erlebnis. ” Mann, Leute, müsst ihr jetzt diesen Scheiß ablassen!” “Ihr seid perverse Säcke!” “Shut up boys! Der schaffen sollte, zu die Kneipe auf seine Händen davonlaufen, well, der kann den ganzen Abend von meine Geld tanken!” Dies hieß, eine Distanz von rund 200 Metern überwinden, von der Ecke Hurfürstendamm bis zum Zillemarkt. Außer Rocky, der seine Kamera zückte, versuchten jetzt alle erst mal an der Hausmauer in die Lotrechte zu kommen. Von uns fünf Leuten schaffte niemand auch nur annähernd mehrere Meter, obwohl jeder behauptete, schon mal weiter gelaufen zu sein. Allerdings war man da jünger und nicht bekifft. Ich muss sagen, allein das Erlebnis, kopfüber an der Wand zu verharren und aus dieser Perspektive die Vorübereilenden zu beobachten, hatte auch was für sich. Bald ging nichts mehr, schließlich benötigte jeder seine Hände, um sich wegen der heillosen Lacherei den Bauch zu halten. Schließlich schlug der Photograf eine erleichterte Variante vor. Zwei sollten die Arme seitlich ausstrecken und ihre Hände jeweils auf die Schulter des anderen legen, so dass eine Brücke entstand, der Läufer dabei seine Beine an diesen Anschlag lehnen. Bobby war der einzige, der dies noch versuchte, schaffte es aber nur bis kurz vor die Mommsenstraße. Dann kam von Rocky die allerletzte Chance, um ihm ein paar Bier abzuzwacken. Das letzte Stück musste jemand per Schubkarre zurücklegen. Achim war bereit, es mit mir zu versuchen. Er krallte seine Hände seitlich in meine Hosenbeine der Jeans und ab gings. Ich tapste los, dabei allerdings meinen Kopf nach hinten gerichtet. Schier in dem Augenblick, als wir den richtigen Rhythmus fanden, glitschte ich mit der rechten Hand aus. “Halt Mann! S c h e i ß e! Schaut euch den Mist an!” Ich voll mit der Flosse in einem sehr weichen Dinoschiss, wobei die zwischen den Gliedern durchgepresste Masse des Haufens, sich über den Fingern rasant wieder schloss. Achim versuchte als erster, nach meiner Hand zu schauen. Aber als ich sie in Richtung der Meute nach hinten hielt, ließ er kreischend beide Hufen los und die Zehen knallten auf den Gehsteig, was mich sofort veranlasste vor Schmerzen langzulegen. Zu unserer Gruppe gesellten sich jede Menge Leute, die lachend saudämliche Tipps gaben, wie diesem leicht cremig, infernalisch stinkenden Dünnschiss beizukommen sei. Dabei wurde mir mal wieder klar, welch Wunderwerk der Technik so eine Hand darstellte. Nachdem ich kniend, auf einer Strecke von vielleicht zwei Metern, mit den unmöglichsten Verrenkungen der einzelnen Finger an der Kannte des Bordsteins und der Borke vom nächststehenden Baum die Grobreinigung erledigte. Meine Kumpels, alles Kameradenschweine, waren nicht bereit, mir ein Stück Serviette, welches sich ganz unten zerknüllt in meiner rechten Arschtasche befand, rauszufischen. Im nächsten Papierkorb fand ich einige Fetzen Papier für den nächsten Reinigungsvorgang. Allerdings kam mir das Gefühl, je mehr ich rieb, umso standhafter hingen die feinen Reste in den Poren. Nun blieb nichts anderes übrig, als die Hand weit von mir zu spreizen und sofort in der Kneipe die Toilette aufzusuchen. In der Pinte wusste bereits jeder, was mir widerfahren war. Nach einer flehendlichen Bitte erhielt ich vom Zapfer alle möglichen Reinigungsmittel. Meine Pfote, anschließend zwar rein äußerlich sauber, stank nun noch schlimmer. Der Geruch, den es zu entfernen galt, schlug auch nach mehreren Waschversuchen immer wieder durch. Nun beschloss ich die Kantgaragen aufzusuchen, um mich nach etwas lösmittelhaltigem Zeug umzuschauen. Vor dem Tresen rief mir der Zapfer zu, “los Alter fang!”, im Flug kaschte ich ein Tütchen, “Wenn das nicht hilft, diese kleinen rosa Lutschsteinchen vom Pissbecken, dann bekommst du den Gestank auch mit Benzin nicht weg!” Cognac gab mir noch ein Küchenmesser und den Ratschlag, damit im Waschbecken einen Stein zu zerschaben. Was ich auch tat und mit Erfolg gekrönt wurde, zwar mit leichten Hudeleien verbunden, denn die Hände und Unterarme begannen sich schmerzhaft zu röten, außerdem stanken sie nun infernalisch nach Industrieparfüm. Deshalb konnte ich an diesem Abend auch nicht mehr rauchen. Am nächsten Nachmittag musste ich zum alten Schlockermann. Der wollte sofort einen Allergietest veranstalten, wozu ich aber keine Lust verspürte. Also erzählte ich dem Doc wahrheitsgemäß den Hergang. Aus seinem Fundus erhielt ich eine Salbe und für mehrere Tage einen gelben Urlaubsschein. Versuche, mich auf den Händen fortzubewegen, habe ich natürlich aufgegeben.
