„Etwas ganz furchtbares geschah heute im Herzen* von Berlin…“

Nichts ahnend schaltete ich gegen halb 10 die Glotze an, auf rbb lief der Rest eines älteren Tatort-Schmarrens mit Axel Prahl. Plötzlich schnurrte ein rotes Infoband am unteren Rand entlang, für mich unlesbar, weil wir so ein griesiges Bild haben. Nach wenigen Minuten wiederholte sich alles, stand schließlich auf und entdeckte dort eine Panikmeldung mit Quotenstatistik: 9 Tote und 50 Verletzte. Immer schön eins nach dem anderen, die Toten laufen nicht mehr weg, außerdem war alles in sicherer Entfernung abgelaufen.
Ging anschließend in die Küche zum Rauchen.
Wieder vor dem Verblödungsmöbel mit den beweglichen Bildern, begann ich von von der 1 – ARD, über ZDF, rbb, 3SAT, Arte, N24, phoenix nach n-tv durchzuzappen. Von den acht Stationen hatte sich, außer 3SAT und Arte, sechs auf das Quotenereignis eingeschossen. Auf rbb war Katastrophen-Heinz, Herr Zelle richtig traurig, dass er lediglich in seine Kommunikationsprothese plappern konnte.Wie der Mann singt, so informativ empfinde ich oft seine Berichte vor Ort.
Sämtliche Fernsehstationen spielten natürlich mit teilweise chaotischen Hin-und-her-Liveschaltungen. Irgendwo ließ die Moderatorin sogar entscheidende Fakten ab, bei dem Tatfahrzeug handelte es sich um einen großen schwarzen Lkw. Etwa ein 30 oder 40-Tonner, neun Toten(?) und 50 Verletzten(?) vielleicht nur ein Pik-up?
Hastete schließlich wenige Minuten auf allen Desinformationskanälen herum. Irgendwann blieb ich bei einer Schmonzette mit Kirk Dougles hängen, schaltete aber dann und wann immer mal wieder kurz auf einen der Sender mit ihren dauerhaften Quotenfrontberichten, alle sielten sich immer noch im Dunstkreis hohler Spekulationen. Zwischendurch Einblendungen mit wichtigtuerischen Berufszeugen, „ich bin Zeuge, um was geht es hier?“
Was mich wunderte – keine Werbeeinblendungen mittendrin und dies zu jenem Anlass, wo sich garantiert massenhaft sonstige Live-Gaffer vor ihren HDTV-Heimkinos einen runter holten…
Weiß nicht mehr wo, aber auf irgendeinem Sender plötzlich UNSER Oberdorfschulze, der war natürlich bestürzt, entsetzt, fassungslos, konsterniert oder sonst was, glaube er benutzte einführend die abgedroschene Betroffenheitsfloskel: bestürzt. Dabei dachte ich immer, auf selbige Vokabel haben die Medien ein Copyright, weil sie mehr angewendet wird, wenn sich Politiker irgendwo im endlosen Cocktail-Smalltalk z.B. über Aleppo plauschend ergehen.
Das mit der Beleuchtung müssen die Fernsehmacher aber noch in den Griff kriegen, Genosse Müller ward so merkwürdig lichtdurchtränkt, dass er mich während seines getragenen Parlierens an einen Breitmaulfrosch erinnerte. Sein Innensenator konnte einem richtig leid tun, dem sah man an, dass er von irgendwo angekarrt wurde und schien deshalb noch nicht korrekt Herr seiner Sinne zu sein – auch wegen der fehlenden Betroffenheitsmimik…
Dafür war auf dem Kanal der Einäugigen ihr Haus-Terrorismus-Eksperte bereits voll in seinem Element. Elmar Theveßen find‘ ich gut! Weil der feine Zwirn seines kleinbürgerlichen Outfit’s so gar nicht zu den teilweise recht merkwürdigen Ausführungen passen will. Allerdings wird er bestimmt total gut bei alten Semestern in Seniorenschließfächern ankommen. Mich erinnert der Herr eher an einen Tanzlehrer oder den Privatdozenten einer Anstandsschule für arrivierte Proletenableger mit schlechter Kinderstube, denn eines solchen ganz wichtigen Ekspertens…
Kurz vor der Geisterstunde wollten wir einen Glimmer einziehen, dabei schaltete die Scheffin den Radio ein und sofort wieder aus. Auf 88,8 ertönte kurz eine jugendliche aber verstörte Frauenstimmen (Hat sie sicher vorher auf dem Lokus geübt.): Etwas ganz furchtbares geschah heute im Herzen von Berlin…
Konnte es nicht lassen und schaltete dann ganz gegen meine Art nochmals die Glotze an, auf zwei Kanälen wurde bereits im Konjunktiv geplaudert, was man in der Perspektive tun müsste und könnte. Poller einbetonieren, Mauern hochziehen, mehr sichtbar bewaffnete Streifen patrouillieren lassen, bla, bla, bla.
Hundert pro war sich aber noch keine der widerlichen Plappertaschen vor Ort sicher, dass es sich nun um einen Anschlag handelte.
Mir kam die Vermutung, als ob sämtliche Medienfuzzis wohl gerne einen terroristischen Event vermeldet hätten…

*Nebenbei ein Frage! Weiß heute überhaupt noch jemand wer Rudolf Breitscheid war, dessen Namen jener Platz trägt?

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