Archiv für den Tag: 27. September 2010

De mortuis nihil nisi bene – Neudeutsch: Say nothing but good of the dead.

Samstag widerfuhr mir etwas sehr merkwürdiges.
Sabine tat kund, dass bei einem Freund von ihr und einem alten Bekannter von mir, nach längerem Leiden, recht qualvoll das Lebenslicht erloschen ward.
Keine 20 Minuten später erhielt ich einen gleichlautenden Anruf aus der kalten Heimat – dass im fernen Wessiland ein Sandkastengefährte nun auch nicht mehr einkaufen geht.

Oft war ich der Meinung, dass sich Ali unter seinem Wert verkaufte. Auf der anderen Seite, wenn er auch zu einem gesellschaftlichen Verweigerer mutiert wäre, wie ich seit meiner Kindheit, hätte er auf seine Art niemals dieses farbige Leben führen können, wie er es zeitweise tat. Deshalb warnte ihn Mutti auch immer vor mir: „Mit diesem Ladjer will ich dich nie sehen!“
Oft war es die ewige Angst fremder Leute vor mir, da viele annahmen, dass ich vielleicht bei der Mutter meiner Schwester über sie plaudern würde. So etwas fiel mir noch nicht mal im Traum ein. Was meine privaten Auseinandersetzungen mit der Umwelt angingen, galt ich bei ihr als äußerst verstockt. Dies begann schon in der Grundschule, nachdem ich eine widerliche Praktikantin auf dem Schulhof zusammenfaltete. Meine Erzeugerin trat daraufhin sofort vom Amt der Vorsitzenden des Elternbeirates zurück. Kurz darauf dehnte ich diese Eigenart des kompromisslosen Negierens gewisser Lebensformen und dem oft erfolglosen dagegen ankämpfen, fast masochistisch aus. Was anfangs nur dieses stalinistische Pack in ihrer unmittelbaren Umgebung betraf…
– Es gab Zeiten, da lebte Ali sehr unbeschwert, zwar angepasst, doch nicht ganz unauffällig in den Tag hinein, die Jahre mit Paula empfand ich so.
Der Junge war auch einer der ganz wenigen in meinem Bekanntenkreis, der einen ausgeprägten Sinn für die Kleinigkeiten im Leben aufbrachte, aber es sich nicht zu zeigen traute.
Manchmal gab er sich zum kotzen Korrekt, z. B. wenn wir in der kurzen Mittagspause zu ihm nach Hause hasteten, weil wieder neue Scheiben angekommen waren, er anschließend außen um die Fabrik herum rannte, während ich oft die Abkürzung durch ein Fenster in der Kesselschmiede nahm.
In den letzten Jahren hatte ich mich niemals bei ihm erkundigt, ob er diese ausufernden Brieffreundschaften von früher noch pflegte.
Da fällt mir ein, was er für einen Tanz aufführte, als wir mal ankamen und Mutti ihm einen größeren Brief aus Spanien überreichte. Ehrfurchtsvoll wurde er geöffnet – dann ertönte ein infernalischer Schrei: „Alter! Poco a poco! – Alter! Poco a poco!…“
Was hatte dies zu bedeuten?
Poco a poco, Los Rolling Stones!“
Das kleine schwarze Ding auf den Plattenteller, der Griff zur Gitarre und voller Inbrunst mitgegröhlt, vier oder fünf mal, bis Mutti daran erinnerte, dass der Plan noch nicht erfüllt war!
Irgendwann schien C2H5OH eine größere Rolle in seinem Leben zu spielen, wie bei den meisten in seinem alten Umfeld, mich eingeschlossen…

Wenn mich meine selektiven Wahrnehmung nicht täuscht, könnte ich einen Haufen Stories niederschreiben, in denen er ebenfalls auftaucht. Es gibt sehr wenige aus der kalten Heimat, bei denen mir nur angenehme Erinnerungen einfallen, allerdings auch sehr haarige darunter.
Obwohl ich Ali immer für Janusköpfig hielt, gehörte er für mich in die Runde der angenehmen Zeitgenossen… Weiterlesen