Vorgestern, Thema: Mauer – Nachtrag (II) – DEUTSCHUNTERRICHT – Herbst ’88
Jörg und Stefan, einer Maler, der andere Bildhauer aus der fränkischen Lebkuchenstadt, baten mich im Herbst ´88 eine Sight-seeing Tour betreffs Mauermalereien zu veranstalten. In ihrem Gefolge befand sich Robbi, ein Kollege aus Schottland.
Nichts Leichteres als dies, dachte ich mir so, aber der Künstler aus dem Vereinigten Königreich wollte ganz bestimmte Motive am Beton sehen und ablichten, alle sollten irgendwie eine politische Aussage haben.
Was ich nicht so richtig verstehen wollte, denn die Mauer als solche war doch schon ein Politikum und schließlich konnte sich jeder, wenn er nicht Obacht gab, immer wieder seine Birne an ihr einrennen. Schließlich waren rund 40 Kilometer Berliner Innenstadtgrenze aus Stahlbetonteilen.
Im Gegensatz zu der politisch westlichen Mauerseite, die immer schön bunt aussah, egal von welcher Himmelsrichtung man sie geographisch betrachtete, wurde die Rückwand in Richtung des Schlaraffenlandes der Arbeiter und Bauern in schlichtem Grau gehalten.
Wovon ich mich früher überzeugen konnte, sogar ganz nah, nur vom Stacheldraht auf Abstand gehalten. Einmal, als ich 1964 der Rolling Stones harrte, die auf dem Springerhochhaus konzertieren sollten (anlässlich des Deutschlandtreffens der FDJ), das andere Mal, einige Jahre später, fast am gleichen Ort, nahe der Stelle, wo man des verblichenen Genossen Reinhold Huhn gedachte. Nein, es ist nicht ganz korrekt, denn den Hinkelstein oder die Tafel für Reini habe ich nie zu Gesicht bekommen. Dies hatte folgende Bewandtnis: Als mein Freund Jimi und ich, uns im Sommer ´70 in besagte Richtung begaben, beide langhaarig, bärtig, bekleidet mit Parka, Jeans und Jesuslatschen, ließen uns Zivis an der Leipziger Straße nach einer ausgiebigen Ausweiskontrolle noch passieren.
Aber kurz vor unserem Ziel wurden die beiden nächsten Genossen richtig schnurrig, als auf ihre Frage, was wir hier suchten, als Antwort kam, dass uns nur die Stelle interessierte, an der Hühnchen von bewaffneten Schergen, im Auftrag der CIA gemeuchelt wurde.
„So sehen sie schon aus! Wenn sie nicht augenblicklich von hier verschwinden, sorgen wir dafür, dass sie dieses Wochenende sehr beengt in Berlin verbringen werden!”
Wir trollten uns in Richtung Brandenburger Tor und trafen dort auf eine Gruppe junger Wessi-Mädels, die auf Bänken Unter den Linden hockten und eifrig Ansichtskarten schrieben, die teilweise aus dem anderen Teil Berlins stammten.
In wenigen Minuten zerbrach deren Hintertupfinger Weltbild, nachdem wir mit Hilfe unserer Ausweise belegten, dass sie Zonis vor sich sahen. Sofort erklärten sie sich bereit, Jimi und mir eine kleine Bitte zu erfüllen.
Auf einer abgeluchsten Ansichtskarte schrieben wir einen ganz und gar unverfänglichen längeren Gruß an unseren Kumpel Ali in Sangerhausen. Die Karte sollte dann in Westberlin frankiert und abgeschickt werden, was auch geschah. Nun hatten wir beiden noch zwei Wochen Urlaub, während der wir uns an der Ostsee rum trieben.
So viele dumme Gesichter habe ich auch später nicht noch einmal zu Gesicht bekommen, als wir nach 14 Tagen wieder auftauchten.
– Nebenbei möchte ich noch auf einen kleinen Gegensatz zum Westen aufmerksam machen. Der Bundi als solcher kannte nur diese gewöhnlichen Freudenfeste, wenn Besuch auftauchte. Während meiner Zeit als Zonenhippie habe ich an so mancher Orgie teilgenommen – Feten, gemischt aus Freude, Trauer und Wut, wenn es wieder einem Freund gelungen war, durch den Zaun auf die andere Seite zu gelangen…
Nur am Potsdamer Platz, nach Osten hin, auf einer riesigen Grünfläche war es anders. Im so genannten Niemandsland auf gepflegtem Rasen, da herrschte reges Kleintierleben. Massen an Vögeln menschelten da herum, auch Hasen.
Nur die Hunde des Grenzkommandos schienen es nicht ganz so passabel zu gehen. Obwohl sie, so nah am Klassenfeind, an wesentlich längeren Leinen gehalten wurden als der gemeine Ossi etwas weiter hinten.
Ansonsten sah es hinter der Mauer schon recht trostlos aus, obwohl die Grenzer sich immer sehr viel Mühe gaben, den herbizidhaltigen Boden sehr korrekt zu eggen. Wovon sich jeder Politspanner immer wieder überzeugen konnte, wenn er einen dieser vielen hölzernen Aussichtsplattformen erklomm, allerdings in den Coca-Cola-Sektoren.
Einen großen Nachteil haftete diesem, mit bäuerlicher Akribie bewirtschafteten Streifen Land auf dem Boden unsrer Deutschn Demokatschen Replik an, denn zum Schutz seiner Einwohner flogen dort öfters dicht und sehr tief kleine Bleiteilchen mit einer großen VO umher.
Aber die Westberliner brauchten keine Angst zu haben, schließlich stand die Betonwand zu Ihrer Sicherheit da, wenn sie auf der anderen Seite Hasenjagden auf Zweibeiner abhielten.
Bedenklich fand ich nur die mehrfachen Auftritte dieses rüstigen Pensionärs aus Amiland, der mit einem Vorschlaghammer versuchte, unseren schönen Schutzwall zu deformieren.
Gott sei Dank sah er durch ostdeutsche Hilfe schon bald sein schändliches Treiben ein oder er vermisste während seiner kurzen Knastaufenthalte Wopper und Cola.
War mir alles aber auch Scheißegal.
Bei allem politischen Masochismus, der nicht nur mir anhaftete, nämlich nach dem Freikauf in Westberlin zu leben, gewann ich der Mauer auch etwas Gutes ab. Lebte ich doch in der Gewissheit, dass sie mir für den Rest meines Lebens jene Leute vom Hals hielt, die mir schon seit Kindheitstagen auf meine Steine gingen und wegen denen ich abgehauen bin.
Ich wollte aber nicht nur wegen der politischen Verhältnisse weg, die mich schon seit meiner Kindheit im Teilelternhaus ankotzten. Schlimmer gestaltete sich im Laufe der Zeit die Tatsache, dass sich immer mehr alte Freunde in Nischen zurückzogen. Schließlich einen Kompromiss an den anderen reihten, wie auf einer Perlenkette und letztendlich oft, wie bei ihren Alten erfahren, alles nur dann noch bunt sahen, wenn sie sich mit der flüssigen Volksdroge bis über den Hals zuknallten.
Eins muss ich über den innerdeutschen Zaun im Allgemeinen noch ablassen.
Ich empfand immer wieder, wenn ich der Grenze im Harz ansichtig wurde, dass sie wie eine breite Narbe durch das Grün schlängelte, was mir bis zu meinem 12ten Lebensjahr schnuppe war. Hingegen hatte die Berliner Grenze schon zu meinen Grundschulzeiten immer einen anderen Stellenwert, denn nie konnte ich ihr etwas als Antifaschistischen Schutzwall abgewinnen, sie war für mich bis zum Schluss das, was sie im ureigenen Sinn darstellte – einfach eine Mauer!
Mir graut bei dem Gedanken, wenn ich so zurückdenke an die Tage, die insgesamt zusammenkämen, als noch ewig irgendwelche Flachzagen, die es alle nur gut mit mir meinten, versuchten, mich von meinem falschen Weg der politischen Betrachtungsweise abzubringen, allen voran die Mutter meiner Schwester. Brrrr….
Freilich war meine Ausdrucksweise in den letzten 25 Jahren nicht mehr ganz korrekt. Denn seit dieser Zeit bestand die Mauer schon lange aus riesigen, Betongegossenen Stellwänden, die sich beliebig mit Kränen versetzen ließen. Zudem immer ausgeklügelter gestylt, sodass Fluchtversuche immer schwieriger wurden.
Meinen farbigen Schutzschild wollte nun ein friedlich in den Highlands aufgewachsener junger Mensch unter politischen Aspekten betrachten, warum nicht. Der eigentliche Grund seines Aufenthaltes in Berlin war jener, dass er ein Stipendium ergattert hatte, um am Goethe-Institut Deutsch zu lernen – und dann geriet dieser arme Kerl durch Zufall ausgerechnet an mich.
Mit Fotos machen war an diesem Nachmittag auch nichts, da es sehr schnell dunkel wurde, und teilweise wie aus Eimern zu schütten begann. Alle hart im Nehmen, gings zuerst Richtung SO 36 zum Betanien-Damm. Immer mal wieder rein in die Karre, wieder ran an die Mauer, über die Koch- und von der Wilhelmstraße dann per pedes zum Potsdamer Platz.
Schon zu Beginn der Tour registrierte unser ausländischer Gast zwischendurch immer wieder einzelne Hakenkreuze und SS-Runen. Mir sind sie die ganzen Jahre nie so richtig bewusst geworden, sicher so ´n allgemeine Betriebsblindheit, die sich schleichend breit macht, außerdem gab es ja sehr häufig Tapetenwechsel am Beton.
Einmal darauf aufmerksam gemacht, gaben wir alle Obacht auf diese Zeichen, sie traten manchmal gehäufter, oft gar nicht auf. Trotzdem bestand unser Freund auf eine Begründung, wieso anscheinend niemand Interesse bekundete, sie zu beseitigen. Mit meiner Erklärung, dass die ersten Meter vor der Mauer schon zum Osten gehörten, ergo alle Wallpainter Grenzverletzer seien, konnte er nichts anfangen.
Außerdem haben es die Grepos jahrelang drauf gehabt, alle paar Monate den Beton auf der Westseite zu weißeln. Was innerhalb kürzester Zeit zu einer andersartigen Bemalung führte. Ab den Achtzigern waren die uniformierten Fassaden-Picassos nicht mehr so emsig mit dem Pinseln zur Hand. Meine Vermutung lief darauf hinaus, wegen der anstehenden 750-Jahrfeier Berlins schien die Farbe knapp zu werden.
Eine mich sehr beeindruckende Aufschrift verzapften Leute in den Achtzigern, nach einer östlichen Rekonstruktionsmaßnahme. Allerdings musste für diese Aktion der Landwehrkanal im südöstlichen K-Berg in Richtung Treptow überquert werden, um auf die Ostseite zu gelangen. An den nun dreispurigen Autobahnteilen, gleich am anderen Kanalufer, konnte man kurz vor einer Berliner Wahl, in ca. 2 Meter hoher schwarzer Schrift, auf grellem Weiß, kilometerweit lesen:
HARALD JUHNKE FOR PRESIDENT !
Schade, dass es mit Uns-Harald damals nicht klappte – wäre ja auch gewesen, wie leere Pfandflaschen vor die Säue schmeißen.
Jedenfalls entwickelte sich unter uns eine Diskussion, die sich vom Ansatz her als sehr schwierig herausstellte, denn Robbi bestand darauf, dass wir sie in Deutsch führten. Es fing mit dem Urschleim an – dem Demokratieverständnis! Was bekanntlich, die in UK gepachtet haben, seit man in grauer Vorzeit Anleihen aus dem alten Griechenland nahm. Auf meinen Einwand, dass sich die Situation immer noch irgendwie ähnelt, früher Sklavenhalterstaat, heute nur alles etwas menschlicher verschoben, ging der Gentleman nicht ein. Trotzdem erinnerten ihn die vielfältigen politischen Wall-Interpretationen an Speakers Corner in Hyde Park – bei so viel Demokratie stieg ich aus!
Zog ein Hörnchen ein und fand anschließend das Lauschen mehr als lustig, was auch daran lag, dass sich die meisten bildenden Künstler sowieso in meiner Schublade der extremen Mitte tummelten, dem liberalen sowohl-als-auch. Nur bei Jörg gestaltete sich alles etwas anders, denn er war schon seit Jahren als Nichtgenosse, gut dotierter Hofmaler der Nürnberger SPD und fing nun an, sich zu e´chauffieren. Nach geraumer Zeit einigten sich die drei darauf, dass Mauermalerei schon so etwas, wie demokratische Ausdrucksweise sei. SS-Runen, Hakenkreuze und anderer rechter Scheiß, nur Randerscheinungen darstellten!
Also wurde dem Schotten klargemacht, was unter Randerscheinungen zu verstehen sei!
Allerdings ist das deutsche Demokratieverständnis absolut nicht auf Great Britain zu übertragen, denn Bob brachte immer wieder alles durcheinander. Selbstredend lernte er auf unserer Tour das Wort Randerscheinungen akzentfrei auszusprechen. Schließlich fand er ja auch hinreichend Anlässe, dieses Wort zu üben…
Schließlich trieb es unser Gast auf die Spitze. Als er einfließen ließ, wenn man in Berlin eingemauert sei und ringsherum diese Randerscheinungen finden konnte, müsste man eigentlich einen ganz anderen Begriff dafür benutzen und er wüsste einen…
Darauf wurde nicht mehr eingegangen, außerdem hatte er ja eine beliebte deutsche Vokabel perfekt gelernt.
Total durchgefroren ging es zum Auto zurück und ich sollte mir eine typische Berliner Pinte zum Aufwärmen einfallen lassen. Von Robbi kam eine wage Beschreibung einer solchen Institution, offensichtlich meinte er Leydicke in der Mansteinstraße, also dorthin.
Da es draußen Mistgabeln schiffte, sprangen wir gleichzeitig in die fast leere Kneipe. Während der Orientierungsphase fing ich an, meine angelaufene Brille trocken zu reiben, noch nicht fertig damit, setzte ich sie aber gleich wieder auf. Denn wir bekamen mit, dass vom Stammtisch, der vor dem 5 bis 8 Meter entfernten Tresen stand, ein Typ aufgesprungen war, der uns in schwankendem Stechschritt entgegentorkelte.
Dabei riss er beim Schritt mit dem rechten Bein gleichzeitig seinen Arm mit hoch und brüllte rhythmisch, „Sieg Heil, Sieg Heil!”
Kurz vor uns drehte er zackig bei, um ebenso retour zu marschieren. Seine beiden Kumpane konnten sich nicht einholen, klopften auf ihre Schenkel, während ihnen vor Lachen Tränen in die Augen schossen, vermutlich wegen unserer verdutzten Gesichter.
Im selben Moment packte der Zapfer den Typen am Schlafittchen und bugsierte ihn raus.
„…Wat soll denn der Scheiß… icke wollte doch nur een Spaß machen… lass mir doch los…”
„Solche Späße kannst du sonst wo veranstalten, aber nicht hier! Solche Gäste habe ich gerne, schon besoffen hier auftauchen und dann so etwas… Ich will dich hier nie wieder sehen!”
Seine Kumpels ergriffen Partei für ihn und fingen an zu maulen. Was den Zapfer aber nur zu der Bemerkung veranlasste: „Entweder, ihr haltet eure Klappe oder ihr verschwindet auch!”
Der weitere Drang nach Alk siegte über den Anflug von Solidarität, schmollend nahmen die Stammtischzecher wieder Platz.
Dies alles ging in einer rasanten Geschwindigkeit vonstatten.
Noch während wir uns erstaunt genseitig anschauten, kam von Robbi…
„Ihr braucht nicht sprechen!
Ich verstehe!
R a n d e r s c h e i n u n g !”
Hier höre ich auf!
Denn was an unserem Tisch anschließend abging, wäre eine andere Geschichte.
Wobei man sich sicher denken kann, wie sie ausging.
Allein die Tatsache, dass sich ein extremer SPD-Sympatisant seinen Anteil am Klassenkampf in Schecks vergüten lässt, ist die eine Seite.
Seine Meinung, dass sich das mit den Rechten schon totlaufen würde, die andere!
Aber diese Ansicht gab es nicht nur bei den Sozis schon mal…



